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Popmusik: Kauf und Download im Internet

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Die Jukebox ist nach vier Minuten aus und verlangt nach neuen Münzen. Der Computer aber vergißt nichts: Du steckst ein paar Mark ins Internet, und der Song ist Dein.

Music on Demand, der Schrecken aller Plattenläden, nimmt Gestalt an: Musikfreunde laden sich ihre Titel aus dem Internet - ganz legal. Sie zahlen 1 Dollar oder 4,50 DM für einen Song. Die Festplatte dient als Zwischenlager oder als Dauerparkplatz, wenn sie groß genug ist und gute Boxen angeschlossen sind. Auch der CD-Brenner bekommt Arbeit: Auf Audio-CDs wächst schließlich das zusammen, was zusammengehört.

Im WWW läßt sich viel Musik in CD-Qualität finden, das meiste illegal, manches legal und kostenpflichtig. Viel mehr als sporadische Angebote ohne großes Repertoire waren aber bisher rechtmäßig nicht zu finden. In Deutschland, dem weltweit zweitgrößten Musikmarkt, soll es in diesem Jahr richtig losgehen. Zwei Konkurrenten treten an, die sich auch rund ums Telefon das Leben schwermachen: o.tel.o und Telekom.

Ein schneller Internet-Zugang ist jedoch Pflicht, wenn die Download-Zeiten nicht ins Uferlose wachsen sollen. Wer sich auf die neuen deutschen Anbieter beschränken will, kann sich dafür den CD-Brenner sparen. Die Songs sind mit einem digitalen Wasserzeichen personalisiert und lassen sich nur auf einer Playersoftware abspielen, die die Daten des Käufers kodiert enthält - ohne diesen Kopierschutz hätte die Musikindustrie nicht mitgemacht. Gibt der Käufer Player und Songs weiter, so läßt sich der ursprüngliche Besitzer ähnlich wie bei registrierter Software ermitteln. Eine Umwandlung in Wave-Dateien soll nicht möglich sein, und es soll auch keinen Weg geben, Audio-CDs für die Stereoanlage zu brennen. An den Audioausgang der Soundkarte kann man zwar einen Kassettenrecorder hängen, muß bei solchen Aufnahmen aber einen Qualitätsverlust in Kauf nehmen.

Wer die Musik nur an der Stereoanlage richtig genießen kann, ist auf einen ausländischen Anbieter angewiesen: Liquid Audio bietet kein eigenes Online-Kaufhaus, sondern eine Technik, der sich beispielsweise Musikverlage bedienen können, um auf ihren Webseiten Music on Demand anzubieten. Neben einer eigens entwickelten Kompressionstechnik sorgt wiederum ein persönlicher Player für den Kopierschutz - er verhindert das Kopieren nicht, kann es aber nachverfolgen. Typischerweise hört man sich einen Songausschnitt im Streaming-Modus in Echtzeit an, bevor er gekauft und damit auf die Festplatte geladen werden kann. Anschließend läßt sich aus Liquid-Audio-Songs ein einziges Mal eine Audio-CD herstellen. Diese läßt sich dann zwar mit herkömmlichen Methoden kopieren, enthält allerdings als digitales Wasserzeichen die Daten des Käufers.

'Wir werfen die Plattenläden nicht aus dem Geschäft, sondern machen mehr Musik für mehr Leute verfügbar,' erklärte Liquid-Audio-Manager Tom Murphy dem Szeneblatt Wired. 'Ohne sich um ein Warenlager kümmern zu müssen, kann jedes Independent-Label und jede Garagenband ihre Musik zum Verkauf anbieten.' Die Firma sammelt auf ihren Webseiten Links zu anderen Sites, die Songs per Liquid Audio feilbieten.

