Prozessorgeflüster

Von alten Kamellen und neuen Herausforderungen

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Intel investiert kräftig in Europa, AMD bekommt immer größere Probleme, die Branche hofft auf Windows 8 und Apple verspricht der Workstation-Gemeinde etwas ganz Großes – für später.

Schade eigentlich, das Higgs-Boson ist (wahrscheinlich, siehe S. 50) da und die Neutrinos fliegen auch völlig normal: Alles bleibt in der Physik beim Alten. Ganz anders sieht es bei der Chipherstellung aus, wo man der Physik ein Schnippchen nach dem anderen schlägt, insbesondere bei der Lithografie. Bis hinunter zu 15-nm-Strukturen will Intel mit grobem 193-nm-Laserlicht und zahlreichen Zaubertricks arbeiten. Aber irgendwann muss man dann doch auf EUV umstellen, wenn man seine ehrgeizigen Roadmaps einhalten will. Und die Ausrüster müssen mitziehen. Und damit der wichtigste Partner, die niederländische Firma ASML, bei den Herausforderungen durch EUV und große Wafer mit 450 mm Durchmesser auch kräftig vorankommt, steigt Intel jetzt ein, übernimmt für 2,1 Milliarden Dollar zehn Prozent der Firma und buttert zusätzlich eine Milliarde in ein gemeinsames Forschungs- und Entwicklungsprogramm. Später sollen dann noch mal fünf Prozent an Firmenanteilen hinzukommen. Insgesamt will ASML ein Viertel seiner Anteile an Kunden veräußern. Nach dem großen Einbruch 2009, als niemand investierte, hat sich ASML schnell erholt und machte im letzten Jahr 5,6 Milliarden Euro Umsatz und 1,5 Milliarden Gewinn. Das erreicht die japanische Konkurrenz Canon und Nikon nicht einmal zusammengerechnet.

Durch diese immensen Investitionen in Europa – zusammen mit der Entscheidung für Irland als Standort für die nächste große Chipfabrik – macht sich Intel natürlich bei der Europäischen Kommission recht beliebt, die nach der Anhörung Anfang Juli jetzt entscheiden muss, ob sie die verhängte Strafe wegen Wettbewerbsverzerrung in Höhe von 1,06 Milliarden Euro in voller Höhe aufrechterhält. Die Chancen stehen für Intel nicht schlecht, dass das zumindest reduziert wird.

Google ist ebenfalls mit der EU im Clinch, will sich jetzt aber gütlich einigen und hat Änderungen bei den Praktiken der Online-Suche angeboten. Auch zu Hause will Google die Wogen glätten. Nach Informationen des Wall Street Journal hat sich Google mit der Wettbewerbsaufsicht FTC auf eine Strafe wegen getarnter Cookies in Safari in Höhe von 22,5 Millionen Dollar geeinigt. Nicht viel, wenn man es mit den 500 Millionen Dollar vergleicht, die Google im letzten Jahr ans Justizministerium berappen musste, aber immerhin die höchste Strafe, die die FTC bislang über eine einzelne Firma verhängt hat.

Firmware-TPM

Mit dem Datenschutz ist das so eine Sache – man denke an den Aufstand um die Prozessor-Seriennummer in den 90ern. Dass in den vielen kommenden Smartphones und Tablets Seriennummern und Trusted Platform Modules (TPM) bald Standard sein werden, stört indes nur wenige. Solches verlangt jedenfalls Microsoft für Windows-8-Tablets mit Connected Standby und das dürfte wohl auch AMD bewogen haben, die TrustZone-Technik von ARM in Lizenz zu nehmen: In Mobilgeräten ist ein separater TPM-Chip (etwa Infineons SLB 9635) ziemlich hinderlich, hier wünscht man höchstmögliche Integration. Die von der Trusted Computing Group (TCG) erwartete und von Microsoft vorangetriebene Spezifikation TPM 2.0 (alias TPM.next) sieht daher auch Implementierungen vor, bei denen Firmware und bestimmte Hardwareeinheiten von Systems-on-Chip kooperieren. Auf der ARM-Seite ist das eben TrustZone.

