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Das Märchen vom Surfen mit dem Handy

WAP-Wahn

Test & Kaufberatung | Test

Die Werbung preist WAP-Handys als den mobilen Zugang zum Internet an. Doch zwischen WWW und WAP liegen Welten: Auf den kleinen, meist monochromen Displays lassen sich nur kompakte Texte und einfache Pixelgrafiken darstellen, während das Web vor Farbe, Grafik, Animation und Sound nur so strotzt. Dem WAP-Einsteiger drohen daher herbe Enttäuschungen.

Aufmacher

WAP-Angebote (Wireless Application Protocol) schießen aus dem Boden wie Pilze nach einem warmen Herbstregen. Doch längst nicht alles, was da aufblüht, ist auch genießbar. Wem schon das gelegentliche Auftauchen toter Links auf Webseiten oder ein täglicher Browser-Absturz die Zornesröte ins Gesicht treibt, der sollte besser noch die Finger von WAP lassen. Dort sind nämlich Fehler von ‘Verbindungsaufbau nicht möglich’ bis hin zu obskuren Servermeldungen nicht selten.

Fehlermeldung
Geheimnisvolle Fehler sind bei WAP nicht selten und vergällen dem Handy-Surfer das Online-Vergnügen.

Bei den Inhalten handelt es sich häufig um Internet-Angebote, die mehr oder minder liebevoll und aktuell auf WAP übertragen werden. Dabei sind zwei Extreme zu beobachten: Entweder übernehmen die Anbieter nur einen Appetithappen, der sich auf dem kleinen Handy-Display bekömmlich darstellen lässt. Ärgerlich ist dann aber, wenn die Texte einfach mittendrin abbrechen, wie beim ‘Max City Guide’ (siehe Kasten [1]), und wichtige Informationen fehlen. Oder die Dienste schicken riesige Textmengen aufs Handy, die dieses nicht auf einmal fasst, sodass es beim Scrollen durch die wenigen sichtbaren Zeilen ständig nachladen muss.

Web-Angebote sollten für WAP redaktionell aufbereitet werden. Dies lässt sich jedoch schwerlich automatisieren und bedeutet einen hohen Arbeitsaufwand. Den wollen sich viele Anbieter angesichts der noch sehr niedrigen Nutzerzahlen nicht leisten. Wir haben diverse Betreiber nach der Motivation für ihr WAP-Engagement befragt und häufig eine ähnlich klingende Antwort erhalten: WAP müsse man halt mitmachen, weil es ein Trend ist, aber es fehle an Know-how und an finanziellen Mitteln für eine vernünftige Umsetzung. WAP laufe noch mit niedriger Priorität nebenher zu den Web-Angeboten. Dies erklärt die häufig schlechte Qualität der Dienste. Es gibt aber auch genügend positive Beispiele für WAP; wir haben eine umfangreiche Liste für Sie zusammengestellt (siehe c't 9/2000, Seite 200).

Der Einstieg in WAP wird häufig gleichgestellt mit der Anschaffung eines teuren neuen Handys. Wer jedoch bereits ein datenfähiges Handy mit serieller oder Infrarot-Schnittstelle besitzt, kann den mobilen Datendienst auch in Verbindung mit einem entsprechenden Organizer nutzen. Und der PC erschließt mit geeigneter Software ebenfalls den WAP-Space. Eine Übersicht aller Zugangsmöglichkeiten finden Sie ab Seite 196.

WAP-Handys müssen übrigens nicht gleich 1000 Mark kosten. Motorola bietet mit dem Talkabout T2288 für 399 Mark ein Einsteigergerät an. Mitsubishi hat für Juli das Trium-XS angekündigt, das im gleichen Preisbereich liegen und sogar ein GPRS-Modem zur schnellen Datenübertragung enthalten soll. WAP-fähige Organizer als Ergänzung vorhandener Handys sind teurer; der preiswerteste (Siemens IC35) kostet 500 Mark. Er bietet jedoch eine umfangreichere Tastatur und ein größeres Display als die Handys und macht damit die WAP-Nutzung deutlich komfortabler.

WAP wird ständig weiterentwickelt; etwa zweimal jährlich erscheint eine neue Version des Standards. Potenzielle Interessenten wurden stark verunsichert, weil die Version 1.1 nicht abwärtskompatibel zu WAP 1.0 ist. Handys wie das Siemens S25 können daher die aktuellen Angebote nicht mehr nutzen. Die jüngst verabschiedete Version 1.2 ist jedoch abwärtskompatibel. Dienste, die darauf basieren, lassen sich also auch mit WAP-1.1-fähigen Handys weiter nutzen. Das soll auch für die im kommenden Herbst erwartete Version 1.3 gelten.

