Spaß aufs Tablett

Neue Spielideen von der E3-Messe in LA

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In Zeiten sinkender Umsatzzahlen suchen Spielehersteller ihr Heil in Fortsetzungen. Risikoreiche Ideen gedeihen nur noch in Download-Nischen. Während Microsoft die Xbox zur allgemeinen Unterhaltungszentrale ausbaut, lässt Nintendo die Familie enger um das Tablet der Wii U zusammenrücken.

Was tun, wenn angesichts der boomenden Smartphones und Tablets die klassischen Konsolen drohen Staub anzusetzen? Die Spieleindustrie zeigte ihre Lösungsvorschläge knapp 46 000 Fachbesuchern auf der Electronic Entertainment Expo (E3), die in diesem Jahr vielleicht zum letzten Mal in Los Angeles stattfand. Die Hallen des Convention Centers sollen einem neuen Stadionbau weichen.

Doch die Branche muss sich fragen, ob für sie klassische Messen wie die E3 überhaupt noch sinnvoll sind. Für Besucher gab es nur wenige Gründe, tatsächlich vor Ort zu sein. Die drei großen Konsolenhersteller Microsoft, Sony und Nintendo streamten ihre Pressekonferenzen live ins Netz. YouTube-Channel quollen vor Trailern geradezu über. Die mit der E3 kooperierende Spieleseite Gamespot stellte an den drei Messetagen in stundenlangen Live-Feeds nahezu alle relevanten Spiele ausführlich vor. Konsequenterweise schwänzten die neuen Big Player der Branche die Veranstaltung komplett: Weder Apple noch Facebook oder Zynga ließen sich blicken.

Als erster Hersteller will Nintendo mit der Wii U die nächste Konsolengeneration einläuten. Doch während sich die Genialität der Wii mit ihrer simplen Fernbedienung jedem Analphabeten nach nur fünf Minuten Wii Tennis erschloss, brauchte es mehrere längere Videopräsentationen, um den neuen Tablet-Controller der Wii U zu erläutern. Nach der Simplifizierung zum Faustkeil hält nun wieder die Komplexität Einzug – und die spricht eher Spieleexperten als Gelegenheitsspieler an.

Asymmetrische Tablets

Der resistive 6,2-Zoll-Touchscreen der Wii U soll Spielern nicht nur Zusatzinformationen, Inventare oder Umgebungskarten anzeigen, sondern vor allem neuartige Mehrspielerkonzepte ermöglichen. Bislang blickten vor einer Konsole alle Spieler gemeinsam auf den Fernsehschirm. Spielt man an der Wii U zu mehreren, so sieht nur ein Spieler, was auf dem Tablet passiert. Er kann eine andere Rolle übernehmen als die übrigen Spieler, die nur eine klassische Wiimote zur Hand haben. Der Tablet-Spieler wird zu einer Art Spielleiter, der Hilfsblöcke auf den Bildschirm malt, damit die anderen in „New Super Mario Bros. U“ besser über Hindernisse hüpfen können. Die Minispielesammlung „Nintendo Land“ demonstriert die von Nintendo ersonnenen „asymmetrischen“ Spielkonzepte anhand mehrerer kurzer Beispiele. Da jagt ein Spieler mit Blick auf die Tablet-Karte andere Spieler mit Wiimote durch ein Labyrinth, oder versteckt sich als unsichtbarer Geist vor ihnen. Zwar könne man auch zwei Tablets mit einer Wii U verbinden, dies würden jedoch nur wenige Spiele unterstützen, hieß es vom Hersteller.

Nintendo setzt zum Start der Konsole auf bewährte Familienunterhaltung und führt neben Mario auch seine Pikmin-Reihe in HD-Grafik fort. In Zusammenarbeit mit dem dänischen Klötzchenbauer vertreibt Nintendo zudem „Lego City Undercover“. Im Unterschied zu bisherigen Lego-Titeln kann der Spieler hier eine simulierte Lego-Stadt frei erkunden und als Detektiv mit allerlei Gadgets Verbrechen aufklären. Neben Warner Interactive trat der französische Publisher Ubisoft mit zahlreichen Wii-U-Titeln hervor. Ubisoft zielt mit seinem „Zombi U“ auf ein erwachsenes Publikum. Der Spieler muss sich hier ähnlich wie in Left 4 Dead möglichst lange gegen Horden von Untoten wehren. Wird seine Figur gebissen, verwandelt sie sich selbst in einen Zombie. Der Spieler muss dann mit einem anderen Charakter los und seine zurückgelassenen Habseligkeiten retten. Im Mehrspielermodus verteilt der Tablet-Spieler die angreifenden Zombies auf einer Karte und greift mit ihnen die übrigen Spieler an – ein Spaß für die ganze Familie.

