Wireless Wellness

@ctmagazin | Editorial

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Früher in der DDR gab es den Witz, "ARD" mit "außer Raum Dresden" zu übersetzen. Alle konnten ARD gucken - nur die Dresdner nicht, weil sie im Empfangsloch wohnten, im Tal der Ahnungslosen. Seit ich gewappt habe, kann ich mir vorstellen, wie sich die Dresdner damals vorkamen. Wappen ist wandern im Tal der Informationslosen. Ob die Dresdner heute WAP-Witze haben? "Wollnse auch Probleme"? oder "Wartmer auf Post?"

Soeben ist das alte Postmuseum in Berlin als Museum für Kommunikation wiedereröffnet worden. Hier kann man erfahren, woher das Wort "Schmiergeld" kommt. Charlotte K. etwa, als sie von Berlin nach Wiesbaden zur Kur fuhr, zahlte Schmiergeld für die Postkutschenräder. Gut geschmiert, ging die Post ab. Wer heute mehr Geld ausgibt, kriegt langsamere Dienste. WAP funktioniert wie das Gegenteil von "wie geschmiert".

Vielleicht ist aber gerade das die Ursache der WAP-Faszination. Wer in nicht mal zwei Stunden von Hamburg an einen Hotel-Pool auf Mallorca fliegen kann, starrt daselbst gern mal auf ein beruhigend langsames Handy: das WAP-Gerät - eine Art Postmuseum für die Manteltasche. Es zeigt, wie langsam Daten daherkommen können. Und weil das Minidisplay nur so wenig Text verträgt, wirken sogar ganz normale Sätze museal antiquiert und langatmig - wie barocke Anredeformeln bei knapper Sendezeit: "An das allerdurchlauchtigste hochverehrteste Freifräulein von und zu ..." Viel zu lang. "Zewa WAP und weg" geht die WAP-Sprache.

Auch dass sich der E-Kommerz mit WAP selbst ausbremst, könnte eine beruhigende Wirkung auf gestresste Surfer ausüben. "Einkaufswagen zu WAPschalen" sieht man konsumüberdrüssige Netizens schon ausrufen. Und der vom allzeit möglichen E-Einkauf befreite Nutzer könnte für WAP-Dienste eben deshalb bereitwillig zahlen, weil sie das Shoppen erschweren und damit letztlich sparen helfen.

Für den, der wirklich etwas erledigen will, wird es allerdings heikel. Denn keinen anderen Browser als einen WAP-Browser zu haben ist so wie früher in Dresden wohnen und ARD gucken wollen. Aber freiwillig in die Informationslosigkeit, das ist eben doch was anderes als gezwungenermaßen, das ist Luxus.

Maria Benning

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