Kabinett der Grusel-Gadgets

@ctmagazin | Editorial

Apple macht Tempo. Jährlich ein iPhone, jährlich ein iPad. Google toppt das sogar noch. Die Jungs aus Mountain View hauen Android-Versionen raus wie auf Speed. Jedes Mal altern Millionen Smartphones über Nacht um Jahre, zumindest in den Köpfen ihrer Nutzer. Updates gibt es selten. Die PC-Hersteller hecheln hinterher und werfen ein unfertiges Tablet nach dem anderen auf den Markt.

Das Ergebnis der Hektik: Gadgets altern schneller denn je. Ein Schrank in meinem Büro zeigt das anschaulich. Auf dem Schrank steht: "Testgeräte". Eigentlich müsste dort stehen: "Horrorkabinett der vergreisten, vergessenen und vermurksten Geräte".

Im oberen Fach befindet sich das Altersheim. Dort gammeln zig Android-Smartphones vor sich hin. Defy, Xperia X8 und Konsorten sind zwar noch rüstig, laufen aber mit Software von vorgestern. iPhone 3GS und iPad 1 müssen wohl auch bald dort einziehen. Die beiden wirken seit dem letzten Update völlig verkalkt.

In der Mitte, im Waisenhaus, verstauben Pre und Veer - Smartphone-Zwillinge, die von HP verstoßen wurden, kurz nachdem sie auf die Welt gekommen waren. Ohne Apps hatten sie keine Chance. Das Blackberry Playbook habe ich auch hier abgelegt.

Unten, in der Freakshow, lauern Geräte mit schweren Geburtsfehlern: Windows-7-Tablets, ein Chromebook von Google und das Zwitterwesen Dell Streak. Daneben verbüßen joojoo, 1&1 Smartpad und Toshiba Folio 100 lebenslange Haftstrafen im Gruselgefängnis der iPad-Killer.

Das Erschreckende: Die Geräte sind noch keine zwei Jahre alt und technisch einwandfrei - aber vollkommen obsolet. Kein Kollege will sie auf eine Dienstreise mitnehmen oder Apps mit ihnen testen. Nicht einmal als Organspender taugen sie.

An der Hardware liegt es nicht. Die Rechenleistung steigt schließlich seit Ewigkeiten mit der gleichen Geschwindigkeit. Fortschritte bei Displays, Akkus und Kameras muss man bei den meisten Neuvorstellungen mit der Lupe suchen. Gadgets altern aus anderen Gründen so schnell: Weil sie mit unausgereifter Software ausgeliefert werden, keine Updates bekommen oder beides.

Deshalb kann man zumindest manche Zombies ins Leben zurückholen - mit einer Infusion aus frischem Betriebssystem-Blut. Drei Beispiele: Das Galaxy Tab von Samsung habe ich aus dem Altersheim entlassen. Mit CyanogenMod 9, einer Android-4.0-Variante, fühlt es sich an wie neu geboren (siehe Seite 180). Mit Android 4.0 hat Kollege Zota auch das HP TouchPad aus dem Waisenhaus gerettet. Und Kollege Müssig hat mit Windows 8 sogar das WeTab aus dem Knast befreit.

Christian Wölbert Christian Wölbert

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