Zahnschmerzen beim PC-Kauf

@ctmagazin | Editorial

Sanft zischt der Bohrer, und der Absauger blubbert leise vor sich hin. Ganz entspannt im Hier und Jetzt beugt sich meine Zahnärztin über mich und hantiert mit Spritzen, Zangen und Tupfern. Schweißgebadet vor Angst, aber jetzt ohne Zahnschmerzen, darf ich mich nach einiger Zeit aus dem Stuhl zwängen.

War doch alles nur halb so schlimm. Im Hinausgehen erfasse ich dann aber doch noch, was mich die ganze Zeit in den Augenwinkeln irritiert hat. 'Intel Inside' pappt auf der Antriebseinheit, während der Sticker 'A#38;P Mailorder' die Bohrhalterung ziert und nur mühsam gebändigte Kabelbäume hinter den Abdeckungen hervorquellen. Erst als ich zu Hause ankomme, überfällt mich panikartig die Erkenntnis, mit was ich da traktiert wurde.

Warum bei dem Kahlschlag im Gesundheitswesen nicht an den Kosten für die Praxis sparen? Beim Kauf des schicken, spottbilligen Anästhesie-Geräts gibtis das Betäubungsmittel als Dreingabe. Welche Sorte? Ist bei den Preisen doch egal - Lachgas oder Chloroform, umfallen werden die Patienten schon. Die neue Antriebseinheit dreht den Bohrer achtmal so schnell und kostet nur 50 Prozent der alten. Das holt man mit stumpfen, aber überteuerten Bohrern wieder raus. Wie's im Gerät aussieht, ist wurscht. Hauptsache, es macht was her: Wer noch mit einem Handbohrer arbeitet, dem bleiben ganz sicher die Patienten weg.

Zur Ehrenrettung meiner Zahnärztin sei gesagt, daß sie ihre Einrichtung nicht beim Discounter oder Versender bestellt hat. Sie ist nicht so dumm, mit minderwertigem Gerät Geld sparen zu wollen. Was wir bei unseren Zahnärzten aber zu Recht erwarten, spielt bei Computern keine Rolle. Wen störtis, wenn der Rechner mit dem schnellsten Prozessor fürin Appel undin Ei zu haben ist, die Grafikkarte dafür den Geschwindigkeitsrausch dämpft: Immerhin war das System billig. Es macht ja außerdem nichts, wenn mal etwas kaputtgeht und die Dateien im Nirwana verschwinden, weil die Festplatte partout nicht mit dem Rest der Hardware zusammenarbeiten will. Die RAM-Bausteine sind eigentlich Ausschußware? Ein paar Abstürze am Tag kann man noch aushalten. Es ist schließlich nicht der Bohrer des Zahnarztes, der mitten in der Behandlung einfach im Zahn stecken bleibt.

Zahnweh ist sicher schlimmer als der Schmerz mit instabilen Rechnern - dafür hält dieser länger vor. Die 500 Mark, die ich beim Rechnerkauf gespart habe, gebe ich hinterher mehrmals wieder für Reparaturen und den Austausch von Komponenten aus, die nicht zum Rest passen - wenn sich überhaupt jemand dafür zuständig fühlt, die Kiste zu reparieren. Die horrende Telefonrechnung, die ich mit Anrufen beim Support oder der Suche nach Treibern im Internet produziere, ersetzt mir auch keiner. Und die Zeit, die ich mit diesem Mist verplempere, könnte ich angenehmer mit meiner Freundin verbringen.

Ich halt's inzwischen lieber mit meiner Zahnärztin, die nicht gleich beim billigsten Angebot zugreift, sondern sehr genau überprüft, ob das Gerät dem Einsatzzweck entspricht, stabil läuft und mit dem übrigen Equipment gut zusammenarbeitet. Denn die bekommt meine Zahnschmerzen immer weg, während die Schmerzen mit meinem heimischen PC ein Dauerzustand zu sein scheinen.

In diesem Sinne: gesunde Zähne - und einen guten Zahnarzt...

Jürgen Kuri

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