Wider die Natur

@ctmagazin | Editorial


Wider die Natur

Seit Wochen und Monaten nagte dieses Gefühl an mir. Es war wie Fußpilz. Oder Herpes. Ein Schimmel im Bad einer maroden Altbauwohnung, den man mit allen Mitteln, aber vergeblich einzudämmen versuchte. Immer, wenn ich dachte, ich hätte es überwunden, kehrte es mit doppelter Wucht zurück: Ich brauchte eine Spielkonsole.

Natürlich hätte ich einfach in den Laden gehen und mir eine kaufen können, nichts leichter als das. Aber brauchte ich sie? Brauchte ich dieses Wunderwerk fernöstlicher Ingenieurskunst wirklich? Nein, befahl ich und kämpfte den Gedanken immer und immer wieder nieder, den Gedanken an die Playstation 3 ...

"Sie spielt immerhin HD-Filme auf Blu-ray Disc ab, endlich ein Video-Abspielgerät der nächsten Generation. Und Linux, man kann Linux drauf installieren. So ein internetfähiger, an den HD-Fernseher angeschlossener PC wäre quasi das Btx des 21. Jahrhunderts." Das, ja, das allein reichte schon als Grund für die Anschaffung, vom Spieleangebot in nie da gewesener Auflösung und beispiellosem Detailreichtum einmal völlig abgesehen. Aber brauchte ich all das?

Nein, einer für den Videokonsolenmarkt beispiellosen Marketing-Aktion mit atemberaubenden Trailern zu Spielen, die wirklich, wirklich Spaß zu bringen schienen, wollte, konnte, ja, durfte ich nicht in die Falle gehen. Ich suchte nach Gegenargumenten: Die Playstation wäre nicht das erste Gerät, das euphorisch angeschafft, enthusiastisch ausprobiert und dann irgendwann enttäuscht beiseite geräumt wird. Letztlich bliebe nichts als ein durch das ans Sofa Gefesseltsein schlaffer Körper, ein ausgezehrtes Konto, ein reichhaltigerer Technikfriedhof im Keller und ein kleines Grüppchen Staubflocken an der Stelle, wo sie einst einen so gloriosen Einstand gefeiert hatte.

"Warum denn keine Wii?", flötete ein Kobold in mein Ohr. "OK, kein HD, aber allein der Name klingt schon nach Spaß. Junge Hexen jauchzen es auf ihren Besen: 'Huiii!' Auf Französisch bedeutet es 'ja'." Neben derart unsachlichen Einflüsterungen sagte ich mir, die Wii brächte immerhin die lang vermisste Bewegung, den Sport, den mir der Arzt nachdrücklich ans schwächelnde Herz gelegt hatte. Die Wii würde Körper und Geist beleben - bei offenem Fenster gar an der frischen Luft.

Gesagt, getan! Eine wahrhaft salomonische Entscheidung! Ekstatisch suchte ich das nächste Ladengeschäft für Waren mit Kabeln auf und griff zur Konsole im Sanitätshaus-Design statt zu der im Darth-Vader-Look. Kurz darauf hatte ich einen Sack voll neuer Freunde gewonnen und alle erdenklichen Sportarten virtuell gemeistert.

Nach zwei Monaten schwand der anfängliche Enthusiasmus, die Freunde blieben bei ihren Freundinnen. Auflösung und Physik-Engine der Realität wirken eben doch besser. Die Wii steht mittlerweile im Keller zwischen Fotodrucker und E-Bass. Ich brauche keine Spielkonsole.

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