Wettkampf des freien Wissens

Die „Zauberer der Betriebssysteme“ verwandeln freie Inhalte in bare Münze

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Netlabels, Brasilien und Grenzen des Urheberrechts standen im Mittelpunkt der 4. „Wizards of OS“-Konferenz (WOS) in Berlin, auf der sich alles um die Suche nach tragfähigen Fundamenten einer „freien Kultur“ drehte. Doch während die eine Seite mehr Offenheit fordert, gibt es auch Abschottungsbestrebungen. Larry Sanger, Mitgründer der Wikipedia, stellte mit dem Citizendium eine Netz-Enzyklopädie mit elitärer Ausrichtung vor.

Es scheint zu funktionieren“, freute sich John Buckman, Gründer der Musikplattform Magnatune, auf der WOS in der Berliner Columbiahalle über sein „Modell zur Kommerzialisierung von Open Source“. Die Webseite gilt als Paradebeispiel, wie man mit weitgehend frei verfügbaren Inhalten Geld verdienen und sich trotzdem von traditionellen Plattenfirmen und ihrem ramponierten Ruf abheben kann. Das Besondere an dem Online-Musikdienst: Alle Songs stehen unter einer „Creative Commons“-Lizenz (CC) und können für den privaten Gebrauch frei heruntergeladen und an Freunde weitergegeben werden. 2,5 Prozent der Besucher folgen laut Buckman aber seiner Empfehlung und kaufen CDs für durchschnittlich 9,50 US-Dollar pro Stück.

Das Erfolgsgeheimnis besteht dem Netlabel-Pionier zufolge darin, die „offene Natur“ des Internet zu „umarmen“. Creative Commons hält er dabei für den richtigen Weg. Über die auch für Deutschland adaptierten CC-Lizenzformen soll ein großer Pool an Medieninhalten geschaffen werden, die komplett oder für nicht-kommerzielle Zwecke zum Download oder zum Remixen freigegeben sind. Anders als beim Copyright behalten sich die Künstler nur einige Rechte vor, während sie die Nutzungsmöglichkeiten für Dritte erleichtern. Geld verdient Magnatune in diesem Rahmen vor allem mit der Lizenzierung von Songs für die kommerzielle Verwertung. Rund 50 Filme monatlich werden über die Plattform mit musikalischer Untermalung bestückt.

Claudio Prado, Leiter der Abteilung Digitale Kultur im brasilianischen Kulturministerium, bezeichnete seine Heimat als Vorreiter der Entwicklung. Er verwies auf die gut 500 „Pontos de Cultura“, die in dem südamerikanischen Land entstanden sind. Das dahinter stehende Regierungsprogramm erlaube es dem Nutzer, den Cyberspace vor Ort über die Medienzentren zu erreichen und Ideen auszutauschen. Kulturschaffende würden dort lernen, ihre Songs oder sonstigen Medienwerke unter CC-Lizenzen zu verbreiten. Erstmals verstünden sie dabei, dass sie ihre Kreationen in gewisser Weise schützen und Wissen gleichzeitig verbreiten können. Auch Kartenspiele und Kinofilme werden so in Brasilien frei angeboten.

Geht es nach Lawrence Lessig, dem „Vater“ der „Creative Commons“-Bewegung, reichen die Bemühungen zur Unterstützung einer freien Netzgesellschaft aber nicht aus, auch wenn im Juni bereits auf 138 Millionen Webseiten CC-Werke angeboten wurden. Der Jura-Professor der US-amerikanischen Stanford Law School rief die versammelte Entwicklergemeinde auf, auch auf proprietären Plattformen freie Inhalte verfügbar zu machen. Mit Flash programmierte Multimedia-Dateien etwa sollten genauso kollaborativ erstellt werden wie freie Software und ihr Code freigegeben werden. Der Aktivist beklagte, dass die traditionellen Herrscher über die Medieninhalte sowie die US-Regierung und ihr nahe stehende Politiker ihrerseits den Kampf gegen die „demokratische Peer-2-Peer-Produktion“ verschärft habe. Ihnen gehe es darum, Bits „unter perfekter Kontrolle zu halten“. Es gelte daher, Hilfsmittel wie Systeme zum digitalen Rechtekontrollmanagement (DRM) zu bekämpfen. Die Kritik, dass viele Urheber bei CC auf die restriktivsten Lizenzvarianten zurückgreifen würden, nahm Lessig sichtlich betroffen zur Kenntnis. Es dürfe aber nicht so weit kommen, Freiheiten zu diktieren.

Lawrence Lessig, der „Vater“ der Creative-Commons-Initiative, rief in Berlin zum Kampf gegen DRM-Systeme auf.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Sandra Braman verwies auf Gefahren, welche die offene Verbreitung von Information mit sich bringen kann. Weblogs etwa, die eine Übersicht über eine Vielzahl an persönlichen Standpunkten liefern, würden dazu missbraucht, Regierungskritiker ausfindig zu machen. Dass zu viel Offenheit schadet, ist auch eine Befürchtung von Larry Sanger, einem der Gründer der Wikipedia, dem Vorzeigeprojekt der „Free Culture“-Verfechter. Auf der WOS rief der Philosoph, der 2002 aus der Wikipedia-Gemeinde ausgetreten war, das Citizendium ins Leben. Das „Bürger-Kompendium“ soll das Prinzip des gemeinsamen Verfassens von Wissensinhalten wahren, aber eine elitäre Ausrichtung erhalten und Autoritäten aus der Wissenschaft zur Mitarbeit bewegen. Anonymes Editieren will Sanger nicht zulassen, da es einen „unendlichen Kreislauf des Missbrauchs“ in Gang gebracht habe. Insgesamt soll die Erstellung der frei verfügbaren Inhalte mit Hilfe einer „Verantwortungskultur“ stärker an professionelle Redaktionsabläufe angeglichen werden.

Das von Larry Sanger ins Leben gerufene Citizendium soll eine bessere Wikipedia werden.

Praktisch will Sanger von Oktober an so die momentan rund 1,4 Millionen Einträge der englischsprachigen Wikipedia für das Citizendium klonen sowie nach und nach mit der Unterstützung Freiwilliger überarbeiten. Die Übernahme ist rechtlich möglich, da die Artikel unter der GNU Free Documentation License (FDL) stehen und kopiert und verändert werden dürfen. Sanger muss die FDL im Gegenzug beibehalten. Die Wikipedianer könnten bei einem Erfolg des Citizendiums daher verbesserte Artikel auch wieder reimportieren.

Auch Brüssel geriet auf der WOS 4 in die Schusslinie: Die EU-Urheberrechtsrichtlinie hat laut dem Amsterdamer Juristen Bernt Hugenholtz die Schutzrechtschraube in der Union hoch gedreht und große Umsetzungskosten verursacht, die anvisierte Harmonisierung aber nur teilweise gebracht. Er forderte ein echtes „Gemeinschaftsurheberrecht“, das die verbliebenen Territorialrechte abschafft und einen besseren Interessensausgleich von vornherein festschreibt. Tilman Lueder von der EU-Kommission räumte Fehler ein und gab die Parole aus, Verwertungsrechte künftig schon im internationalen Kontext möglichst eng zu definieren und Aspekte des allgemeinen Zugangs zum Wissen stärker zu beachten. (psz)

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