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Android-Smartphones

Wegweiser durch die Android-Vielfalt

Test & Kaufberatung | Kaufberatung

Android ist das funktionsreichste Smartphone-Betriebssystem und zugleich das flexibelste. Ob kompaktes Mini-Smartphone oder Riesendisplay, Leistungsprotz oder Langläufer, Designerstück oder Outdoor-Handy, ob mit Premium-Ausstattung oder mit günstigem Preis – für jeden ist etwas dabei.

Als 2008 die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin gemeinsam mit HTC und T-Mobile ihr Google-Handy G1 vorstellten, waren die Erwartungen hoch, aber die ersten Tests ernüchternd. Dabei steckte im G1 durchaus das Potenzial zum iPhone-Konkurrenten auf Augenhöhe – allerdings nicht im Gerät, sondern im Betriebssystem: Android.

Drei Jahre später ist Android das verbreitetste Smartphone-System. Über 100 Android-Handys gibt es inzwischen und einige Hersteller wie Sony, Samsung oder HTC verkaufen einen Großteil ihrer Smartphones damit. Gründe dafür sind, dass Android von Anfang an rasant weiterentwickelt wurde, dass es (in gewissen Grenzen) Open Source ist – und dass es skaliert und somit auf den Flaggschiffen der Hersteller ebenso läuft wie auf den Einsteiger-Smartphones.

Auf den folgenden Seiten geben wir Tipps, wie Sie die richtige Wahl treffen: Je nachdem, ob Sie vor allem etwas zum Mailen, Surfen, zum Telefonieren oder Chatten suchen, ob Sie mit Ihrem Smartphone eher spielen, lesen, Filme schauen oder Fotos machen wollen. Auf Seite 89 finden Sie eine Übersicht von 18 Android-Smartphones aus älteren c’t-Tests, die – mit teils deutlichem Preisnachlass – noch erhältlich und nach dem einen oder anderen Aspekt empfehlenswert sind, auch im Vergleich zu den acht ab Seite 80 vorgestellten Neulingen.

Ein großes Problem ist das der Updates: Wenn Google eine neue Android-Version vorführt, dauert es Monate, bis die Hersteller Updates für ihre Smartphones herausbringen – wenn überhaupt. Viele Geräte bekommen nur ein oder sogar gar kein größeres Update [1] – dadurch entgehen dem Anwender Sicherheits-Updates und neue Android-Funktionen. Selbst die eigenen Nexus-Handys versorgt Google nicht so schnell und so lange mit Updates wie Apple seine iPhones. Dabei gefällt das neue Android 4.0 mit schicker, moderner Optik und vielen Verbesserungen bei der Bedienung. Gegenüber 2.3 gibt es nur wenige neue Funktionen, zum Beispiel den smarten Datenverkehr-Logger und die komplett überarbeitete Kamera-App.

Grundfunktionen

Obwohl jedes Smartphone mit einer halbwegs aktuellen Android-Version alles fürs Surfen und Mailen Notwendige mitbringt, eignen sich die Mittel- und Oberklasse-Geräte besser: Auf Smartphones mit Zweikern-Prozessor rendern Webseiten spürbar schneller und zoomen flüssiger.

Auf große Displays passt natürlich mehr Information, was am kompromisslosesten beim Samsung Note (5,3 Zoll) umgesetzt ist – in Hosentaschen passt es daher kaum noch. Fast die gleiche Auflösung gibts beim Galaxy Nexus und Sony Xperia S auf Displays mit etwa 4,5 Zoll und somit im handlicheren Format. Die anderen Smartphones mit dieser Displaygröße zeigen weniger Punkte, sodass man häufiger scrollen muss. Noch handlicher sind die Modelle unter 4 Zoll. Dabei gefällt vor allem das Sony Xperia Ray mit 3,3 Zoll und hoher Auflösung.

Unterwegs ist nicht der Prozessor, sondern die Mobilfunkanbindung der Flaschenhals. Den Datenbeschleuniger HSDPA mit 7,2 MBit/s sollte ein Gerät für schnelles Internet schon haben, das ist inzwischen aber selbst bei den 100-Euro-Smartphones Standard. Von schnelleren Download-Raten wie den theoretischen 21 MBit/s des Galaxy S2 hat man nur mit wenigen Mobilfunktarifen etwas.

Fürs Mailen und Chatten sind mechanische Tastaturen von Vorteil: Selbst auf der kleinen des Sony Xperia Mini Pro lässt es sich besser tippen als auf den meisten virtuellen Tastaturen. Man sieht sie bei Android aber nur noch selten. Kaum noch erhältlich und daher in der Tabelle nicht aufgeführt sind das HTC Desire Z und das Motorola Milestone 2. Große Displays sind beim Tippen aufgrund der großen virtuellen Tastaturen von Vorteil, doch auch auf einigen kleineren wie dem Sony Xperia Mini tippt es sich immer noch erstaunlich gut. Klappt das auf dem eigenen Gerät nicht so gut, lohnt auch ein Blick auf die alternativen Tastatur-Apps im Play Store: In Swype wischt man beispielsweise, statt zu tippen.

