Weiter unklar

Ergebnisse des deutschen Mobilfunkforschungsprogramms

Wissen | Know-how

Mobilfunkforschung ist kein einfaches Geschäft: Neben den üblichen Schwierigkeiten, die medizinische Forschung immer hat, werden die Projekte zu möglichen gesundheitlichen Auswirkungen von Handys und Basisstationen besonders kritisch diskutiert.


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Eigentlich hätte alles so schön sein können: "Die Ergebnisse des DMF geben insgesamt keinen Anlass, die Schutzwirkung bestehender Grenzwerte in Zweifel zu ziehen", lautet die zentrale Schlussfolgerung im Abschlussbericht des Deutschen Mobilfunkforschungsprogramms (DMF), dessen Ergebnisse auf einer zweitägigen Konferenz Mitte Juni in Berlin ausführlich vorgestellt wurden. Keine dramatischen neuen Erkenntnisse also, die belegen würden, dass Mobilfunk die Gesundheit schädigt. Bei der Konferenz könnten sich jetzt alle zufrieden und entspannt zurücklehnen.

Diese Hoffnung bremste Umweltminister Sigmar Gabriel allerdings gleich in der Begrüßung aus: "Falls jemand zu diesem Kongress gekommen ist in dem Glauben, wenn wir wissenschaftlich gut gearbeitet und nach sechs Jahren Mobilfunkforschungsprogramm jetzt Ergebnisse haben, nun seien alle befriedet, dann irren Sie sich. Wir konnten gerade bei der Pressekonferenz live erleben, dass auch eine intensive Diskussion des Themas, ein umfangreiches Forschungsprogramm, ein internationaler Abgleich der Forschung nicht dazu führten, dass diejenigen, die dem Thema nicht-ionisierende Strahlung durch Mobilfunknetze skeptisch-kritisch und auch ängstlich gegenüber stehen, sich nun beruhigt fühlen."

Natürlich sei es weiterhin so, dass auch an eines der weltweit umfangreichsten Forschungsprogramme zu den Auswirkungen des Mobilfunks auf die Gesundheit Fragen gestellt würden: Hat man denn die eine oder andere Frage wirklich richtig beurteilt? Stimmen die angewandten Methoden? Kommen nicht internationale Aussagen anderer Gutachter und Mediziner zu anderen negativeren Ergebnissen? Sind die denn ausreichend beachtet worden? Schließlich zog Gabriel sein persönliches Fazit: "Also ich glaube nicht, dass wir mit dem, was wir nach sechs Jahren mit dem Kongress einem Zwischenstadium zuführen, gleichzeitig zur Befriedung der Diskussion in Deutschland, aber auch darüber hinaus, beigetragen haben."

Einer der Gründe für weiter anhaltende Skepsis nicht nur bei einigen Journalisten dürfte auch sein, dass das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) in seinem Fazit des DMF eben selbst darauf hinweist, dass trotz vieler Antworten noch einige Fragen offen sind: "Die in einigen Studien gefundenen geringfügigen physiologischen Reaktionen, die Hinweise, dass Kinder eventuell stärker exponiert sein könnten als Erwachsene, die nicht abschließend geklärte Frage nach gesundheitlichen Risiken bei einer langfristigen Handyexposition sowohl für Erwachsene, besonders aber für Kinder, legen auch weiterhin einen vorsichtigen Umgang mit drahtlosen Kommunikationstechniken nahe. Die Beibehaltung der vom BfS und auch von der deutschen Strahlenschutzkommission (SSK) formulierten einschlägigen Vorsorgeempfehlungen vor allem für Kinder und Jugendliche wird weiterhin empfohlen. Beim Betrieb der bestehenden und der Entwicklung neuer drahtloser Kommunikationstechnologien ist weiterhin auf eine vorsorgliche Minimierung der Exposition der Nutzer und der Bevölkerung zu achten. Die bestehenden Unsicherheiten in der Risikobewertung müssen durch gezielte Forschung weiter eingegrenzt werden. Zukünftige Informationsmaßnahmen für die allgemeine Bevölkerung sollten klares Orientierungswissen bieten und mögliche Handlungsspielräume für den Einzelnen aufzeigen. Aussagen über wissenschaftliche Erkenntnisse und die Grenzen des Wissens müssen dabei in Sprache und Komplexität so einfach und konkret wie möglich formuliert werden."