WAP ist langsam. Das liegt an der Übertragungstechnik der Mobilfunknetze. Die Verbindung zwischen Handy und Sender erfolgt über einen Funkkanal, der nur 9600 Bit/s überträgt, also nur 15 Prozent eines B-Kanals von ISDN. Das ist die Geschwindigkeit, mit der die Mobilfunkbetreiber derzeit den Zugang zu WAP-Inhalten herstellen. Demnach würde die Übertragung einer WAP-Seite mit 1400 Zeichen weniger als eine Sekunde dauern. Dies ist jedoch nur ein theoretischer Wert; in der Praxis dauert es etwa drei bis fünf Sekunden, ehe eine solche Seite auf dem Handy-Display erscheint. Im Vergleich zu unseren Erfahrungen von vor einem halben Jahr ist dies ein gutes Ergebnis; damals war das Surfen mit dem Handy noch wesentlich zäher.

Richtig schnell wird WAP erst, wenn man zur Übertragung mehrere Kanäle bündelt. So arbeitet HSCSD (High Speed Circuit Switched Data), das Geschwindigkeiten bis 43,2 kBit/s erreicht. Dabei bezahlt der Kunde allerdings für jeden genutzten Kanal extra. WAP wird damit also zwar schneller, aber nicht billiger.

GPRS (General Packet Radio Service) erreicht mit Kanalbündelung Übertragungsraten von bis zu 170 kBit/s. Im Unterschied zu HSCSD belegt es die Kanäle nicht kontinuierlich während einer Verbindung (leitungsorientiert), sondern nur, wenn tatsächlich auch Datenpakete verschickt werden müssen (paketorientiert). Folgerichtig zahlt der Kunde dann nicht für die Verbindungszeit, sondern vielmehr für das übertragene Datenvolumen, was WAP deutlich billiger machen könnte. Der Nachteil von HSCSD und GPRS liegt auf der Hand: Der Anwender muss sich ein neues Mobiltelefon kaufen, das das jeweilige Verfahren unterstützt.

Solange man noch für die Verbindungsdauer bezahlt, ist WAP ein teures Vergnügen. Während beim Surfen am PC die Online-Minute ab 2,5 Pfennig zu haben ist, berechnen die Mobilfunkbetreiber dafür derzeit noch 39 Pfennig. Hinzu kommt, dass die Bedienung der WAP-Dienste über die wenigen, mehrfach belegten Tasten des Handys umständlicher und langwieriger ist als das Navigieren mit dem Web-Browser.

Um zu sehen, was WAP wirklich kostet, haben wir drei Dienste in Anspruch genommen und die aufgelaufenen Gebühren mit entsprechenden Abfragen im Web verglichen (siehe Tabelle [2]). Den WAP-Zugang stellte dabei ein Nokia 7110 über T-D1 her; alle drei Dienste waren über das T1-Portal erreichbar, sodass die umständliche Eingabe der Adresse entfiel. Der Zugang zum Web erfolgte über ISDN für fünf Pfennig pro Minute inklusive Telefongebühr bei minutengenauer Abrechnung.

Zuerst ließen wir uns vom Auskunftsystem der Deutschen Bahn eine Zugverbindung von Hannover nach München heraussuchen. Das dauerte mit dem WAP-Handy 3 Minuten und 20 Sekunden, was 1,30 Mark kostet. Dies ist 26-mal so teuer wie die Suche übers Web, die weniger als eine Minute dauerte. Selbst eine telefonische Nachfrage bei der Bahn-Auskunft (über 01805-Nummer) ging schneller und kostete nur einen Bruchteil der WAP-Anfrage.

Die beiden weiteren Versuche, eine Routenplanung von Hannover nach München und der Abruf eines Kinoprogramms, lieferten ähnliche Ergebnisse. Lediglich das Kinoprogramm kam einigermaßen flott aufs Handy, da dauerte das Abhören der Bandansage am Telefon (Ortsgespräch) deutlich länger - kostete aber trotzdem noch nicht einmal die Hälfte.

Teuer, langsam und wenig nützlich - was bleibt also noch übrig von der WAP-Euphorie? Nun, ein gewisser technischer Reiz, dem sich - zugegeben - auch der Autor dieses Artikels nicht entziehen kann. Mit WAP steckt die mobile Datenkommunikation noch in den Kinderschuhen. Doch die Entwicklung geht weiter. Nach Meinung des T-Mobil-Chefs Kai-Uwe Ricke wird das Telefonieren mit dem Handy in den kommenden Jahren genauso billig werden wie im Festnetz und dieses sogar weit gehend ablösen. Die Geschwindigkeit der mobilen Datenübertragung wird ISDN-Niveau erreichen und die Verschmelzung von Handy und Pocket-PC weitergehen. Wer diesen Trend von Anfang an mitmachen will, muss sich das WAPpen heute halt was kosten lassen. Ich werde mich hingegen noch etwas in Geduld üben. (ad [3])

