Innenansicht

23andMe-Genanalyse im Selbstversuch

Praxis & Tipps | Projekt

Das amerikanische Unternehmen 23andMe verkauft Genanalysen für jedermann. Getestet wird nicht nur auf (Erb-)Krankheiten, sondern auch auf die genetische Herkunft.

Die erste Erkenntnis meines Genanalyse-Selbstversuchs: Zwei Milliliter Speichel sind ganz schön viel. So viel benötigt die Firma 23andMe für einen Test meines Erbguts – und zwar bitteschön ohne Schaum und Blasen. Die zweite Erkenntnis ist tiefgreifender: Die Kollegen haben wenig Verständnis für meine Humangenetik-Experimente. Neben klassischer Computerjournalisten-Paranoia („Sind die Daten denn sicher?“) sind die vermuteten psychologischen Nebenwirkungen häufigster Ablehnungsgrund: „Ich will gar nicht wissen, was für Krankheiten ich kriege – da denkt man doch dann permanent drüber nach.“

Tatsächlich ist auch mein Hausarzt skeptisch, zumindest seinen hypochondrisch veranlagten Patienten würde er von solchen Tests abraten. Aber die Entscheidung ist für mich längst gefallen – Neugier sticht Angst. Und sowieso: Ist Wissen nicht Macht? ...

23andMe – das „Gen-Google“

23andMe (der Name bezieht sich auf die 23 Chromosomen des Menschen) hat seinen Firmensitz direkt auf dem Google-Gelände im kalifornischen Mountain View. Von Google kam auch das Startkapital für das Genanalyse-Unternehmen, das 2006 von Linda Avey und Anne Wojcicki, der Ehefrau von Google-Miterfinder Sergei Brin, gegründet wurde. Zurzeit kostet eine Analyse bei 23andMe 300 US-Dollar, europäische Kunden zahlen zusätzlich noch rund 80 Dollar Versandkosten für Hin- und Rücksendung des Teströhrchens.

23andMe und das deutsche Gendiagnostikgesetz

Genetische Untersuchungen sind in Deutschland gesetzlich geregelt, ein entsprechendes Bundesgesetz trat Anfang 2010 in Kraft. Wir haben den auf Medizinrecht spezialisierten Berliner Anwalt Marksen Ouahes (www.medizinrecht-ouahes.de) gefragt, wie sich das Gendiagnostikgesetz auf ausländische Dienste wie 23andMe auswirkt.

c’t: Laut Gendiagnostikgesetz steht die Genanalyse in Deutschland ja unter Ärztevorbehalt. Bedeutet das im Umkehrschluss, dass ich als deutscher Staatsbürger die Dienste von 23andMe nicht in Anspruch nehmen darf?

Marksen Ouahes: Der deutsche Staatsbürger würde sich nicht strafbar machen, wenn er die Dienste von 23andMe in Anspruch nimmt. Denn Adressat des im § 7 GenDG geregelten sogenannten Arztvorbehalts sind deutsche Ärzte, Versicherungen und alle Genanalysen anbietende Dienstleister, die nicht Ärzte sind.

Gemäß § 26 GenDG handelt ordnungswidrig, wer entgegen § 7 Abs. 1 (Ärztevorbehalt) eine genetische Untersuchung oder Analyse vornimmt. Gemäß § 26 Abs. 2 wird die Missachtung des Ärztevorbehalts zur Sicherung des Gesetzeszwecks mit einer Geldbuße von bis zu 300 000 Euro geahndet.

Deutschen Staatsbürgern ist es gesetzlich folglich nicht verboten, von privaten nichtärztlichen Anbietern angebotene Genanalysen in Anspruch zu nehmen. Dies gilt sowohl für in Deutschland als auch für im Ausland in Auftrag gegebene Genanalysen.

Das Gendiagnostikgesetz dient dem Schutz des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung und Nichtdiskriminierung wegen individueller genetischer Dispositionen. Darüber hinaus werden Standards für Personen und Institutionen gesetzt, die genetische Diagnostik veranlassen, durchführen und in Anspruch nehmen.

c’t: Heißt das dann, dass sich 23andMe auf rechtliches Glatteis begibt, wenn das Unternehmen Genanalysen in Deutschland anbietet?

Ouahes: 23andMe hat seinen Sitz in den USA, sodass hinsichtlich der rechtlichen Bewertung des Anbietens, Bewerbens und der Durchführung der Gentests amerikanisches Recht anzuwenden ist. Und dieses ist bezüglich solcher Gentests liberaler als das deutsche Recht.

c’t: Es ist Arbeitgebern und Versicherern ja laut Gendiagnostikgesetz verboten, Gentests anzuordnen. Wenn ich aber privat einen gemacht habe – zum Beispiel bei 23andMe –, muss ich die Ergebnisse dann vorlegen?

Ouahes: Müssen Sie nicht – mit einer Ausnahme: Wenn Sie eine Versicherung mit einer Versicherungssumme von mehr als 300 000 Euro abschließen, sind Sie nach § 18 Abs. 1 Satz 2 GenDG verpflichtet, der Versicherung die Ergebnisse mitzuteilen.

Sie möchten wissen, wie es weitergeht?

Als c't-Plus-Abonnent gratis lesen

Anmelden als c't-Plus-Abonnent

Kommentare

Anzeige