George Michaels Label Ægean Records bietet als erste europäische Plattenfirma einige Liquid-Audio-Songs auf ihrem Server an. Obwohl das Probehören durch die Netzbelastung mehrfach unterbrochen wurde, ließen wir uns von der schönen Primitiva-Sängerin und ihrer Aufforderung 'Eat me' betören und orderten den Song für eineinhalb US-Dollar. Nach einigem Hin und Her gelang das auch: Beim ersten Kauf erfährt nicht nur Ægean die persönlichen Daten samt Kreditkartennummer, sondern Liquid Audio selbst muß einen virtuellen Paß ausstellen, der bei jedem zukünftigen Kauf durch Angabe des Paßworts vorzuzeigen ist. Das erste Mal verschwand unser Paß jedoch im Nirvana, und selbst ein Hilfsprogramm zum Aufstöbern verlorengegangener Pässe, das mit dem Namen und der Mailadresse zu speisen ist, wußte nicht weiter. Auch andere Unannehmlichkeiten bei der Bedienung sorgen dafür, daß bis zum ungetrübten Musikgenuß einige Zeit vergehen kann - Liquid Audio bietet sich daher eher für erfahrene Computernutzer und Musikenthusiasten an, die nicht gleich bei der ersten Fehlermeldung die Segel streichen.

Das US-amerikanische Music Boulevard, ein Musik-CD-Versandhandel im Internet, bietet zu Preisen zwischen 1 und 2 Dollar mittlerweile auch einige Titel im Liquid-Audio-Format an, etwa Candy Dulfer oder Gary Burton. Durch die auf der Comdex 97 von Bill Gates demonstrierte Partnerschaft mit Microsoft könnte Liquid Audio in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Plattenfirmen wie BMG, Interscope und Virgin haben bereits Verträge unterzeichnet, um das Verfahren auf ihren Webseiten einsetzen zu können. Auch die Recording Industry Association of America, der Interessenverband der US-Tonträgerindustrie, unterstützt Liquid Audio.

Der Verband muß immer wieder gegen Websites vorgehen, die - vor allem an Universitäten - Audiofiles guter Qualität mit vom Urheberrecht geschütztem Inhalt zum freien Download auf ihre Seiten stellen. Dies wird er in Zukunft wohl weiter tun müssen, denn die Internet-Musikpiraten können nicht auf Liquid Audio umsteigen, weil sie keine Rechte an den Songs auf ihren Webseiten besitzen.

Auch in England läßt sich Musik online kaufen und downloaden: Die Cerberus Digital Jukebox teilt die Musikwelt in vierundzwanzig Stilrichtungen ein und bietet zu jeder ein paar Dutzend oder auch nur eine Handvoll Songs meist kleinerer Firmen an, insgesamt nur rund 1100 - viele Konsumenten aus der Zielgruppe dürften deutlich mehr besitzen. Das geringe Angebot überrascht angesichts des offensichtlichen Bemühens um einen wirkungsvollen Schutz der Urheberrechte: Ein eigener personalisierter Player spielt die in ausgezeichneter Qualität vorliegenden Stücke ab. Wer mehr als 20-Sekunden-Schnipsel lädt, zahlt einen Dollar pro Titel, muß aber sein Geld in 10-Dollar-Blöcken zu einem Cerberus-Guthaben umwandeln. Die Kreditkarteninformationen sollen über einen eigenen Internet-Client (Cercure ATM) sicher übertragen werden. Eine Übertragung der Songs ins Wave- oder CD-Audio-Format ist nicht möglich.

Bei unseren Besuchen waren einige Hürden zu überwinden, bis wir tatsächlich unser Kundenkonto füllen konnten. Angesichts des schmalen Angebots und der unbequemen Bedienung der Jukebox besteht anschließend aber nicht die Gefahr, arm zu werden.

Bequemer geht es zu beim amerikanischen musicmaker - nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Software. Man ordert Songs per WWW, die dann gebrannt und als Musik-CD geschickt werden. Im Angebot sind relativ viele Jazz-Titel. Ab diesem Monat steht der Dienst weltweit zur Verfügung. Die Kosten: 9,95 Dollar für die ersten fünf Titel auf einer CD, 1 Dollar für jeden weiteren, Versandkosten extra. Die Firma plant, bald auch ihre Musik zum Download bereitzustellen.

Der Großteil der Poptöne im Internet liegt in einem ganz anderen Format vor: RealAudio. Seit dem Einstieg von Microsoft beim Entwickler Progressive Networks gilt RealAudio als Standard der Zukunft - immerhin bietet es bei entsprechender Bandbreite fast CD-Qualität.

