kRIEG DER kNÖPFE

@ctmagazin | Editorial

In den 80er Jahren zählte quantitative Überlegenheit; nicht nur beim Wettrüsten, sondern auch in meinem ganz privaten Umfeld. Zwei Dinge bestimmten die Fokussierung auf messbaren Erfolg.

In den 80er Jahren zählte quantitative Überlegenheit; nicht nur beim Wettrüsten, sondern auch in meinem ganz privaten Umfeld. Zwei Dinge bestimmten die Fokussierung auf messbaren Erfolg: zum einen die Unfähigkeit, mit dem eher gefühlsbetonten Kommunikationsverhalten des anderen Geschlechts Schritt zu halten, das meinem um Jahre voraus war; zum anderen das daraus resultierende pubertäre Minderwertigkeitsgefühl, welches nach Satisfaktion schrie.

Ein Frustkauf wendete das Blatt zu meinen Gunsten. Der Amiga 500 war dem C64 meines Nachbarn in jeder Hinsicht zahlenmäßig überlegen. 512 statt 64 KByte, 4096 statt 16 Farben, 96 statt 66 Tasten, insbesondere der letzte Vorteil war schon beim Auspacken offensichtlich. Dass ich nur einen Teil der Tasten und den auch nur zur Eingabe phantasievoller Aliasse beim Spielen nutzte, konnte das Gefühl, rational und unwiderleglich beweisbar dem Nachbarn überlegen zu sein, nicht trüben.

Erst Jahre später lernte ich, mit Mädchen und Computern zu kommunizieren - bei letzterem sogar unter Einsatz aller Tasten. Dass deren Anzahl weiter gestiegen war (beispielsweise die der F-Tasten auf 12), ließ mich kalt. Wichtiger war, dass Strg nicht mehr String, sondern nun Steuerung hieß und dass Alt Gr keine tote mediterrane Sprache, sondern die Alternative zur Alternative war, die Zeichen wie @, ® und µ auf den Bildschirm zauberte. Ich meisterte letztlich gar das höhnische Triumvirat Druck/Scroll Lock/Pause. Keine Taste konnte mir was vormachen. Ich hatte sie alle schon gedrückt - absichtlich und mit Kenntnis des Resultats.

Das muss etwas in den Tasten ausgelöst haben, denn sie schlugen zurück; der Jäger wurde zum Gejagten. Alles fing beim Hausarbeiten-Schreiben an. Immer wieder aktivierte ich "aus Versehen die Feststelltaste"; niemals absichtlich! Da ich zudem in der Frühphase der Vielschreiberei mit den Augen auf der Tastatur klebte, fiel mir der Fehler häufig erst nach längerer Zeit auf. Resultat: Alles nochmal schreiben. Viel perfider war das Spiel der Taste Scroll Lock, denn sie machte die Tabellenkalkulation nahezu unbedienbar, während jeder Versuch, das Problem im Menü zu beseitigen, zwecklos war. Ich könnte meine von Num-Lock vereitelten Log-in-Versuche beschreiben, aber jeder kennt sie.

Das Wissen um die Intrige, welche die Angehörigen der Familie Lock gegen mich schmiedeten, ließ mich innehalten. Sie waren mir zwar zahlenmäßig überlegen, doch Quantität ließ mich seit langem kalt. Ich hatte einen Vorteil: Sie brauchten mich zum Leben, ich sie aber nicht. Keine dieser Tasten hatte ich je benötigt. Nur dieses Umstands wegen konnten sie ihr Ränkespiel wagen.

Mit der Büroschere holte ich zum vernichtenden Gegenschlag aus. Ich hebelte die Geschwister Caps, Num und Scroll schon vor langer Zeit aus ihren Verankerungen und überließ sie ihrem Schicksal. Ich habe sie nie vermisst.

P.S.: Die Hotline auf Seite 140 erklärt, wie man das Shift Lock in ein bloß auf Buchstaben ansprechendes Caps Lock umwandelt.

Anzeige
Anzeige