Zumindest eines der mit ihm verbundenen Ziele hat das 54 Projekte umfassende DMF damit nicht ganz erreicht. Das von Bundesregierung und Mobilfunkprovidern zu gleichen Teilen finanzierte, insgesamt 17 Millionen Euro teure Forschungsprogramm ist ein zentraler Teil der Maßnahmen, die die Mobilfunkprovider im Dezember 2001 in einer Selbstverpflichtung gegenüber der Bundesregierung zugesagt hatten. Erklärtes Ziel der Mobilfunkprovider war darin, damit "eine spürbare Versachlichung der Diskussionen und dadurch mehr Akzeptanz" zu erreichen, nachdem die Emotionen zwischen Befürwortern und Kritikern des Mobilfunks immer mehr hochgekocht waren.

Als der Mobilfunk sich vor gut zehn Jahren anschickte, zu einer Massentechnik zu werden, hatte die mit unabhängigen Wissenschaftlern besetzte Internationale Strahlenschutz-Kommission für Nicht-Ionisierende Strahlen (ICNIRP) die bis dahin durchgeführten Untersuchungen kritisch gesichtet. Ihre Auswertung ergab, dass man mit gesundheitlichen Schädigungen nur rechnen müsste, wenn die absorbierte Strahlung das Körpergewebe zu stark erwärmt.

Um dies auszuschließen, empfahl die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) förmlich anerkannte Kommission Grenzwerte, die um ein Vielfaches unter den ermittelten kritischen Werten für eine thermische Wirkung liegen und auch von der Bundesregierung als Richtschnur für die Gesetzgebung zu Funkanlagen übernommen wurden. Entscheidend ist dabei die vom Körper aufgenommene und in Wärme umgewandelte Strahlungsenergie, die als spezifische Absorptionsrate (SAR) gemessen wird. Für Mobiltelefone ist nach der Produktnorm EN 50360 europaweit ein SAR-Wert von maximal 2 Watt pro Kilogramm Körpergewebe zulässig. Aktuelle Mobiltelefone haben SAR-Werte zwischen etwa 0,08 (Samsung SGH-F700 "Qbowl" oder LG Electronics KG800 (Chocolate)) und 1,9 W/kg (HTC X9500 Shift). Eine nach SAR-Werten sortierte Liste von Mobiltelefonen bietet unsere Handy-Galerie.

Grenzwerte für elektromagnetische Felder
Quelle SAR Immissionsgrenzwert
Mobiltelefon 2 W/kg (Teilkörper) -
GSM-900-Sendeantenne 0,08 W/kg (Ganzkörper) 4,5 W/m²
GSM-1800-Sendeantenne 0,08 W/kg (Ganzkörper) 9 W/m²
UMTS, Wimax-Sendeantenne 0,08 W/kg (Ganzkörper) 10 W/m²
- nicht vorhanden

Trotz solcher Festlegungen verbreiteten sich beim Mobilfunk mit der wachsenden Zahl der Basisstationen auch die Zweifel, ob Mobilfunk bei Einhaltung der Grenzwerte tatsächlich keine Schäden bewirken kann [1]. Einige Studien nährten den Verdacht, dass es neben der in den Grenzwerten berücksichtigten thermischen Wirkung auch andere, nicht-thermische Wirkungen geben könnte, die möglicherweise schon bei Feldstärken zu Schäden führen könnten, die deutlich unter den geltenden Grenzwerten liegen.

Mobilfunkfirmen wie Regierungen fingen an, wegen der zunehmend auch von Kommunen unterstützten Einsprüche gegen Antennenstandorte ernsthafte Rückschläge beim ebenfalls heftig geforderten Ausbau der Netze zu befürchten – dies hätte nicht nur die Geschäfte der ersteren schädigen, sondern auch die Wirtschaft insgesamt bremsen und die damals noch große Hoffnung auf einen Ausbau der direkt und indirekt vom breit verfügbaren Mobilfunk abhängenden Arbeitsplätze zunichte machen können.