Eine Notiz-App bringt Android von sich aus nicht mit, auch installiert kaum ein Hersteller eine. Der App-Supermarkt bietet Dutzende Alternativen, wobei die Apps mit Cloud-Synchronisation wie Evernote & Co. besonders spannend sind, da man am PC sofort Zugriff auf alle Notizen hat. Aus Hardware-Sicht ist das Samsung Note in dieser Disziplin dank Stift, Handschrifterkennung und großem Display ungeschlagen. Ähnliche Geräte haben Asus und LG angekündigt.

3D-Spiele

Nirgendwo sonst spielt Rechenleistung eine so große Rolle wie bei Spielen. Auf schwachbrüstigen Geräten wie dem HTC Wildfire S Huawei Ideos X3 laufen selbst einfachere Spiele wie Angry Birds oder Cut the Rope nicht immer zuverlässig und flüssig – viele neuere Titel lassen sich gar nicht erst installieren. Auch wirkt sich eine niedrige Displayauflösung negativ aus: Viele Spiele sehen dann pixelig aus, zeigen einen zu kleinen Ausschnitt der Spieloberfläche oder laufen gar nicht erst.

Am meisten machen Spiele auf den Displays ab 4,7 Zoll Spaß, doch nur weil auch die CPU-Performance ausreichend ist und die Grafikleistung mitspielt. Denn gerade bei aufwendigen 3D-Spielen auf hochauflösenden Displays kommen schnelle Prozessoren und Grafikchips zur Geltung: Der Tegra 2 im LG Optimus Speed oder Motorola Atrix oder die Zweikern-Prozessoren im Galaxy Nexus und Note sowie (im vorigen Test) HTC One S und Sony Xperia S markieren derzeit in Grafik-Benchmarks das obere Ende.

Gerade für Spieler lohnt es sich aber möglicherweise, beim Android-Kauf noch ein paar Monate zu warten. Das HTC One X, das Huawei Ascend D quad und das LG Optimus 4X HD beispielsweise dürften mit ihren Quad-Core-Chipsätzen die vorherige Generation um ein ganzes Stück überflügeln. Aber auch der Hauptspeicher spielt eine Rolle – unter 512 MByte sollte man nicht anfangen, einige Spitzenspiele verlangen schon jetzt 1 GByte.

Ein besonderes Spiele-Handy ist das Sony Ericsson Xperia Play: Es hat eine ausschiebbare Knöpfchensteuerung im Playstation-Stil, mit der sich dafür angepasste Titel um einiges besser bedienen lassen als per Touchscreen. Einige sind schon vorinstalliert, weitere gibt es im Play Store. Darüber hinaus stehen PS-One-Titel für das Xperia Play zur Verfügung. In puncto Hardware hinkt es inzwischen allerdings den aktuellen Android-Flaggschiffen hinterher.

Lesen

Einen E-Book-Reader mit Spezialdisplay kann selbst das beste Smartphone nicht ersetzen: Alle Displays spiegeln, und selbst auf den hellsten wie dem des LG Optimus Black ist draußen kaum noch etwas zu erkennen. Und an die traumhaft langen Laufzeiten eines Amazon Kindle oder Sony Reader kommt kein Gerät heran. Stattdessen gibt es andere Vorzüge: Das Handy hat man immer dabei und für so gut wie jedes E-Book-Format gibt es Lese-Apps. Auch einige Magazine und Zeitungen gibt es für Android – wenn auch die Auswahl hier lange nicht so groß ist wie bei iOS. Einige Hersteller wie Samsung rüsten eigene Reader-Apps nach, doch im Prinzip gibt es dort dieselben Bücher wie in den anderen Buchläden.

Beim Lesen von E-Books und Magazinen – aber auch Webseiten und PDFs – machen vor allem die Laufzeit und die Displays den Unterschied.

Eigentlich wären AMOLED-Displays aufgrund ihrer hohen Kontraste und brillanten Farben überlegen, doch die meisten wie beim Motorola Atrix oder Samsung Galaxy S Plus haben weniger, anders angeordnete Subpixel als LCDs (PenTile-Matrix). Das führt dazu, dass harte Kanten wie Buchstabenränder unschön ausfransen – viele stört das beim Lesen. Bei hohen Punktdichten fällt dieser Effekt weniger auf, daher haben das Galaxy Note und Galaxy Nexus ein gutes Schriftbild. Inzwischen hat Samsung eine AMOLED-Technik mit normaler RGB-Matrix unter dem Namen „Super AMOLED Plus“ auf den Markt gebracht – das Galaxy S2 hat so eines. AMOLED-Displays verbrauchen weniger Strom, wenn ein Großteil der Fläche schwarz ist. Deshalb lohnt es sich, beim Lesen auf weißen Text mit schwarzem Hintergrund umzustellen.

