Shoppen 2.0

@ctmagazin | Editorial

Eigentlich liebe ich den Online-Versandhandel: Blitzschnelles Bestellen, Sofortanzeige der Lieferzeit, kontinuierliche Nachverfolgung, wo das Objekt der Begierde auf dem Weg zu mir gerade ist. Nicht zu vergessen all die Helferlein wie Preisvergleicher, die mir ja nicht nur Preisorientierung liefern, wenn nicht gar Testberichte, sondern gleich noch einen Schwung Läden nennen. Na ja, und jeder Online-Shop weiß dann ja auch zu vermelden, dass Kunden, die xy gekauft haben, auch gern yz und yv mitbestellt haben.

Dazu kommen im Vorfeld noch die Hilfen aus der Community: Kommentare zum jeweils interessierenden Produkt nach dem Muster "großer Mist, funktioniert überhaupt nicht" und "Sensationell! Leise, schnell, läuft auf Anhieb". Irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit wohl, und man kann ja auch noch schnell seine kompetenten Freunde, die man schließlich persönlich gut kennt, bei Facebook zu Rate ziehen.

Diese Online-Welt könnte so schön sein. Aber.

Wer im Jahr zehnmal beim A-Warenhaus bestellt und dabei sagen wir jeweils fünf Produkte, der erlebt erst mal den elektronischen Papierkrieg: Zehnmal fünf bis dato unbekannte Händler teilen mit, dass sie demnächst wohl was liefern. Zwar hatten Sie eigentlich drum gebeten, dass das A-Warenhaus alles in ein Päckerl schnürt, doch es werden wohl doch zehnmal fünf einzelne kommen. Dann kommen zehnmal fünf Mitteilungen, dass man demnächst Abbuchungen von der Kreditkarte erwarten darf, dann zehnmal fünf Benachrichtigungen über die Einleitung des Versandes, dann zehnmal fünf Versand-Vollzugsmeldungen und womöglich sonst noch was. Nicht zu vergessen die zusätzlichen Wanderungen zum Postamt wegen verpasstem Paketboten oder Briefträger.

Ach nein, dazwischen liegen ja noch diverse Rückzieher: Produkt xz ist weg, wir könnten xv oder xw liefern. Oder Sie canceln die Bestellung und wir rücküberweisen den Betrag, den wir aber unbedingt erst mal abbuchen mussten. Und wenn Sie dann noch mal bei Warehouse.co.uk bestellen, kommen halt noch lustige Auslandskomplikationen hinzu, zum Beispiel: Der Lieferant aus den USA liefert nicht nach Deutschland.

Dann flattern die für die nächsten 10 Jahre unabbestellbaren Newsletter herein - zumindest ich krieg sie nicht abbestellt. Aber dagegen gibt es ja Mail-Filter. Endlich ausgestanden? Keineswegs: Bewerten Sie bitte den Händler! Bewerten Sie doch bitte endlich das Produkt! Und zur Krönung: "Sind Sie mit unserem Service zufrieden? Dann liken Sie uns doch bitte bei Facebook!" Umpff! 50 Produkte bewerten? 50 Händler liken?

Ist ja freiwillig. Oder? Oder nicht? Muss ich irgendwann befürchten, als Community-Schnorrer zu gelten? Werde ich auf schwarzen Listen landen und von gekränkten Händlern nicht mehr beliefert werden?

Ich werde es riskieren. Internet, Du bist gerade dabei, eine neue Form von Soziopathen zu erzeugen. Neben Menschen, die sich physischer Gesellschaft verweigern, wächst die Schar derer, die künftig sogar elektronische Gesellschaft meiden.

Detlef Grell Detlef Grell

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