Die zunehmende Verbreitung von Funktechnik macht das Leben oft einfacher, weckt aber auch Ängste.
Die zunehmende Verbreitung von Funktechnik macht das Leben oft einfacher, weckt aber auch Ängste. Vergrößern
Bild: IZMF
Um die Situation zu beruhigen, übergaben schließlich die damals noch sechs UMTS-Provider der Bundesregierung ihre Selbstverpflichtung. Hierin erklärten E-Plus, Mannesmann, Mobilcom, T-Mobile, Quam und Viag Interkom, dass sie die Bedenken sehr ernst nähmen und deshalb bereit seien, "durch konkrete zusätzliche Maßnahmen die Vorsorge weiter zu verstärken". Sie versprachen unter anderem mehr Kommunikation und Teilhabe der Betroffenen bei der Wahl der Antennenstandorte, mehr Mobiltelefone mit geringerem SAR-Wert und bessere Beratung beim Handykauf, 1,5 Millionen Euro für den weiteren Ausbau des Monitoring der EMF-Immissionen sowie 8,5 Millionen Euro für ein unabhängig von ihnen allein vom Bundesumweltministerium verantwortetes Forschungsprogramm – das DMF.

Bei der Abschlusskonferenz hierzu fand Gabriel neben ausdrücklichem Lob für die tatsächlich deutlich gestiegene Gesprächsbereitschaft und bessere Zusammenarbeit der Provider mit den Kommunen auch deutliche Worte der Kritik: Es sei nicht akzeptabel, dass die Hersteller eine einfache Kennzeichnung wie den Blauen Engel für Handys ablehnten. Auch die Informationen zum Thema Mobilfunk und Gesundheit, die Kunden in Handy-Shops bekommen, lassen laut einer DMF-Untersuchung noch viele Wünsche offen.

Damit zukünftig alle Fragen nach Einflüssen des Mobilfunks auf die Gesundheit möglichst überzeugend beantwortet werden können, hat das vom BfS unter öffentlicher Beteiligung konzipierte DMF versucht, systematisch das Grundlagenwissen zu vertiefen und gleichzeitig vor allem den vorhandenen Verdachtsmomenten nachzugehen.

Mit dem Terahertzbereich erobern die Techniker nun auch den letzten Frequenzbereich für die Nutzung von Funkwellen.
Mit dem Terahertzbereich erobern die Techniker nun auch den letzten Frequenzbereich für die Nutzung von Funkwellen. Vergrößern

Konkret wurde unter anderem untersucht, ob Telefonieren mit dem Handy, wie von Kritikern immer wieder vermutet, direkt die Gehirnleistung, die Blut-Hirn-Schranke, Augen und Ohren oder das allgemeine Befinden einschließlich des Schlafes negativ beeinflusst und ob ein langfristiger Gebrauch insbesondere Krebs verursachen, aber auch in anderer Weise gesundheitsschädlich sein könnte. Um gleichzeitig auch Grundlagen zur Bewertung zukünftiger Technologien zu erarbeiten, wurden bei einigen Projekten auch andere Frequenzbereiche über GSM und UMTS hinaus mit einbezogen. Neue Mess- und Rechenverfahren sollen genauere Studien und Alltagsmessungen ermöglichen. Und schließlich beschäftigten sich auch noch Projekte damit, wie der Mobilfunk wahrgenommen wird und wie man Menschen am besten so informieren kann, dass sie die Bedeutung wissenschaftlicher Ergebnisse tatsächlich verstehen.

Die Erkenntnisse des DMF hat das BfS in einer kostenlosen, auch als PDF downloadbaren Broschüre zusammengefasst sowie in detaillierteren Darstellungen online veröffentlicht [2, 3].

Die Projekte zur Dosimetrie konnten laut BfS erheblich zur Aufklärung und zum Verständnis tatsächlicher und unter ungünstigen Bedingungen maximal möglicher Expositionen beitragen. Unter anderem untersuchte das DMF die beim Telefonieren auftretende fühlbare Erwärmung am Ohr oder Kopf. Diese entsteht nicht durch die ins Gewebe eingetragene Leistung, sondern durch die vom Handy verhinderte Wärmeabfuhr. Messungen zur maximal möglichen Belastung zeigten, dass GSM-Telefone zumindest für einen Teil der Gesprächszeit die maximale Sendeleistung erreichten und damit dem vom Hersteller für das jeweilige Handy angegebenen maximal erreichbaren SAR-Wert sehr nahe kamen, da sie bei schlechter Funkversorgung und kurzfristig bei jedem Zellwechsel auf den im jeweiligen Netz maximalen Wert hochregeln. Die immer von unten auf die notwendige Leistung hochregelnden UMTS-Telefone blieben dagegen um den Faktor 1000 bis 10.000 unter dem SAR-Grenzwert von 2 W/kg.