In puncto Laufzeit haben dagegen meist die etwas schwächer ausgestatteten Geräte mit kleinem Display wie das Sony Xperia Mini Pro die Nase vorn. Aber auch bei den großen gibt es einige Langläufer, beispielsweise das Motorola Atrix, das Sony Xperia Play oder aus dem vorigen Test das Huawei U8860 und Motorola Defy+.

Apps nutzen

Im Prinzip steht auf allen Android-Smartphones dieselbe App-Auswahl zur Verfügung, zumindest wenn auf dem Gerät mindestens Android 2.3 läuft und die Anzeige mindestens 320 × 480 Bildpunkte hat. Nur 3D-Spiele und einige aufwendig programmierte Apps liefert der Play Store nicht an alle Smartphones aus. Wer allerdings nur ein Mindestmaß an Hardware kauft und kein Update mehr auf Android 4.0 erhält, muss davon ausgehen, mit der Zeit immer weniger Apps zu finden – oder in der PC-Version des Stores „nicht kompatibel“ lesen zu müssen. Die besten Chancen, möglichst viele zukünftige Android-Versionen zu bekommen, hat man bei Googles Android-Referenz-Gerät Galaxy Nexus.

Nicht alle Apps und ihre Anwendungsdaten lassen sich auch auf SD-Karten installieren, deshalb ist der interne Speicher ein wichtiges Kriterium. Die 300 MByte des Sony Xperia Ray reichen zwar für ein, zwei Dutzend installierte Anwendungen, für Vielnutzer sind sie aber zu wenig. Bei den 150 MByte Speicher des Ideos X3 und des Galaxy Ace muss man ständig alte Anwendungen löschen, wenn man Updates aufspielen oder neue Anwendungen installieren will.

Viele Hersteller passen die Oberfläche ebenfalls an oder installieren zusätzliche Apps – mal eigene mit mehr oder weniger sinnvollen Funktionen, mal für jeden erhältliche wie Facebook- oder Twitter-Anbindung, um dem Anwender den Einstieg einfacher zu machen. Wenn das stört – nicht alles lässt sich ohne zu rooten [2] entfernen oder abschalten –, ist die Nexus-Reihe von Google (aktuell das von Samsung produzierte Galaxy Nexus) die bessere Wahl.

Videos und Fotos machen

Die Smartphone-Kameras werden zwar immer besser, leiden aber weiterhin unter einigen Schwächen: Ein echter Zoom fehlt (ein digitaler funktioniert nur auf Kosten der Auflösung und Schärfe), Bilder verzeichnen mehr oder weniger stark, Verfärbungen wie ein leichter roter Fleck in der Mitte sind typisch, bei schlechten Lichtverhältnissen (und ISO-Zahlen ab 200, oft schon ab 100) rauschen die meisten erbarmungslos. Bei Videos tritt meist der sogenannte Rolling-Shutter-Effekt auf, der bei schnellen Bewegungen Bildinhalte unschön und manchmal auf kuriose Weise verzerrt.

Kompaktkameras machen daher im Allgemeinen die hochwertigeren Bilder, doch einen deutlichen Qualitätssprung kriegt man erst mit hochwertigen (und nicht mehr so kompakten) Exemplaren oder Spiegelreflexkameras: große Sensoren zum Erzeugen von Tiefenunschärfe, ordentliche Blitze oder Wechselobjektive.

Mit die beste Smartphone-Kamera hat das Samsung Galaxy S2. Gute Kameras findet man allgemein ab den Mittelklasse-Geräten von LG, Samsung und Sony. Viele Smartphone-Kameras versuchen die Schwächen durch Nachbearbeitung zu umgehen, deshalb sollte man bei Detailansichten auf unschöne Glättung achten. Einige Geräte wie das Ideos X3 haben weder Autofokus noch Flash, andere lösen sehr langsam aus und sind deshalb nicht schnappschusstauglich.

Multimedia

Wer sich Filme und Fotos auf dem Smartphone anschauen will, profitiert natürlich vor allem von großen Displays. Wichtig sind auch brillante Farben, wobei die AMOLED-Displays sie für manchen Geschmack schon übertrieben kräftig anzeigen. Auf den Displays mit 940 oder besser 1280 Punkten (wie beim Galaxy Nexus und Sony Xperia S) wirken Filme und Fotos besonders scharf.

