Werttransporte

(Un-)Sicherheit im Netz

Wissen | Hintergrund

Jede verwertbare Information ist wertvoll - das versteht sich von selbst. Alles, was wertvoll ist, ist auch schützenswert. Und jede (ungeschützte) elektronische Information ist verwertbar. Daraus folgt: Jede elektronische Information sollte geschützt werden. Wird sie aber nicht.

Ein Dreiecksverhältnis aus Angst, Vertrauen und Sicherheit bestimmt seit Millionen von Jahren die Geschicke der Menschheit. Warum sollte die Internet-Gesellschaft davon verschont bleiben? Solange man `unter sich' war, gab es einen hohen Vertrauensvorschuß - außerdem waren der Einsatz und die möglichen Verluste zumeist nur ideell und somit im gesellschaftlichen Werteschema eher `gering'. Schnüffeleien und Hacks trafen nur die `Großen', andere Übeltaten - Beispiel Viren - waren für die meisten eher lästig als wirklich bedrohlich. Seit das Netz immer mehr die Aufmerksamkeit der breiten Massen auf sich zieht und dadurch auch bei Wirtschaft und Staat Beachtung findet, ballen sich düstere Wolken am virtuellen Himmelsgewölbe. Bei den `Freaks', die das Netz erst zu einem `weltweiten Gewebe' gemacht haben, keimt die Sorge um die Zukunft ihres Utopia, in dem jeder in weiten Grenzen sein eigener Herr ist. Viele fürchten den Einzug des Kommerz, der dem sorglosen - und nichtsdestotrotz engagierten - Treiben durch exakte Wegezölle und Gewinn-Verlust-Rechnungen ein Ende bereiten mag, oder die Websurfer in einer Welle der Kunden-Daten-Erfassung ersäuft. Auf der anderen Seite steht die Angst vor Freiräumen, die nicht dem Zugriff der staatlichen Aufsicht unterliegen. Ein `paar Spinner und Intellektuelle' (die sind ohnehin nicht zu retten) konnte man vielleicht noch tolerieren. Wenn dieses Netzwerk aber anfängt, zum Massenmedium zu mutieren, dann kann es nicht mehr angehen, daß dort Selbstverwaltung und die eigene Mäßigung den Ton angeben. Je wichtiger (das heißt `wirtschaftlich bedeutender') die Güter auf der Datenautobahn, desto mehr Kontrollen - Mißbrauch darf keinen Platz finden. Komischerweise ist noch niemand auf die Idee gekommen, die wirklichen Autobahnen für den Privatverkehr zu sperren, damit die Geschäftsreisenden und LKWs nicht im Stau stecken bleiben. Dann wären auch flüchtige Verbrecher viel leichter zu schnappen: Bahnhöfe und Flughäfen sind schließlich viel übersichtlicher.

Der Kryptographie hängt aber offenbar aus den Zeiten, in denen sie den Geheimdiensten vorbehalten war, noch etwas Düsteres an. Verschlüsseln ist verdächtig, und ein ehrlicher Bürger braucht so etwas nicht. Gardinen an den Fenstern sind hingegen allerorten akzeptiert, um die Geschehnisse in den eigenen vier Wänden zu verschleiern - im Gegenteil: einen ungehinderten Blick in die gute Stube zu ermöglichen, gilt hierzulande sogar als Schamlosigkeit. Jedenfalls hat es eine ganze Weile gedauert, bis eine nennenswerte Anzahl von Netizens (Bürger der Netzgemeinde: net citizens) begann, von den Möglichkeiten der Verschlüsselung zumindest gelegentlich Gebrauch zu machen. Das Bewußtsein um die Notwendigkeit sicherer Kryptographie entwickelt sich keine Sekunde zu spät - schon haben die ersten Staaten aus Angst vor der `Geheimniskrämerei', die natürlich auch zur Deckung von Straftaten beitragen könnte, begonnen, Verbote zu erlassen (Frankreich, Rußland). Oder sie erwägen, nur noch Verfahren mit einer `Hintertür' für die Strafverfolgungsbehörden zuzulassen (in USA geplatzt, in Europa im Gange [2]). Hierbei sollte man - neben den altbekannten Big-Brother-`Phantasien' - nicht vergessen, daß Hintertüren dazu neigen, auch von bösen Buben genutzt zu werden.