Aber nicht alles ließ sich bereits in diesem Programm in befriedigender Qualität messen oder mit Hilfe numerischer Modelle berechnen: So kamen Personendosimeter, mit denen sich die tatsächliche Belastung auch bei bewegten Tieren oder Menschen verfolgen lässt, erst in jüngerer Zeit auf den Markt und wie man die Gesamtexposition in komplizierten Szenarien bestimmt, ist noch nicht abschließend beantwortet. Und nicht zuletzt gibt es konkrete Hinweise, dass man für Kinder eigene Kopfmodelle braucht. Das Projekt dazu war bis zur Abschlusskonferenz aber noch nicht abgeschlossen.

Um eventuelle Gesundheitsgefährdungen einschätzen zu können, muss man nicht nur die einwirkenden elektromagnetischen Felder (EMF) bestimmen können, sondern auch wissen, wie diese auf biologische Systeme wirken. Das Teilprogramm zu Wirkmechanismen untersuchte, ob hochfrequente Felder auch unterhalb der Grenzwerte mit Körperzellen wechselwirken. Solche athermischen Wirkungen müssen nicht automatisch gesundheitsschädlich sein, könnten aber auch ernsthafte Krankheiten wie Krebs oder Genschäden auslösen. Dies kann man umso besser beurteilen, je genauer man die Zusammenhänge auf Zellebene versteht.

Im DMF untersuchten die Wissenschaftler die generelle Wirkung hochfrequenter Felder an für das Immunsystem wichtigen Zellen. Sie prüften unter anderem, ob sich deren Überlebensrate, ihre Vermehrungsfähigkeit, ihr Zellzyklus, ihre Produktion von Stressproteinen oder die Konzentration reaktiver Sauerstoffverbindungen in ihnen änderten. Dabei fanden sie keine klaren Hinweise auf biologische Schädigungen, wobei allerdings die Ergebnisse der Untersuchungen zur Gentoxizität noch nicht einbezogen sind, da diese ebenfalls bei Abschluss des DMF noch nicht abgeschlossen waren.

Frühere Studien hatten außerdem Hinweise darauf erbracht, dass Mobilfunk die Produktion des Hormons Melatonin hemmen könnte. Melatonin beeinflusst den Hormonhaushalt, sodass es zu zahlreichen Befindlichkeitsstörungen beitragen könnte, wird aber auch als Tumorhemmer diskutiert. Da der von vielen Einflüssen abhängende Melatoninspiegel auch individuell stark schwankt, sind einzelne Einflüsse schwierig festzustellen und zu bewerten. In der DMF-Studie wurden die Melatonin produzierenden Pinealorgane von Hamstern kontinuierlichen und GSM-Feldern ausgesetzt. Bei einer achtstündigen Befeldung mit dem höchsten untersuchten SAR-Wert von 2,7 W/kg wurde bei einem kontinuierlichen Signal eine Zunahme, bei dem modulierten GSM-Signal dagegen eine Abnahme der Melatoninproduktion beobachtet. Bei den Messungen unterhalb des Grenzwertes von 2 W/kg mit 0,08 und 0,008 W/kg war dagegen kein Effekt feststellbar gewesen.

Nach den Ergebnissen der dosimetrischen DMF-Studien wird die Netzhaut während eines Telefonats nur wenig belastet. Da einerseits starke Erwärmungen des Auges grauen Star (Katarakt) auslösen können und andererseits das neuronale Netzwerk der Netzhaut ein gutes Modell für neuronale Netzwerke allgemein ist, wurde im DMF auch der Einfluss von GSM- und UMTS-Feldern auf isolierte Netzhäute von Mäusen untersucht. Bis zum SAR-Wert von 20 W/kg fanden sich keine schädlichen Wirkungen. Dies gilt ebenso bei den beiden DMF-Untersuchungen zum Einfluss des Mobilfunks auf das Hören, die den physiologischen Zustand der inneren Haarzellen im Ohr junger Mäuse maßen und Ratten darauf untersuchten, ob sie Tinnitus entwickeln.