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Preisvergleich WAP-Dienste
Fahrplanauskunft Bahn Routenplanung Kinoprogramm
Dauer Preis Dauer Preis Dauer Preis
WAP 200 s 1,30 DM 220 s 1,43 DM 130 s 0,84 DM
WWW 30 s 0,05 DM 40 s 0,05 DM 40 s 0,05 DM
Telefon 35 s 0,24 DM
-
-
240 s 0,36 DM

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WAPpen statt Reiseführer schleppen, endlich kann auch ich wirklich bequem verreisen - mit einem Nokia 7110 in der Tasche. Eine schicke Vorstellung, das Hotel online zu buchen und Ausgehtipps per WAP-Handy einzuholen. Stolz halte ich den kleinen Hightech-Knochen in den Händen. Mal sehen, was die WAP-Dienste als Reiseauskunft und -begleitung hergeben.

Ich will mit dem Zug nach Köln fahren und mich dort ausschließlich vom WAP leiten lassen. Also surfe ich zur Fahrplanauskunft. ‘Pin eingeben’ - ‘Code angenommen’, ich drücke ‘Dienste’ und komme auf das T-D1-Portal, von wo es über Optionen weiter geht zu den Fahrplänen. ‘Von Hannover nach’, so weit klappt es, aber dann lässt sich ‘Köln’ nicht eingeben.

Ich versuche es noch mehrfach, was kein Spaß ist, denn Tippen auf dem Handy ist eher was für Feinmotoriker und Filigran-Fanatiker. Vielleicht mit ‘oe’ statt mit ‘ö’? Nein, das macht keinen Unterschied: Auf dem Display heißt es zwar immer wieder ‘Verbindungsaufbau’, aber dazu kommt es dann doch nicht. So gehe ich schließlich ohne Vorab-WAP-Infos zum Bahnhof.

Im Zug nach Köln will ich ein Hotelzimmer buchen. Eigenständiges Surfen ist ärgerlicherweise nur über den lästigen Umweg ‘Lesezeichen einrichten’ möglich. So gehe ich über das T-D1-Portal, wo der Hotelreservierungsservice HRS vorgeschlagen wird. ‘Bitte geben Sie Ihren Reiseort ein’, verlangt das WAP-Formular, doch dann akzeptiert es den Eintrag ‘Köln’ nicht. Ich beschließe, es später noch einmal zu versuchen und suche nach ‘Restaurants’ in Köln.

Dazu muss ich einen Stadtteil eintragen. Ich tippe ‘Köln-Ehrenfeld’. Der WAP-Auskunft zufolge gibt es dort nur ein Restaurant, das ‘Zeit der Kirschen’: Zufällig kenne ich das Lokal sogar, es ist nicht ganz billig, aber schön und lecker. Der Tipp ist in Ordnung, trotzdem ist das ‘Zeit der Kirschen’ sicher nicht die einzige Adresse in Ehrenfeld. Eine Online-Tischreservierung ist nicht möglich. Ich gehe ins Zugbistro.

Kaffeetrinkend suche ich weiter. ‘Karneval’ und ‘Klüngel’ fallen mir ein. Und richtig, nach Überwindung der seltsam unzusammenhängenden Menüoptionen ‘Startseite, Lesezeichen, Auswählen und Zurück’ komme ich zum ‘Max City Guide’ mit dem Eintrag ‘Klüngel, Kölsch und Karneval’. ‘Den Römern sei Dank’, steht da, ‘sie verguckten sich in den Erdfleck in der Rheinebene und schufen einen sicheren Grenzposten. Heute ist die ehemalige römische Kolonie eine Kultur-, Medien- und Wirtschaftsmetropole. Die über eine Millionen Einwohner, ob Einheimische oder Immis, sind schwer zu fassen.’ Moment mal: Eine Millionen Einwohner sind schwer zu fassen. Wie kann das denn sein? Ich lese weiter: ‘Sie sind offen und oberflächlich, weltoffen und stockkatholisch. Was ihnen gemein ist, ist ihre Lebenseinstellung 'et kütt, wie et kütt' und ihr Lokalpatriotismus 'Dat Hätz vun ...'.’ Hier endet der Text mit dem Hinweis: ‘Mehr im Web Max City Guide!’ Kein Wort vom Karneval, vom Kölsch oder vom Klüngel.

‘Et kütt, wie et kütt’ - das ist ein guter Wahlspruch beim WAPpen, denke ich. Mein Tischnachbar im Bistro fragt, ob das, er zeigt auf das Nokia, ein WAP-Handy ist. ‘Oder heißt das vielleicht 'wop' oder 'wäpp'?’, setzt er vorsichtig hinzu. Ich antworte, dass ich von ‘wap’ ausgehe, - ‘weil es sich sonst nicht auf ‘schlapp’ reimt’, kommt mir in den Kopf. Immerhin: Als ‘Bistro-Tisch-Mercedes’ und sozialer Anknüpfpunkt funktioniert das Nokia 7110 ganz prima. (mbb [8])


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