Mit über 1000 Audio-CDs in voller Länge wirbt die AudioNet Jukebox, als Streaming-Musik in Echtzeit zu hören. Größtenteils stammen die nach 48 Musikstilen geordneten Werke von unbekannteren Künstlern; Portishead, Spice Girls, Terence Trent D'Arby, Wu-Tang Clan und Tangerine Dream gehören aber auch zum Repertoire. Nach der Entscheidung für eine CD kommt sofort der Ton, sofern ein (auch frei verfügbarer) RealPlayer oder -Plug-in installiert ist. Allerdings spielt keine Musik, sondern ein einminütiger Werbespot. Erst danach darf man der Musik lauschen - in einer Qualität, die vom Telefon vertraut ist.

Wo jetzt RealAudio draufsteht, ist in der Regel eine Qualität geboten, die einen Eindruck von der Musik geben kann, aber keinen Musikgenuß ermöglicht. Dafür lassen sich die Stücke kurz nach dem Anklicken auch anhören; umständliches Downloaden entfällt. Bei starkem Netzverkehr muß man mit Pausen bei der Übertragung rechnen. 85 Prozent der Streaming-Titel im Internet arbeiten nach einer Analyse mit der Suchmaschine HotBot mit der RealAudio- oder RealVideo-Technik, und jeden Tag kommen 2000 neue Seiten mit Echtzeitbild oder -ton zusätzlich ins Web. Sharp hat eine Serie von Stereoanlagen mit MiniDisc-Recorder und separater PC-Steckkarte angekündigt, die direkt das Downloaden und Aufnehmen von RealAudio-Songs unterstützen soll.

Die Bilder muß man sich aber immer noch am Computer anschauen. LiveConcerts etwa bietet Popkonzerte in Bild und Ton. Morgens um neun wollen wir uns einen Auftritt von No Doubt in Seattle aus dem Archiv holen. Gwen Stefani erscheint mit holprigen Bewegungen in Streichholzschachtelgröße; die Gruppe klingt wie auf einem Mittelwellensender. In ähnlicher Qualität bietet SonicNet Popkonzerte und die Streamland-Website mehr als 100 Popmusik-Videoclips.

Ein eigenes Kompressionsverfahren, das Songs ohne nennenswerten Qualitätsverlust auf 1/10 bis 1/15 ihres Platzbedarfs schrumpfen lassen soll, stellte AT&T unter dem Namen a2b im November vor. AT&T bietet selbst im Web den Player und ein paar kostenlose Probestücke an, die mit dem neuen Verfahren kodiert sind. Es gelang uns allerdings mit einer Ausnahme nicht, an die Songs heranzukommen.

Die kalifornische Firma Global Music Outlet will im Web Songs, die mit a2b kodiert sind, für jeweils einen knappen Dollar anbieten. Nach Ankündigungen vom letzten Frühjahr sollten schon zum Jahresende 97 10 000 Songs online sein. Tatsächlich gab es selbst nach dem dritten Advent erst zwei Probesongs, weil der angepaßte a2b-Player noch nicht fertig war. Johnny Clegg und Juluka trösten die Surfer mit kostenlosem Afropop.

Wer sich bisher Musik legal aus dem Netz holen wollte, mußte also mit einigen Nachteilen leben: Das Repertoire ist dünn, die Bedienung umständlich oder die Tonqualität eine Beleidigung für die Ohren. Ausgerechnet in Deutschland soll jetzt der Durchbruch kommen. 'Wir sind der erste Netzbetreiber weltweit, der einen Rahmenvertrag mit der nationalen Musikbranche hat, der die Verantwortlichkeiten regelt,' erklärt Steffen Böhm, der den Bereich Music on Demand bei der Deutschen Telekom vermarktet. Der im September letzten Jahres unterzeichnete Vertrag regelt rechtliche und wirtschaftliche Fragen, damit die Plattenfirmen in eigener Verantwortung Teile ihres Repertoires dem Music-on-Demand-Projekt der Telekom zur Verfügung stellen können.