Bei einem Zellkulturenversuch zur Expression von Genen der Blut-Hirn-Schranke, die viele für Nervenzellen schädliche Stoffe am Übertritt ins Gehirn hindert, fanden die Forscher ebenfalls keine klare Expositions-Wirkungs-Beziehung, es gab aber einzelne Veränderungen in der Regulation nach oben wie nach unten, wobei bei 3 W/kg die meisten regulierten Gene auftraten. Einigen Ergebnissen dieser Studien sollte nach Ansicht des BfS noch weiter nachgegangen werden, da sie bei der Beantwortung der Frage nach möglichen athermischen Effekten helfen könnten.

Untersuchungen zur Blut-Hirn-Schranke hatte die WHO in ihrer 2003 aufgestellten Forschungsagenda zu hochfrequenten Feldern als "dringend" eingestuft. Auslöser dafür war, dass kurz zuvor die Arbeitsgruppe Salford entgegen vorhergehender Tierversuche in einer Studie festgestellt hatte, dass bereits deutlich unter den SAR-Grenzwerten liegende kontinuierliche und gepulste 915-MHz-Felder die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke beeinflussen und neuronale Schäden verursachen, was ähnliche im Jahr 2000 in Zellkulturen gefundene Ergebnisse der Schirrmacher-Gruppe bestätigten.

Auch bei der Bewertung dieser Untersuchungen zur Blut-Hirn-Schranke kommt das BfS zu dem Schluss, dass das DMF die Hypothese einer Schädigung durch hochfrequente elektromagnetische Felder unterhalb der Grenzwerte nicht stütze. Ähnlich wie beim Melatonin schwankt die Wirksamkeit der Blut-Hirn-Schranke auch schon unabhängig von äußeren Einflüssen. Zwar habe es bei über dem Grenzwert liegenden SAR-Werten von 13 W/kg einzelne Veränderungen nach oben und nach unten gegeben, aber in keinem der untersuchten Szenarien hätte sich bei den Tierversuchen ein plausibler Zusammenhang zwischen Expositionshöhe und Effekt gezeigt, was auch von einigen weiteren jüngeren Arbeiten außerhalb des DMF gestützt werde.


Vorsorgetipps des BfS
Da die langfristigen Wirkungen von Handystrahlung auf den Organismus noch nicht geklärt sind und auch noch nicht genügend Forschungen zur Empfindlichkeit von Kindern durchgeführt wurden, rät das Bundesamt für Strahlenschutz weiterhin dazu, die Strahlenbelastung möglichst gering zu halten:

  • nicht bei schlechtem Empfang telefonieren, zum Beispiel aus Autos ohne Außenantenne.
  • auf den SAR-Wert achten (strahlungsarm <= 0,6 Watt/kg)
  • Kopfhörer nutzen
  • lieber eine SMS schreiben
  • Festnetztelefon vorziehen

Da man nicht sicher sein kann, ob man wirklich alle möglichen Wirkmechanismen in Laborversuchen erkennt, und gleichzeitig ein wissenschaftlicher Beweis, dass es keine schädlichen Wirkungen gibt, prinzipiell nicht möglich ist, versucht man parallel in epidemiologischen Studien die Frage zu klären, ob es Langzeitwirkungen gibt. Fall-Kontroll-Studien untersuchen zwei Stichprobengruppen von Menschen, die einen mit den verdächtigten Erkrankungen, die anderen ohne diese, und prüfen, ob es in der Vergangenheit einen signifikanten Unterschied bei den Expositionen der beiden Gruppen gab. Kohortenstudien schauen genau umgekehrt bei zwei Gruppen mit und ohne Exposition, ob es Unterschiede bei den Erkrankungen gibt. Findet man jeweils Unterschiede, ergibt sich damit zwar noch keine klare Ursache-Wirkungs-Beziehung, aber ein konkreter Verdacht auf einen Zusammenhang.

