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Wider die Natur

@ctmagazin | Editorial

Wider die Natur


Wider die Natur

Während alle Welt über den Standby-Verbrauch lamentiert, übersieht sie einen weiteren Energieverschwender nahezu komplett: den Kopierschutz. Dessen neueste Inkarnation in Form des AACS für Blu-ray Disc und HD DVD belastet PC-Systeme wesentlich stärker, als allgemein bekannt ist. Wie unsere Messungen zeigen, verschwendet AACS beim Abspielen hochaufgelöster Filme 25 bis 30 Prozent der gesamten Rechenleistung eines Pentium 4.

Der Energieverbrauch eines durchschnittlichen PC steigt allein wegen AACS um 15 Watt - Energie, die man sparen könnte, wenn Hollywood nicht auf der Verschlüsselung des gesamten Videostroms bestehen würde. Ganz zu schweigen von den Ressourcen, die zur Produktion neuer leistungshungriger PCs nötig sind. Ohne Kopierschutz könnte sich die IT-Industrie auf die Entwicklung sparsamerer Systeme konzentrieren. Mit AACS kommen Athlon-Systeme regelmäßig ins Stottern. Ohne ihn wären aktuelle CPUs nahezu arbeitslos beim Abspielen hochaufgelöster Filme.

Doch vielleicht ist das alles auch gewollt. Schließlich ist es nicht das erste Mal, dass die Industrie mittels Kopierschutz die Nachfrage nach neuen Prozessoren und stärkeren Netzteilen schürt. Dergleichen ereignete sich bereits Mitte der 90er Jahre bei der DVD. Damals sorgte Intel als Mitglied des DVD-Forums dafür, dass der CSS-Kopierschutz genau auf die Leistung der damals aktuellen CPUs abgestimmt wurde. Heute wiederholt sich dies bei Blu-ray Disc und HD DVD. Nur dass die heute schnelleren Prozessoren wesentlich stärkere Kopierschutzverfahren erlauben.

Glaubte man bisher, hinter George W. Bushs Weigerung, den weltweiten CO2-Ausstoß zu reduzieren, stünden allein die Interessen der Öl- und Automobilindustrie, so muss man nun auch die von Hollywood und der IT-Branche hinzuzählen. Den CO2-Ausstoß beschränken zu wollen hieße schließlich auch, die rigiden Kopierschutzmechanismen aufzuweichen. Und diese sichern nicht nur Blockbuster-Filme, sondern auch den Verkauf neuer Rechner.

Aber wer braucht schon die Natur, wenn er nun zu Hause seltene Tiere und Pflanzen hochaufgelöst auf seinem Bildschirm beobachten kann. Der hohe Energieverbrauch der Systeme trägt mit dazu bei, dass die Aufnahmen der Naturdokumentationen mit den Jahren immer seltener und dadurch noch spektakulärer werden. Aber als Zuschauer braucht man kein schlechtes Gewissen zu haben, schließlich kann man ja beim Fernsehabend mit einem Kasten Bier die Aufforstung des Regenwalds sponsern. Dann ist auch die Ökobilanz wieder ausgeglichen. Na denn, prost!


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