In den letzten Monaten konnten bereits 250 Berliner - vorwiegend Telekom-Mitarbeiter - den Dienst ausprobieren. 20-Sekunden-Schnipsel der Musiktitel dürfen die Teilnehmner kostenlos probehören. Ohne ISDN und T-Online macht sich allerdings kein Song auf den Weg auf den heimischen PC. Wer kauft, wird von einem Musikserver zurückgerufen, der dann auf zwei ISDN-Leitungen gleichzeitig den Titel in MPEG-3-Qualität in Echtzeit übertragen soll - einen typischen Song also in vier oder fünf Minuten. Der Titel läßt sich anschließend nur auf dem persönlichen Player des Teilnehmers abspielen. Für jede Minute Musik werden 23 Pfennig Übertragungskosten fällig, dazu kommen die Kosten für die Musik selbst.

Der Dancefloor-Spezialist EAMS (Dr. Alban, DJ Bobo) etwa stellte für den Feldversuch der Telekom die meisten Titel seines Repertoires zur Verfügung. Die Telekom wiederum packte davon nicht alle Songs ins Web, damit Dancefloor nicht zum dominierenden Stil im Angebot wird. EAMS nimmt für seine Top-Acts 4,50 DM pro Song. Singles muß man komplett kaufen, Alben dürfen auch stückchenweise durchs Netz gehen. Ein ganzes Album wird sich auch kaum einer holen wollen: Der neue DJ Bobo dürfte auf diesem Wege insgesamt mehr als 60 Mark kosten, und das Telefon ist eine Stunde blockiert.

Das Angebot geht also ganz schön ins Geld. Warner-Vertriebsleiter Udo Lauen befürchtet, daß sonst die Mischkalkulation der Musikindustrie nicht mehr aufgeht: 'Wenn nur die Hits per Internet gekauft werden, werden wir eine Monokultur kriegen. Die Nachteile sind dann größer als die Vorteile, außer man macht Music on Demand so teuer, daß ein Titel soviel kostet wie ein ganzes Album. Wir zahlen schließlich für die Produktion des ganzen Albums. Wenn wir nicht alles mitverkaufen, haben wir entsprechend geringere Einnahmen.'

Mit wichtigen Plattenfirmen steht die Telekom gerade in Verhandlungen, um den Dienst mit breitem Repertoire bundesweit anbieten zu können. Vor Mitte des Jahres soll dies nicht der Fall sein. Mittelfristig rechnet der Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft damit, daß sich die Mehrzahl der Musikverlage beteiligen wird.

Die Konkurrenz schläft jedoch nicht und könnte sogar schneller sein. Ohne rechtliche Abmachungen mit dem Bundesverband versucht die Telefongesellschaft o.tel.o zusammen mit dem Potsdamer Multimedia-Produzenten Fritsch & Friends durch direkte Vereinbarungen mit einigen Plattenfirmen noch vor der Telekom ein Internet-Angebot namens MediaCity (MCY) auf die Beine zu stellen. Während sich die Partner auf der Popkomm-Messe im August noch sicher waren, das Weihnachtsgeschäft 1997 mitnehmen zu können, rechnen sie nun mit einem Start Anfang 98, vielleicht noch im Januar.

Der große Vorteil von MediaCity: Jeder kann einkaufen. Weder T-Online noch ISDN sind nötig, zur Not tut es auch ein Modem im Kriechgang - dann dauert der Download eben entsprechend länger. Ähnlich wie bei der Telekom soll es persönliche Player und Files geben, die eine Weitergabe nachvollziehbar machen.

Claudia Wellhöfer von Fritsch & Friends rechnet mit Kosten von 2 bis 3 Mark pro Titel plus den Übertragungskosten, die beim Empfänger anfallen. 52 Distributionsverträge mit europäischen Plattenfirmen sollen bestehen, darunter Acoustic Music, Blue Flame, Dance all Day, EAMS, Freibank, Glitterhouse und Major Oak.

EAMS jedoch erklärt uns auf Nachfrage Mitte Dezember, daß noch überhaupt nicht über einen Vertrag für den MediaCity-Start geredet worden sei. Eine frühere Vereinbarung, aufgrund der das schon im Web verfügbare Schnupperangebot erstellt worden sei, laufe Ende 97 aus.