Intel baut bereits in einige der Z-Atoms die „Smart & Secure Technology“ (S&ST) ein. Das gilt etwa für den Smartphone-Atom Z2460 – das damit bestückte Android-Gerät von Orange kann man mittlerweile in Großbritannien und Frankreich kaufen – und wohl auch für den Z2760 alias Clover Trail. Der ist für Windows-8-Tablets mit Connected Standby gedacht und steuert deshalb auch LPDDR3-SDRAM an: Damit sind lange Standby-Zeiten möglich.

Bedenklich stimmt bei Intels Smart & Secure Technology indes die fehlende öffentliche Dokumentation. Bisher verrät Intel nur, dass einige Kryptoverfahren unterstützt werden – AES, 3DES, RSA, also das Übliche – und ein Secure Element drinsteckt. Letzteres kann man auch für kontaktloses Bezahlen per NFC verwenden, und daran arbeitet Intel auch in Kooperation mit den Smartcard-Spezialisten von Giesecke & Devrient. ARM liefert für TrustZone hingegen eine umfangreiche Dokumentation, wenn auch bisher keine Anleitung, wie man ein TPM 2.0 damit hinbekommt. Aber daran wird bei AMD sicherlich schon mit Hochdruck gearbeitet – schließlich will man 2013 auch mehr Tablet-Chips verkaufen, ein Bobcat-SoC mit USB 3.0 war ja eigentlich schon mal für dieses Jahr geplant (Krishna).

Und Windows 8 wird gebraucht, die Branche sieht sonst ganz dunkle Wolken auf dem PC-Markt. In Europa brach dieser im April/Mai nach den Zahlen von Context gar um 17 Prozent ein. AMD hat es besonders schlimm erwischt und musste die Umsatzprognose um 11 Prozent nach unten korrigieren.

Kein iNUMA

Während Apple auf vielen Gebieten Technologieführer ist, enttäuscht die Firma bei den Workstations auf ganzer Linie. Die neuen Mac Pros (S. 58) haben weder Xeon-E5-Prozessoren noch aktuelle Grafikkarten: kein PCIe 3.0, kein DDR3-1600, kein USB 3.0 oder gar Thunderbolt. Vielleicht was versteckt unter der Haube? Nein, auch unter Lion (Darwin 11.4.0) bleibt den Pros weiterhin ein zeitgemäßes Speichermanagement mit NUMA vorenthalten. Ironischerweise listet Apple auf der Website unter „Bis zu 12 Kerne Rechenpower“ just den Stream-Benchmark auf, der das sofort entlarven würde – aber Apple gibt nicht, wie allgemein üblich, die absoluten Werte an, sondern nur einen Faktor relativ zum Vorgänger. Wir haben mit Intels Composer 11 für Mac OS, wie ihn etwa Mathematica verwendet, beim Einsatz von 12 Threads 27,8 GByte/s gemessen – ein vergleichbares Fujitsu-System kommt mit den gleichen Xeon-E5645-Prozessoren dank NUMA auf etwa 37 GByte/s, egal ob unter Windows oder Linux. Es hilft beim Mac Pro auch nichts, per Bootcamp auf Windows umzusteigen – die Rechner sind fest auf Non-NUMA (mit Cacheline Interleave) eingestellt, es sei denn, jemand findet einen EFI-Hack.

Aber Apple ist ja allzeit für eine Überraschung gut, Tim Cook hat die enttäuschte Mac-Pro-Gemeinde auf dem Entwicklertreffen mit „don’t worry“ getröstet und „something really great“ für nächstes Jahr angekündigt – vielleicht was mit Intels Xeon Phi oder Nvidia Kepler? Man sollte ja nicht vergessen, dass die GPU-Schnittstelle OpenCL von Apple stammt und in Mac OS integriert ist. (as)

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