Was der Wii U bislang allerdings fehlt, sind Standards wie Fußball und Rennspiele. Electronic Arts will zunächst nur sein Rollenspiel Mass Effect 3 auf die Wii U portieren. Seine Dauerbrenner FIFA, Sims und Need for Speed folgen später. Ebenso warten andere Publisher wie Activision, Bethesda, Capcom, Konami und Square Enix erst einmal ab.

Von den großen Multiplattform-Blockbustern zu Weihnachten wird einzig „Assassin’s Creed 3“ auch für die Wii U angepasst. Ubisoft führt seine Attentäter-Serie im dritten Teil in den Wilden Westen. In den amerikanischen Unabhängigkeitskriegen muss der Spieler als Halbblut in den Wäldern Grizzlys und Wölfe jagen, die Forts der Engländer infiltrieren und auf Segelschiffen in der Karibik Seeschlachten schlagen. Die Wii-U-Version sieht dabei genauso aus wie die der PS3 und Xbox 360. Nintendos neue Konsole hat in puncto Rechenleistung und HDMI-Anschluss die Konkurrenten eingeholt, setzt grafisch aber keine neuen Maßstäbe.

Immerhin lassen sich nahezu alle alten Wii-Spiele auf der Wii U starten und auch die Controller bleiben weiterhin einsatzbereit. Download-Spiele sollen sich ähnlich wie bei der 3DS mit einem Tool von der Wii transferieren lassen. Nintendo will mit der Wii U zudem sein soziales Netzwerk zu einem „Miiversum“ ausbauen. Spieler können sich nicht nur Textnachrichten zusenden, sondern über die eingebaute Kamera und das Mikrofon auch Video-Chats führen. Multimedial wird die Wii U aber kaum mehr können als die alte Wii, sie spielt weder Video-DVDs noch Blu-ray-Filme ab.

Schlaue Verglasung

Während sich Nintendo auf neue Spielkonzepte konzentriert, sind für Microsoft Spiele offenbar nur noch ein Teil des Unterhaltungsangebots der Xbox 360. Die Redmonder beschränkten sich in ihrer Pressekonferenz weitgehend darauf, Fortsetzungen bekannter Serien wie Halo oder Forza zu präsentieren. Die größte Neuerung am Kinect-Spiel „Fable: The Journey“ war noch, dass der Spieler sitzen bleiben kann, wenn er mit den Armen fuchtelnd Blitze auf die herannahenden Monster und Boss-Gegner verschießt und seine Waffen per Sprachbefehl wählt. Eine Herausforderung wird dabei wohl die Ausdauer der Armmuskulatur sein; immerhin soll das ähnlich einem Rail-Shooter konstruierte Action-Rollenspiel laut Entwickler rund 15 Spielstunden dauern, wenn es am 12. Oktober auf den Markt kommt.

Den berühmten „Summer of Arcades“ führen in diesem Jahr zwei wunderhübsche Sidescroller an: „Dust: An Elysian Tail“ und „Deadlight“. Im Herbst soll die Xbox 360 über ein Firmware-Update nicht nur deutsche Sprach- und Suchbefehle verstehen, sondern über den Internet Explorer auch im Internet surfen können und das Programm von Sport1 empfangen.

Erweitert werden sollen die Xbox 360 wie auch Windows-Rechner, -Smartphones und -Tablets um ein neues Musikangebot namens „Xbox Music“, das zu einem bislang unbekannten Termin mit 30 Millionen Songs – also rund doppelt so vielen wie bei Spotify oder Sony Music Unlimited – zum Download und als Stream starten soll. Eine neue App namens „SmartGlass“ soll zudem ein Streaming von und zu Smartphones und Tablets erlauben. Im Unterschied zu Apples AirPlay-Lösung soll SmartGlass zu Filmen oder Spielen wie „Halo 4“ und „Madden 13“ Zusatzinfos anzeigen. Dabei hat Microsoft nicht nur hauseigene Windows-(Phone-)Geräte im Sinn, sondern auch Konkurrenzmodelle, die unter iOS und Android laufen.

Plattformübergreifende Download-Spiele wie „Ascend: New Gods“ sollen Xbox-Konsole und Windows-Smartphone enger zusammenführen. In dem an Diablo erinnernden Action-Rollenspiel kann der Spieler Kreaturen anderer Spieler selbst dann angreifen, wenn diese offline sind. Eine Windows-Phone-App informiert den Spieler über den Angriff.