Einige wenige Smartphones haben einen HDMI-Ausgang zum Ansteuern von Monitor oder Großbild-Fernseher. Bei allen kann man DLNA-Apps installieren, mit denen man Inhalte drahtlos an DLNA-Abspieler (das können viele moderne Fernseher) überträgt. Eine reibungslos funktionierende Anbindung ans Apple TV oder andere AirPlay-Geräte ist nicht möglich, wobei einige der AirPlay-Musikanlagen auch DLNA-fähig sind.

DLNA ist allerdings nicht ins Betriebssystem integriert, was sich vor allem beim Streamen von Musik negativ bemerkbar macht: Keine der Streaming-Apps (beispielsweise der mitgelieferte Musikspieler für die Google-Cloud) beherrscht DLNA, und die DLNA-fähigen Apps können nur die auf dem Handy gespeicherte Musik abspielen.

Zum Musikhören eignet sich jedes Smartphone gleichermaßen. Die einigen Modellen beiliegenden Spezial-Kopfhörer verstärken nur den Bass übernatürlich – kein Kaufkriterium. Besser sucht man sich seine Lieblingskopfhörer separat aus; auch Bluetooth-Kopfhörer funktionieren an allen Android-Smartphones.

Verzichtbar

Die Datenblätter übertrumpfen sich gerne bei der Liste an Funktionen, nicht alle (wie die oben erwähnten hohen Datenraten) braucht man aber. So ist ein NFC-Chip (Near Field Communication) in Deutschland derzeit noch weitgehend nutzlos. Die Funktechnik LTE ist momentan noch wenig ausgebaut und die hohen Datenraten sind im Telefon selbst kaum nutzbar, sondern eher, wenn ein Notebook per Tethering angebunden ist. Ein auch im 5-GHz-Band funkender WLAN-Chip erhöht zwar die Geschwindigkeit in Umgebungen mit vielen WLANs, doch selbst eine lahme 2,4-GHz-Verbindung reicht für die meisten Anwendungen.

Viel interner Speicher (32 GByte oder mehr) ist für Besitzer großer Musik- oder Videosammlungen von Vorteil, einige Geräte lassen sich aber auch per SD-Karte erweitern. Eine besonders üppige App-Ausrüstung oder schicke Oberfläche wie bei HTC- oder Samsung-Geräten kann man in ähnlicher Form auch mit Zusatz-Apps aus dem Play Store nachrüsten oder -bauen.

Fazit

High-End-Smartphones gibt es ab 400 Euro. Sie haben große Displays mit hoher Auflösung, gute Kameras, leistungsstarke Prozessoren teils mit zwei Kernen, und die meisten dürften ein Update auf Android 4.0 bekommen (oder werden wie das Galaxy Nexus und HTC One S damit ausgeliefert). Ein Wunschlos-glücklich-Telefon mit Spitzenkamera, 1280er-Display mit AMOLED ohne PenTile, langer Laufzeit, microSD-Slot und flachem Gehäuse ist allerdings nicht dabei; Kompromisse mindestens in puncto Handhabbarkeit unabdingbar.

In der Mittelklasse um 300 Euro muss man Abstriche machen, so ruckelt Android selbst auf Gigahertz-Prozessoren ab und zu. Ratsam sind 512 MByte oder 1 GByte Hauptspeicher. Immerhin kann man ein Display mit 480 × 800 Punkten und eine halbwegs brauchbare Kamera erwarten. Es gibt aber auch viele Spezialisten, beispielsweise das Motorola Atrix mit langer Laufzeit, das LG Speed mit guter Kamera und schnellem Prozessor oder das Spiele-Handy Sony Xperia Play.

Die Smartphones ab 100 Euro haben unter deutlichen Einschränkungen zu leiden. Das meiste klappt zwar trotz geringer Displayauflösung und niedriger Performance irgendwie, aber wer schnellere Android-Geräte kennt, braucht einen starken Geduldsfaden. Das Huawei Ideos X3 bietet für einen äußerst günstigen Preis schon eine Menge. Dagegen haben die teureren HTC Wildfire S und Samsung Ace einen schweren Stand. Deutlich mehr bieten dann das angenehm kompakte Sony Xperia Mini sowie die leistungsstärkeren 200-Euro-Geräte Sony Xperia Ray und Motorola Defy+. (jow)

Literatur
  1. [1] Achim Barczok, Christian Wölbert, Frust in Android-Land, Warum nur Google das Update-Problem lösen kann, c’t 9/12, S. 80
  2. [2] Hannes A. Czerulla, Alle Macht dem Superuser, Android-Smartphones rooten, c’t 8/12, S. 170

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