Die Plattenfirmen denken im Augenblick intensiv darüber nach, welche Titel sich überhaupt fürs Internet eignen. Wer einfach sein Repertoire günstig zum Downloaden feilbietet, dürfte schon bald von Einzelhändlern boykottiert werden. Carl Mahlmann von der EMI Electrola will im Web eher zusätzliche Verkäufe anleiern und nicht die bestehenden Vertriebswege schwächen. Folglich will er auch Titel ins Web stellen, die noch nicht oder nicht mehr auf Tonträgern verkauft werden: 'Dann kannibalisiert sich bei uns nichts, und wir haben nicht den permanenten Ärger mit dem Handel.' Was aus dem Tonträgerkatalog fliegt, könne EMI so übers Web auch für ein kleines Publikum verfügbar halten. Auf der anderen Seite kann er sich auch das Internet-Publikum als Testmarkt für neue Klänge vorstellen: Was im Web Anklang findet, erscheint anschließend auf Audio-CD.

Aber was halten eigentlich die Musiker selbst vom Internet? Ein Anruf beim Dancefloor-Star Dr. Alban ('It's My Life', 'Look Who's Talking') zeigt fast grenzenlose Begeisterung. Der Zahnarzt nigerianischer Abstammung beschäftigt eigens einen Internetter in seiner Stockholmer musikalischen Praxis namens Dr. Records. Er kommuniziert übers Internet, will dort ein Livekonzert bringen und hat nichts gegen Music on Demand einzuwenden. Schon jetzt funktioniert der Austausch von Samples via Internet: Andere Musiker fragen ihn, ob sie einen Tonschnipsel aus seiner Herstellung in ihren Stücken verwenden dürfen oder bieten ihm übers Internet einen an, den er selbst verwenden darf.

Für The Artist Formerly Known As Prince garantiert das Internet gar die Unabhängigkeit von der ungeliebten Musikindustrie. Sein neues Album Crystal Ball verkauft er selbst im Direktvertrieb - 50 Dollar für vier Audio-CDs. Per Internet-Auftritt und Telefon-Mailorder will er in diesen Tagen beginnen, die Scheiben unters Volk bringen. Das von einem deutschen Designer-Duo gestaltete Online-Booklet soll Appetit machen und Hintergrundinformationen liefern. Vielleicht kann Prince sich ja beim nächsten Album nach der Plattenfirma auch die Tonträger sparen - wer ihn hören will, zahlt dann für Prince on Demand direkt an ihn. (ts)

[1] H. Zander, Gut eingeschenkt, Audiodaten abspecken, c't 4/97, S. 178

[2] R. Meissner, Audio-Päckchen, RealAudio: Echtzeit-Sound aus dem Internet, c't 1/96, S. 96

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Musikstücke nehmen in digitaler Form astronomische Ausmaße an. Als Wave-Dateien sind pro Minute locker 10 MByte fällig - fürs Internet nicht tauglich. Doch es gibt effektive Kompressionsverfahren, die man mittlerweile oft im Web antrifft.

Generell lassen sich Sounds gänzlich ohne Verlust von Informationen komprimieren, wenn man zu teuren Spezialprogrammen greift [#lit1 [1]]. Bestenfalls schrumpfen Audiodateien damit auf ein Drittel ihrer ursprünglichen Größe - in der Regel immer noch zu viel fürs Internet.

Das Soundformat MPEG Audio Layer III, kurz MP3 genannt, wird zunehmend populärer im Web, da es dem Surfer ermöglicht, Songs in CD-Qualität in akzeptabler Zeit downzuloaden. Die MPEG-Formate Layer I und II setzten sich im Videobereich als Standard durch. Im Audiobereich suchte man ebenfalls nach einer solchen einheitlichen Lösung, die nun in Form von MP3 vorliegt. Am der Entwicklung war unter anderem das Erlanger Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen beteiligt. Viele kostenlose MP3-Player wie WinAmp (http://www.nullsoft.com/amp) finden sich im Netz.