Mit plattformübergreifender Vernetzung hatte Sony hingegen weniger im Sinn. Der Hersteller konzentrierte sich auf die Vorstellung neuer Spieltitel für die PS3. So will David Cage von Quantic Dreams seinem „Heavy Rain“ das Action-Adventure „Beyond: Two Souls“ folgen lassen. Der Spieler steuert Jody Holmes (gespielt von Ellen Page), ein Mädchen, das über paranormale Fähigkeiten verfügt und vom Militär gejagt wird. Ähnlich wie Stephen Kings Carrie kann Jody Objekte per Gedankenkraft bewegen und sich so ihrer Häscher immer wieder entledigen. Cage verspricht in Beyond eine größere spielerische Freiheit als in „Heavy Rain“. Der Spieler könne die von Jody per Geisteskraft bewegten Objekte steuern und größere Level frei erkunden. Dank der schauspielerischen Leistung von Ellen Page und einem verbesserten Motion-Capturing-Verfahren soll die Geschichte Emotionen wie ein filmisches Drama transportieren.

Uncharted-Entwickler Naughty Dog zeigte Ausschnitte des Endzeit-Abenteuers „The Last of us“, in dem der Spieler mit einer KI-gesteuerten Begleiterin Ruinenstädte erkundet und sich mit marodierenden Banditen um die letzten Ressourcen schlägt. Ähnlich wie in Ubisofts „I am alive“ sind Waffen und Kugeln rar, sodass der Spieler immer wieder mit seinem Inventar improvisieren muss. Die Kämpfe laufen sehr intensiv und gewalttätig ab. Trotz unverkennbarer optischer Parallelen zu „Uncharted“ schlägt „The Last of us“ einen düstereren, brutaleren Weg ein.

Lediglich am Rande erwähnte Sony zwei bemerkenswerte Download-Spiele für die PS3. „The Unfinished Swan“ lässt den Spieler einen anfangs weißen Level erkunden, indem er mit einer schwarzen Farbkanone Objekte einfärbt und sichtbar macht. „Papo & Yo“ ist ein surreales Puzzle-Spiel, das in den Slums von Bogota spielt. Entwickler Vander Caballero setzt sich in dem Spiel mit dem Alkoholismus seines Vaters auseinander, den er als unförmiges rosa Monster darstellt.

Mobile Zweitverwertung

Die Zeit seiner langweiligen „Wonderbook“-Präsentation mit Harry-Potter-Lizenz hätte Sony lieber seiner Mobilkonsole PS Vita widmen sollen, die erstaunlich wenig Aufmerksamkeit erhielt. Man wisse um das übersichtliche Software-Angebot und wolle bis zum Jahresende 60 weitere Titel veröffentlichen, darunter zwei exklusive Action-Rollenspiele mit isometrischer 3D-Perspektive: „Soul Sacrifice“ von Capcom-Dissident Keiji Inafune sowie das „Book of Memories“, welches Konami im Oktober aus seiner Silent-Hill-Serie aufschlagen will.

Download-Spiele für die PS Vita werden zumeist auch zur PS3 kompatibel sein und einen Transfer der Spielstände erlauben. Dazu gehören neben dem vierten Teil der Sly-Cooper-Serie „Thieves in Time“ auch einige Indie-Spiele wie das am 7. August erscheinende „Sound Shapes“, das einen Musik-Sequencer mit einem Jump&Run verknüpft. Im Herbst können Spieler in Retro Affects „Snapshot“ als kleiner Roboter Fotos in einem Labyrinth schießen. An den richtigen Stellen wieder eingesetzt, lassen sich mit den fotografierten Objekten Physik-Puzzles lösen.

Nintendo widmete derweil seiner 3DS eine eigene Pressekonferenz, in deren Mittelpunkt zwei neue Mario-Titel standen. So wird „New Super Mario Bros. 2“ den italienischen Klempner ab dem 17. August auf Speed-Runs schicken, bei denen er möglichst viele Goldmünzen einsammeln muss. In dem Rollenspiel „Paper Mario: Sticker Star“ tritt der Held im Herbst erstmals auch auf einer mobilen Konsole in Papierform auf.

