Einzeln abgezählt

@ctmagazin | Editorial

Beim Internet-Zugang ist eine Flatrate selbstverständlich. Anbieter, die diese nicht liefern wollen oder können, müssen sich deshalb etwas einfallen lassen, eine Volumendrossel beispielsweise. Die feiert gerade Auferstehung, und zwar nicht nur im Mobilfunk, sondern auch im Festnetz. Wie eh und je schamhaft versteckt im Kleingedruckten.

Für die Fundis unter den Internet-Nutzern ist das ein gebrochenes Versprechen: Flatrate heißt für sie "All you can eat" ohne Hintertürchen. Die Realos passen ihr Sprachverständnis bereits an die Marketingstrategie der TK-Firmen an und assoziieren mit Flatrate nur noch, dass keine Mehrkosten entstehen können.

Mit steigenden Bandbreiten der Kundenanschlüsse wird die Drosselung für die Anbieter immer lukrativer, lässt sich dadurch doch beim Netzausbau prächtig sparen. Gibt es für 16-MBit/s-Anschlüsse fast nur echte Flatrates, muss man schon bei VDSL mit 50 MBit/s aufpassen, um nicht versehentlich einen Drosselvertrag abzuschließen. Am krassesten fällt die Anbieter-Bremse beim schnellen Telekom-Glasfaseranschluss aus: Erreicht man die magische Volumengrenze, fällt die Bandbreite schlagartig von 100 oder 200 auf 0,384 MBit/s. Statt fast ohne Limit auf der Überholspur zu fahren, wird man plötzlich von Fußgängern überholt.

Im Mobilfunknetz ist es noch schlimmer: Hier gibt es keine einzige echte Flatrate. Auch die neuen, schnellen LTE-Netze ächzen bereits unter der Last. Und solche Angebote sollen als Festnetz-Ersatz herhalten? Die Botschaft an den Konsumenten ist klar: Bewegtinhalte soll er bitte schön nur gelegentlich und mit möglichst schlechtem Gewissen konsumieren.

Kommunal- und Landespolitiker, die nicht mehr in Kupfer- und Glasfaserleitungen investieren wollen, weil es ja LTE gibt, sind der Propaganda der Mobilfunkkonzerne aufgesessen, die bandbreitengedrosselte Tarife als Flatrate verkaufen. Nun stellen die Provider sogar Lösungen vor, bei denen der Kunde zusätzliches Volumen ohne Drosselung nachkaufen kann. Spätestens an dieser Stelle führen die Anbieter den Begriff Flatrate ad absurdum.

Statt Engpässe zu beseitigen, werfen die Anbieter lieber ihre Phrasendreschmaschinen an. Aus einer lästigen Drosselung wird im Marketing-Neusprech ein schickes "SSD". Eine schnelle Solid-State Disk als Werbegeschenk? Natürlich nicht; das Akronym steht hier nicht für Tempo, sondern für Bremsen und bedeutet in diesem Zusammenhang Speed Step Down. Man versichert stets, dass es sich mit solchen Flatrate-Mogelpackungen vortrefflich leben lasse, weil von der Drosselung, nein, dem Step Down, ja nur ein klitzeklitzekleiner Teil der Kunden tatsächlich betroffen sei, eben die pöhsen Raubkopierer. Bis in den Chefetagen ankommt, dass immer mehr Kunden echte Flatrates für legale Zwecke haben wollen, wird es noch ein wenig dauern. Deutsche Verbraucher sind ja leidensfähig.

Liebe Internet-Anbieter, wenn ihr schon Flatrates als Werbeargument hernehmt, dann liefert die auch gefälligst! Wundert euch nicht, wenn ihr mit eurem After-Sales-Marketing keinen Erfolg mehr habt. Beim Kunden kommt eine im Kleingedruckten verschleierte Drosselung nämlich als After-Sales-Cheating an; und mit solchen Unternehmen möchte man lieber gar nichts mehr zu tun haben.

Urs Mansmann Urs Mansmann

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