Wo es keine Konkurrenz gibt

@ctmagazin | Editorial

Wo es keine Konkurrenz im Markt gibt, kommen Hersteller und Dienstleister zuweilen auf skurrile Ideen. Ein findiger Postmanager etwa könnte die Briefzustellung mit der Auslieferung einer der Post genehmen Tageszeitung verknüpfen. Protest würde der Monopolist lässig abbügeln und darauf verweisen, daß die Postzustellung ohne Kopplung von Brief und Zeitung wenig Sinn mache.

Die Vorstellung ist anscheinend gar nicht so abwegig: Bekanntlich plant Bill Gates, Windows 98 mit einem Internet-Browser aus eigener Herstellung zu verknüpfen. Doch der Softwarekonzern droht in einer Prozeßlawine zu versinken, seit das US-Justizministerium und rund zwanzig Bundesstaaten den Doppelpack mit allen Konsequenzen für den geplanten Verkaufsstart verbieten wollen.

In dieser ausweglosen Situation haben sich Spitzenmanager von Compaq, Dell, Micron & Co., die sich seit Jahr und Tag von Redmond vorschreiben lassen, was gut für sie ist, in einem dramatischen Brief zur Rettung von Windows 98 an Joel Klein, den Leiter des Anti-Trust-Büros, gewandt. Ob sich die Führungskräfte aus der belle étage der Computerbranche freiwillig oder unter sanftem Druck vor den Microsoft-Karren spannen ließen, blieb weitgehend im dunkeln.

Vielleicht war es ja so, daß der reichste Mann der Welt die Manager nach Lehnsherrn-Art einbestellt und ihnen dann kräftig den Kopf gewaschen hat: Sie sollten sich gefälligst etwas Gescheites einfallen lassen; ihr Profit stehe schließlich auf dem Spiel. Da könne doch niemand tatenlos zusehen und sich im Fauteuil räkeln.

Möglicherweise war aber auch alles ganz anders, und Bill Gates hat die Branchenfürsten in desperater Stimmung um sich versammelt, ratlos in die Runde geblickt und schließlich zugegeben, daß er nicht mehr weiter weiß. Vielleicht hat ihn da Compaq-Chef Eckhard Pfeiffer tröstend in den Arm genommen und versprochen: "Das kriegen wir schon hin."

Der Rest ist bekannt: Die Industriemanager sind pflichtschuldig für Bill und Vaterland ins Feld gezogen, haben den Teufel an die Säulen des Justizministeriums gemalt, Milliardenverluste für die US-Wirtschaft beklagt, Erschütterungen für die ganze Welt prophezeit ... und genau damit Microsoft ans Messer der Justiz geliefert.

Joel Klein konnte sich keinen eindrucksvolleren Beweis zu Microsofts Monopolstellung wünschen. Für jedermann war nun ersichtlich, wie sehr das Wohl und Wehe der gesamten Nation vom Produkt eines einzigen Softwareherstellers abhängt.

Nachdem die Protestnote in aller Munde war, goß die EDV-Branche sogleich neues Öl ins Feuer: Abhängige der Firma Microsoft hätten da aus leicht nachvollziehbaren Motiven einen Sturm im Wasserglas entfacht, hieß es. Die Nachfrage nach dem Betriebssystem sei weit überschätzt worden; eine Studie belege das. Und überhaupt trage nicht Windows 98, sondern Windows NT die künftigen Hoffnungen.

Da muß es auch Bill Gates allmählich gedämmert haben, daß ihm seine Getreuen einen Bärendienst erwiesen haben und einer, der solche Freunde hat, wohl keine Feinde mehr braucht.

Egbert Meyer

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