Verflixte Schwerkraft

Wer das im letzten Jahr erschienene Portal 2 mochte, muss nur noch bis zum 21. Juni warten, dann veröffentlicht Square Enix den Ableger „Quantum Conundrum“ – zunächst als Steam-Download für Windows, später auch für die PS3 und Xbox 360. Entwickelt wird das Puzzlespiel von der Digipen-Absolventin Kim Swift, die zuvor auch für Valve an Portal arbeitete. Quantum Conundrum lockt den Spieler mit ähnlichen Puzzles mit Boxen und Schaltern. Dazu kann er die Kisten leichter oder schwerer machen, die Schwerkraft umkehren oder die Zeit verlangsamen. Entwickler Airtight Games verspricht dank intensiver Spieltests ebenso gut abgestimmte Puzzles wie in Valves Original.

Die alten PC-Spielern bekannte Strategieserie XCOM lässt Sid Meiers Studio Firaxis am 9. Oktober in „Enemy Unknown“ als rundenbasiertes Strategiespiel wieder auferstehen. Im neuen grafischen 3D-Gewand, das sich vor aktuellen Action-Titeln nicht verstecken muss, wehrt der Spieler eine Alien-Invasion auf die Erde ab. Im Häuserkampf muss er dabei die Einheiten geschickt verschanzen und in günstige Schusspositionen bringen. Fällt ein Krieger, so ist er für den Rest der Solokampagne verloren. Zwischen den Missionen lassen sich neue Waffen erforschen und Psi-Krieger ausbilden. Obwohl das Spiel neben Windows auch für die Xbox 360 und PS3 umgesetzt wurde, verspricht Firaxis strategischen Tiefgang, der selbst Profis herausfordert.

Eine neue große Action-Marke will Ubisoft im kommenden Jahr mit „Watch Dogs“ etablieren, einer Mischung aus Open-World-Gangster-Spielen wie Grand Theft Auto und einem Hacker-Schleichspiel wie Deus ex. Watch Dogs spielt in Chicago, wo sich der Spieler in Überwachungskameras, Verkehrsleitsysteme und Smartphones einklinken, Informationen abrufen und Systeme manipulieren kann. Er sieht die Stadt wie durch eine Augmented-Reality-Brille, die Info-Boxen über den Köpfen der Bewohner einblendet. In ihnen erfährt er, welche Krankheiten sie haben, was sie beruflich machen oder welche Verbrechen sie begangen haben. Das Spiel gehörte zu den beeindruckendsten Neuvorstellungen der E3-Messe und soll für PS3, Xbox 360 und Windows erscheinen. Möglicherweise wird es auch auf die Wii U portiert.

Basteln für Nerds

Während Watch Dogs noch auf die aktuelle Konsolentechnik setzt, arbeitet Epic Games mit seiner Unreal Engine 4 bereits an Grafik-Effekten für die kommende Gerätegeneration. Auf der E3 führten sie eine in Echtzeit auf einer Geforce GTX 680 laufende Demo vor, die ein glühendes Monster inmitten von Lavaströmen zeigte. Die Unreal Engine 4 soll – ohne besonderen Aufwand des Entwicklers – mehrfarbige Lichtreflexionen sowie farbig durchschimmernde und glimmende Texturen berechnen. Selbst Partikel-Effekte, Rauchwolken und Nebelschwaden werden dynamisch passend mehrfarbig beleuchtet. Beim Wechsel zwischen Dunkelheit und Helligkeit simuliert die Engine automatisch die Anpassung der Augen durch Überblendeffekte. Der Editor zeigt die Grafik-Effekte in Echtzeit an, sodass sie sich während der Entwicklung leicht feinjustieren lassen.

Getoppt wurde die Darstellung allerdings von Square Enix, die in ihrer Demo „Agni’s Philosophy“ einen Ausblick auf die kommende Final-Fantasy-Engine gaben, die in Echtzeit Szenen berechnet, die man bislang nur aus vorab gerenderten Videos kannte.

Dass jedoch auch alte Engines durchaus noch für neue Ideen zu gebrauchen sind, demonstrierte John Carmack von id Software mit einer neuen 3D-Version seiner Doom-3-Engine, die er mit einem VR-Helm koppelte. Das System entwickelt Carmack zusammen mit dem Start-up Oculus. Die Besonderheit des „Rift“ getauften Systems ist die kurze Latenz der Steuerelektronik und der 120-Hz-Panels von lediglich 20 ms, die eine verzögerungsfreie Reaktion auf Kopfbewegungen des Spielers erlaubt. Der auf eine Skibrille geklebte Prototyp decke mit seinem 1280 × 800 Pixeln messenden Display einen Blickwinkel von 90 × 110 Grad ab. Oculus will den Rift als Bausatz für 500 US-Dollar vertreiben und über die Crowd-Funding-Plattform Kickstarter finanzieren. (hag)

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