Jeder Song besteht aus einer Fülle von Klangsignalen, die im Frequenzspektrum zwischen 20 Hz und 20 kHz liegen. Der Leistungsfähigkeit des menschlichen Ohrs sind dabei natürliche Grenzen gesetzt. Das Ohr kann Klänge bis zu einer gewissen Grenze nach Lautstärke, Tonhöhe und Dauer auflösen. Bei einer geschickten Reduktion des Klangmaterials liegen die entstandenen Lücken knapp unterhalb der Wahrnehmungsgrenze. MP3 komprimiert die Ausgangsdaten auf bis zu einem Zwölftel und schafft es dabei, nur das herauszufiltern, was man sowieso nicht hört.

Das im Netz kostenlos angebotene Soundmaterial besteht zum größten Teil aus Raubkopien. Die illegalen Sites lassen sich meist nur wenige Tage lang besuchen, dann sind sie schon wieder stillgelegt. Aber auch für kommerzielles Music on Demand ist MP3 meist das Format der Wahl. Trotz der drastischen Komprimierung kann es unter realistischen Bedingungen zu langen Downloadzeiten kommen - trotz ISDN brauchten wir an Werktagen oft mehr als eine Viertelstunde für einen zwei bis drei Megabyte großen Song.

Im Gegensatz zu MP3 kann man bei dem verbreiteten RealAudio-Format Sounds in Echtzeit hören - ein Mausklick im Web, und schon tönt es aus den Boxen. Das 1994 von Progressive Networks entwickelte System reduziert die Klanginformationen so stark, daß prinzipiell ein kontinuierlicher Datentransfer im Internet möglich ist, zumindest außerhalb der Stoßzeiten. Beim Anwender sorgt ein Plug-in im Webbrowser für den Sound [#lit2 [2]]. Die Qualität kann CD-Nähe erreichen; tatsächlich stellen die meisten Anbieter aber Mittelwellenqualität ins Netz. Progressive Networks bietet eine Plus-Version des RealPlayer für etwa 80 Mark an. Sie überbrückt kleinere Übertragungslücken und ermöglicht es, gleichzeitig Video zu sehen.

Das Internet quillt über von Seiten, die mit RealAudio aufgepeppt sind: Musikkataloge, Sport, Nachrichten, Radioprogramme, Tiergeräusche. Der Surfer gelangt vom mexikanischen Rundfunk zu klassischer thailändischer Musik; manchmal lassen sich Konzerte live mitverfolgen. Der RealPlayer blockiert keine weiteren Anwendungen - mit einem guten Song im Ohr kann man ungehindert weitersurfen. Allerdings können generell Störungen auftreten, wenn die Netzbelastung hoch ist. Schon wenn dadurch nur 15 Prozent der Daten verlorengehen, klingt die Übertragung schon nicht mehr sehr überzeugend. Oder es stören die Pausen, in denen Daten nachgeladen werden.

Manche RealAudio-Files lassen sich digital aufzeichnen. Der Anbieter eines Tondokuments hat die Wahl, dies zuzulassen oder nicht - wenn nicht, ist die entsprechende Funktion im Player gesperrt. Über den analogen Ausgang der Soundkarte lassen sich Klänge jedoch immer aufzeichnen, wobei die Tonqualität weiter sinkt. (gas)

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Audioqualitätsstufen
Subjektive Klangqualität Bitrate (kBits/s) Modus Bandbreite (kHz) Kompressionsrate
CD-Qualität 128 stereo >16 14 : 1
etwa CD-Qualität 96 stereo 15 16 : 1
etwa UKW-Qualität 64 stereo 11 26 : 1
besser als Mittelwelle 32 mono 7,5 24 : 1
besser als Kurzwelle 16 mono 4,5 48 : 1
Telefonqualität 8 mono 2,5 96 : 1
Verschiedene Faktoren beeinflussen die Klangqualität. RealAudio bietet eher weniger als UKW-Qualität: Bei einer durchschnittlichen Bitrate von 40 kBits/s und einer Bandbreite von 11 kHz in mono wollte der rechte Hörgenuß bei uns nicht aufkommen. Die MP3-Files hingegen bieten CD-Qualität in Stereo; bei einer Bandbreite von 15 kHz kamen sie im Mittel etwa mit 80 kBits/s.
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