Das Stichwort `Cypherpunk' [7] führt zwangsläufig zu den jüngsten Angriffen auf die `Sicherheit' im Netz, konkreter der Sicherheit in bezug auf die freie Meinungsäußerung - zugegeben ein auf den ersten Blick recht weit gesteckter Sicherheitsbegriff. Aber ist die persönliche Sicherheit denn nicht in Frage gestellt, wenn einem Netizen für `anstößige Reden' hohe Geldstrafen oder gar Gefängnis drohen? In den USA hat der Kongreß Anfang Februar den `Communications Decency Act' (CDA) verabschiedet, der genau das tut. Die schwammigen Formulierungen des CDA schießen dabei über die Bekämpfung solch extremer Auswüchse wie `Kinderpornos im Netz' weit hinaus, eine Zensur findet statt. Verrückterweise taucht der Begriff der Pornographie nicht einmal auf, ganz allgemein untersagt man die Rede von `sexuellen _ Aktivitäten oder Organen', was selbst Familienplanungs- und Krebshilfeprogramme in eine tiefe Krise stürzt. Der Administrator der Rutgers-WWW-Seiten meinte daraufhin in der Newsgruppe soc.religion.christian, er müsse nun wohl (eigentlich) die Online-Version der Bibel aus dem Programm nehmen, da der CDA keine Rücksicht auf die Hintergründe der sprachlichen Darstellung nimmt. Entsprechend umfassend sind die Reaktionen der Netzgemeinde: etliche WWW-Seiten trugen für 48 Stunden `Trauer' in Form eines schwarzen Hintergrunds (oder tun das heute noch), und zwar bei weitem nicht nur in den USA. Die blaue Schleife [8] wurde zum Symbol der `freien Rede im Internet' erkoren und ziert seither unzählige Webseiten. Dave Winer, Kolumnist beim Internet-Szenemagazin Hot-Wired rief die Aktion `24 hours of Democracy' aus: damit sie sich in zwanzig Jahren vor ihren Kindern rechtfertigen könnten, bat er die Netizens um Essays zum Thema. Das Ergebnis spricht für sich - und Bände [http://www.hotwired.com/staff/userland/24/]. Eine breite Front von Bürgerrechtsbewegungen klagt in mehreren Verfahren gegen den CDA - auch einige große Online-Betreiber sahen sich zu juristischen Schritten veranlaßt. Bereits zwei Wochen nach Inkraftsetzung ließ das Justizministerium - nachdem schon einige einstweilige Verfügungen gegen den CDA ergangen waren - verlautbaren, man werde Ermittlungen und Strafverfolgung vorerst aussetzen. Am selben Donnerstag, dem 8. Februar 1996, an dem Bill Clinton die Gesetzesvorlage, die auch den CDA enthielt, durch seine Unterschrift in Kraft setzte, verfaßte John Perry Barlow, Mitbegründer der EFF (Electronic Frontiers Foundation), die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace [9]. Darin bekräftigt er die Grenzenlosigkeit dieser `Zivilisation des Geistes', die nicht in die Kompetenz von Nationalstaaten fällt. (nl)

[1] Michael Kunze, Das Netz, der Müll und der Tod, Internet am Wendepunkt, c't 9/95, S. 144
[2] Dirk Fox, Taube Ohren?, Europa ahmt US-Lauschinitiative nach, c't 12/95, S. 43
[3] The International PGP Home Page
[4] APGP-Keyserver, Server-Statistiken
[5] Turn your money into numbers, http://www.marktwain.com/ecash.html
[6] Anonymity and privacy on the Internet, http://www.stack.urc.tue.nl/~galactus/remailers/index.html
[7] Eric Hughes, A Cypherpunk's Manifesto, http://weber.u.washington.edu/~phantom/cpunk/cpunk.manifesto
[8] The Blue Ribbon Campaign ...
[9] A Declaration of the Independence of Cyberspace, http://www.misha.net/~elfi/declare.html

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