Auf diese Weise sind die im Vergleich zum Mobilfunk deutlich stärkeren Radio-/TV-Sender schon vor längerer Zeit in den Verdacht geraten, das Risiko für Kinderleukämie zu erhöhen. Laut BfS-Bericht zum DMF konnten Nachfolgestudien mit einer anderen Herangehensweise die Ergebnisse aber nicht reproduzieren, und insgesamt sei das Bild nicht eindeutig gewesen. Sichere Aussagen sind gerade in diesem Fall nur schwierig zu erhalten: Es gibt nur sehr wenige Erkrankungen, sodass sich statistische Schwankungen sehr stark bemerkbar machen können, eine vollständige Erfassung aller Erkrankungen, um tatsächlich unterschiedlich hohe Fallzahlen in verschiedenen Regionen feststellen zu können, ist nicht garantiert und die nachträgliche Abschätzung der Exposition der Kinder ist dadurch zusätzlich erschwert, dass in Deutschland die meisten im Einflussbereich mehrerer Sender leben.

Die DMF-Studie und eine weitere 2007 veröffentlichte koreanische Studie zu dieser Frage, die statt des als Belastungsmaß wenig brauchbaren Abstands zu Sendeanlagen anhand von Betreiberdaten individuell die mittlere Belastung im Jahr vor dem Diagnosezeitpunkt abschätzten, fanden keinen Zusammenhang zwischen geschätzter Exposition und Kinderleukämie. Nach der Gesamtschau aller Studien und da eine biologische Erklärung fehlt, sieht das BfS bei der Kinderleukämie "wenig Evidenz für einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang".

Bei einer von der WHO im Jahr 2000 in 13 Ländern initiierten Fall-Kontroll-Studie zu Handynutzung und Hirntumoren oder Akustikusneurinomen wurde auch eine deutsche Teilstudie durchgeführt [4]. Das DMF beteiligte sich an dieser Interphone-Studie zusätzlich unter anderem mit einer Studie zum Augenmelanom. Für eine Nutzung von bis zu zehn Jahren wurde in den deutschen Studien kein erhöhtes Risiko gefunden. Bei einer für das Krebsrisiko möglicherweise entscheidenderen mehr als zehnjährigen Nutzung sind die Fallzahlen in einem Land allein noch zu niedrig. Hierzu lassen sich erst Aussagen machen, wenn demnächst die Gesamtauswertung der Interphone-Studie vorliegt.

Zu den befürchteten Wirkungen hochfrequenter Felder gehört auch eine lange Liste mit kurzfristig auftretenden Beschwerden wie Kopfschmerzen sowie Störungen des Schlafs und der kognitiven Leistungsfähigkeit. Im DMF gab es unter anderem drei Schlafstudien sowohl mit jungen gesunden Männern als auch mit Elektrosensiblen. Diese sollten klären, ob die gesundheitlichen Beschwerden von Menschen, die sich selbst eine besondere Empfindlichkeit gegenüber elektromagnetischen Feldern zuschreiben, tatsächlich vom Mobilfunk ausgelöst werden.

Die Probanden und die den Versuch betreuenden Wissenschaftler wussten jeweils nicht, wann ein Feld wirkte. Bei den Studien ließ sich kein eindeutiger Zusammenhang zwischen dem tatsächlichen An- und Ausschalten der Felder und gemessenen Schlafbeeinträchtigungen feststellen. Ein Teil der Elektrosensiblen schlief subjektiv besser, wenn sie davon ausgingen, dass kein hochfrequentes Feld wirkte, ohne dass die gemessenen Schlafparameter dies widerspiegelten.

Zu allen Bereichen gab es auch auf der Abschlusskonferenz selbst Diskussionen, ob wirklich alle Ergebnisse richtig gedeutet worden sind. Prinzipiell treffen schon in der Wissenschaftlerwelt zwei Ansätze aufeinander: Die einen berufen sich streng auf den wissenschaftlichen Maßstab, dass statistische Signifikanz alleine noch nicht ausreichend ist – schließlich kann man auch statistisch signifikante Ergebnisse zufällig erhalten, sodass erst von anderen Gruppen reproduzierte statistisch signifikante Ergebnisse tatsächlich eine Aussage erlauben. Einzelne Ergebnisse, die auf biologische Wirkungen hinweisen, diesem Anspruch aber nicht genügen, geben bei dieser Sicht keinen ausreichenden Grund, insbesondere durch strengere Grenzwerte die Nutzung einer Technik für alle und damit auch die davon abhängende Wirtschaft zu beschränken.

