Warten auf Kai

@ctmagazin | Editorial

Warten auf Kai

"Also, bei mir steht der Papierkorb nicht auf dem Schreibtisch. Und meine privaten Briefe bewahre ich auch nicht in diesen komischen Mappen auf, sondern in einem Schuhkarton." - Julia will meine Erklärungsversuche bezüglich der Desktop-Metapher eines modernen Betriebssystems vielleicht nur deshalb nicht nachvollziehen, weil sie als angehende Juristin alles etwas genauer zu nehmen pflegt. "Und welcher normale Mensch heftet seine Schreibmaschine im Aktenschrank ab? Dein Textprogramm liegt hier mitten zwischen den Schreiben ans Finanzamt.

Das alles geht doch glatt an der Realität vorbei." Sie klickt auf einen der Desktop-Ordner und schüttelt ihn mit der Maus. "Bei einem richtigen Hefter würden jetzt Radiergummi, Bleistifte und Brötchenkrümel unten rausfallen - alles, was da nicht reingehört. Und? - Fehlanzeige. Ich dachte, du stellst mir hier ein schnelles, einfach zu bedienendes Gerät hin. Das hier braucht fünfmal so lange zum Starten wie das alte Röhrenradio in der Küche, und dann muß ich meine Texte immer noch Sichern, wie damals im Uni-Rechenzentrum. Wenn ich eine halbe Stunde angestrengt draufrumtippe, könnte das Ding ja auch mal von selbst auf die Idee kommen, daß das irgendwie wichtig ist!"

Nun ja: Das ganze "Öffnen"- und "Sichern"-Procedere läßt sich kaum mit Sinnbildern aus dem Büro-Alltag herleiten, es sei denn, man arbeitet im Finanzamt an einem VT-100-Terminal. Doch selbst im Leitz- und Locher-Imperium erscheint die klassische Texteingabe-Maske inzwischen als Windows-95-Fenster. Nicht mehr so gut lesbar wie damals am VT-100, dafür jetzt schön bunt und in zweiter Ableitung blöd: zum Sichern des Datensatzes muß man auf ein kleines Disketten-Symbol klicken, obwohl das Datenbank-Frontend natürlich nicht entfernt daran denkt, irgend etwas auf einer richtigen Diskette zu speichern. Fast zwanzig Jahre hat sich so gut wie nichts getan bezüglich der Mensch-Maschine-Schnittstelle, ganz im Gegenteil - die obsoleten Metaphern haben sich in den Hirnen von Entwicklern und Anwendern regelrecht festgefressen.

Daß es auch anders geht, beweisen nicht nur Kais krause Ideen: Manch WWW-Seite setzt sich locker über elementarste Grundregeln von stringenter, ergonomischer Benutzerführung alter Schule hinweg und ist trotzdem überaus gut und gern besucht. Und wenn dort schon visuelle Anarchie und responsives Chaos herrschen, fallen einem auch keine rechten Argumente für die gestelzte Ordnung auf der heimischen Festplatte mehr ein.

Warum kann sich also meine konisch vermüllte, kraterartig freigeschaufelte Hochleistungs-Arbeitsfläche nicht auch auf dem Bildschirm fortsetzen? Die selbsttragende Stapelhöhe von lose geschichteten Pressemitteilungen beträgt über 35 Zentimeter, und trotzdem finde ich darin auf Anhieb das vom Chefredakteur Gesuchte (oft jedenfalls). Im Ordner im Ordner im Ordner irgendwo auf der PC-Festplatte überschreiten unbeantwortete Mails dagegen schon einmal ihr Haltbarkeitsdatum um mehrere Monate.

Die Rechner sind längst leistungsfähig genug für eine Benutzerführung ohne einengende Metapher aus der Computer-Steinzeit, und die eher abschreckende Büro-Bildhaftigkeit gilt sowieso nur in wenigen Kulturkreisen. Abstrakte Symbole, die ohne Lernaufwand von jedem verstanden werden, sind reine Utopie - das weiß Krause auch. Doch jedes Kind erfaßt in Windeseile den Sinngehalt der roten Ampel, jeder Fahrschüler hat die mehr als hundertzwanzig abstrakten Schilder der StVO nach spätestens drei Beulen verinnerlicht. Wäre also beim PC eine gegenstandslose, einprägsam-knappe Symbolik nicht angezeigter als die krampfhafte und bisweilen unstimmige Versinnbildlichung?

Schon, aber wahrscheinlich müssen wir unseren mit Polymer- und Molekül-Speichern aufwachsenden Enkeln noch beibringen, wozu Festplatte und Diskettenlaufwerk dienten - nur damit sie das Gates´sche "Arbeitsplatz"-Fenster von Windows 2035 begreifen.

Julia wünscht sich erst mal eine zweite Maus - "für links". Man hat ja schließlich zwei Hände.

Carsten Meyer

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