Das BfS rät: Headsets nicht nur im Auto nutzen.
Das BfS rät: Headsets nicht nur im Auto nutzen. Vergrößern
Bild: IZMF
Die anderen widersprechen diesem Grundsatz nicht, kommen in der Bewertung aber zu einem anderen Schluss. Sie schauen gleichzeitig auf das Individuum und fordern, gerade weil man prinzipiell die Nicht-Gefährlichkeit von etwas nicht beweisen kann, sodass man sich nie völlig sicher sein kann, müsse man auch bei noch nicht bestätigten Hinweisen auf einen Verdacht zum Schutz des Einzelnen das Risiko so weit wie möglich minimieren. Einige fordern, dass man unter anderem einen Vorsorgegrenzwert einführt, der deutlich tiefer liegen sollte als der derzeitige, aus den bisher sicher erkannten Gefährdungen abgeleitete Grenzwert.

Das BfS, dessen Sicht die Bundesregierung übernommen hat, versucht den Spagat aus beidem: Es hält eine Grenzwertsenkung für nicht angemessen, empfiehlt aber gleichzeitig vorsichtshalber die individuelle Belastung so gering wie möglich zu halten. Dabei geht es aber nicht so weit, die Forderung einiger auch bei der Abschlusskonferenz anwesenden Vertreter von Bürgerinitiativen zu unterstützen, für Elektrosensible gezielt Regionen ohne jede Strahlenbelastung zu schaffen.

Eine Bewertung und Umsetzung der Forschungsergebnisse ist für die Politik nicht nur deshalb schwierig, weil die Materie schwierig ist, sondern auch, weil die Vorstellungen und Wünsche der Bevölkerung sehr unterschiedlich sind.

Unter dem Stichwort Risikokommunikation haben einige DMF-Projekte auch diese Wahrnehmung des Mobilfunks in der Bevölkerung untersucht und wie man am besten mit den unterschiedlichen Gruppen umgeht. Dabei wurde unter anderem deutlich, dass zwar die Nutzerzahlen kontinuierlich steigen, aber gleichzeitig der Anteil der Zweifler in der Bevölkerung gleich bleibt, trotz aller Untersuchungen, Aufklärungskampagnen und Informationsangebote wie dem EMF-Portal des BfS oder der von dem IZMF, einem Verein der Provider, angebotenen Website. Entscheidendes Ergebnis der Projekte sei, dass es nicht an der Menge, sondern an der Qualität der Informationen mangele. Diese müssten besser auf die unterschiedlichen Zielgruppen zugeschnitten werden, um deren Bedürfnisse auch tatsächlich zu erfüllen.

Mit dem Abschluss des deutschen Mobilfunkforschungsprogramms sind zwar alle etwas klüger, aber nicht wirklich glücklicher als 2001. Die heiße Forschungsphase sei in Deutschland nun vorbei, erklärte Umweltminister Gabriel bei der Abschlusskonferenz und kündigte gleichzeitig die Fortsetzung auf kleinerer Flamme zur Klärung der nur mittel- bis langfristig klärbaren noch verbliebenen Fragen an. Konkret soll das Bundesamt für Strahlenschutz zukünftig 500.000 Euro jährlich für weitere Forschungen zu den Wirkungen elektromagnetischer Felder vergeben und dabei die internationale Forschung noch stärker als bisher berücksichtigen. Schwerpunkte werden Untersuchungen zur Exposition aus mehreren unterschiedlichen Quellen, zu langfristigen Wirkungen und zur möglicherweise besonderen Empfindlichkeit von Kindern sein. (anm)

[1] Richard Sietmann, Störfunk fürs Gehirn, Mythos und Realität von Gesundheitsschäden durch elektronische Geräte, c't 14/00, S. 218, www.heise.de/ct/00/14/218
[2] Broschüre zum DMF: www.bfs.de/de/bfs/druck/broschueren/bro_dmf.html
[3] DMF im Detail: www.emf-forschungsprogramm.de
[4] (K)ein Zusammenhang zwischen Mobilfunk und Krebs, c't 1/07, S. 45, www.heise.de/ct/07/01/045
[5] Informationswebsite: www.elektrosmoginfo.de