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Ein erster Blick auf das fertige Windows 8

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Mit einem einzigen Betriebssystem möchte Microsoft sowohl gängige PCs als auch zukünftige Tablet-PCs beschicken, egal ob darin ein x86- oder ARM-Prozessor tickt. Das Unternehmen setzt dabei auf ein neues Bedienkonzept: Das Startmenü hat ausgedient und einen umstrittenen Nachfolger bekommen, der sich durch eine Kacheloptik ähnlich der aktueller Windows-Telefone auszeichnet. Nach diversen Vorabversionen hat Microsoft nun am 1. August wie ankündigt die Fertigstellung bekanntgegeben.

Seit Steven Sinofsky die Windows-Entwicklung leitet, läuft die rund. Termine werden eingehalten, angekündigte Features schaffen es in das fertige Produkt und obendrein scheint eine Offenheit Einzug gehalten zu haben, die für Microsoft eher untypisch war: Drei Vorabversionen von Windows 8 hat das Unternehmen jedem Interessenten zugänglich gemacht. Die Zeit handverlesener Beta-Zirkel scheint vorbei.

Hinter vorgehaltener Hand indes hört man auch andere Töne: Zu viel sei zur Chefsache erklärt und auch Microsoft-intern zu kurzfristig bekannt. Manche Entscheidung, vor allem der Verzicht auf das bewährte Startmenü zugunsten des gekachelten Startbildschirms, kam von oben – das legt auch Sinofskys Verteidigung dieses Schritts im „Building Windows“-Blog nahe. Die Entscheidung stößt in den eigenen Reihen nicht überall auf Begeisterung. Aber eben auch das ist Teil der Ära Sinofsky.

Für die Veröffentlichung der als Build 9200 fertig gestellten Version (RTM) gab es einen akribischen Plan: Am 1. August bekamen PC-Hersteller (OEMs) den Code, am 15. sind MSDN- und TechNet-Abonnenten dran, am 16. folgen Kunden mit Software Assurance und am 9. September schließlich die Kunden mit „Volume License“-Verträgen. Im Einzelhandel soll Windows 8 dann mit oder ohne neuen Rechner am 26. Oktober zu haben sein.

Ganz ging der Plan nicht auf: Schon zwei Tage nach RTM fand sich die englischsprachige Enterprise-Ausgabe von Windows 8 in den einschlägigen Quellen im Netz; dabei handelte es sich um die N-Version, also eine ohne Media-Player. Später tauchten dort auch Windows 8 (als Core) und Windows 8 Pro auf. Beide Versionen liegen im Windows Image (WIM) vor und anhand des obligatorischen Lizenzschlüssels entscheidet sich bei der Installation, welche Version auf der Festplatte landet.

Von Windows RT – so der Name der Variante von Windows 8, die für den Einsatz auf ARM-Systemen, also günstigen Tablets gedacht ist – fehlt in der Ankündigung Microsofts jede Spur. Geräte, die es nutzen, darunter Microsofts eigenes Tablet-Design „Surface“ sollen gleichzeitig mit Windows 8 am 26. Oktober im Handel sein. Die RT-Variante wird anders als Windows 8 für x86-PCs (und Tablet-PCs) herkömmliche Windows-Software nicht ausführen können.

Modalitäten

Wie bei früheren Windows-Versionen auch, wird es Windows 8 hierzulande in verschiedenen Varianten geben: als Windows 8, als Windows 8 Pro und als Windows 8 Enterprise – nur die beiden erstgenannten werden im Handel ohne oder mit neuen PCs erhältlich sein, die Letztgenannte nur im Rahmen von speziellen Abnahmeverträgen mit Microsoft, wie sie in der Regel Firmenkunden abschließen. Dieser Variante bleibt unter anderem auch die Möglichkeit vorbehalten, Windows vom USB-Stick laufen zu lassen (Windows To Go).

Noch fehlen Details, wie sich die Varianten unterscheiden, was die Ausgaben kosten und in welcher Richtung Upgrades nicht nur lizenztechnisch, sondern praktisch möglich sein werden. Die dürfte es kurz vor der Markteinführung im Oktober geben. Klar ist, dass es für Nutzer von XP, Vista, Windows 7 und der Vorabversionen von Windows 8 bis Januar 2013 ein Update für 40 US-Dollar auf die besser ausgestattete Pro-Variante geben wird. Ein so günstiges und breit aufgestelltes Update-Angebot hat Microsoft bisher nicht unterbreitet.

Das ist nicht überraschend, denn Windows 8 führt nicht nur eine neue Bedienoberfläche ein, sondern einen neuen Typ von Anwendung, im Folgenden „Apps“ genannt. Die Oberfläche firmierte bislang unter dem Namen „Metro“, doch den führt Microsoft nicht weiter – ein neuer Name war bis Redaktionsschluss nicht bekannt. Die (Ex-Metro-)Apps unterscheiden sich von bisherigen Windows-Anwendungen dadurch, dass sie sowohl auf x86- als auch ARM-Plattformen laufen und nur aus dem Microsoft-Store heraus installierbar sind.

Keine Regel ohne Ausnahme: Am Store vorbei dürfen sich nur Browser-Anwendungen ins System begeben. Googles Chrome etwa wird als herkömmliche Anwendung eingerichtet und ist dann aber auch als App sichtbar. Ferner erlaubt es Microsoft, dass Firmenkunden in der Enterprise-Version Apps ohne Zuhilfenahme des Stores auf ihren PCs einrichten.

Wer den neuen Anwendungstyp an Windows-8-Nutzer verschenken oder verkaufen will, muss sich registrieren und seine Produkte vor der Veröffentlichung im vom Microsoft betriebenen Store prüfen lassen. Bei einem Umsatz von bis zu 25 000 US-Dollar sind 30 Prozent an Microsoft abzugeben, wer mehr umsetzt, kommt mit 20 Prozent davon. In-App-Verkäufe können Hersteller über Microsofts Store-Infrastruktur abwickeln, müssen es aber nicht.

Noch scheint es aber Anlaufprobleme zu geben: Vorerst können sich nur Firmen registrieren, um Apps in den Store hochzuladen. Das Hochladen selbst erfordert den finalen Code von Windows 8. Einige Entwickler zeigten sich verärgert, dass Microsoft den Store zwar für offiziell eröffnet erklärt hat, ihnen andererseits aber für einen erneuten Upload den Weg abgeschnitten hat, bis sie das finale Windows 8 erhalten.

Entsprechend betulich ging es bei der RTM-Ankündigung noch im Store zu. Langfristig liegt eine große Chance für die Windows-Welt darin: Es gibt erstmals nicht nur eine Quelle, um geprüfte Software zu installieren, sondern auch eine einheitliche Update-Methode – die bisherigen Mechanismen in Windows können zwar das System selbstständig aktualisieren, Anwendungen müssen dafür aber eigene Hilfsmittel mitbringen. Herkömmliche Anwendungen können im Store beworben werden, aber eine Installation oder ein Kauf dort ist nicht vorgesehen.

Paralleluniversen

Das deutet schon an, dass Microsoft die alte und die neue Software-Welt keineswegs verheiratet hat: Per Store installierte Apps tauchen in der Systemsteuerung unter „Programme“ nicht auf; sie sind an den Benutzer gebunden, also anderen nicht ohne Weiteres zugänglich. Ebenso wenig lassen sich herkömmliche, per Setup-Programm in Windows 8 eingerichtete Programme über den Store aktualisieren. Sie existieren nebeneinander in getrennten Welten.

Das gilt nicht mehr für die Optik: Der mit Vista eingeführten Transparenz hat Microsoft in Windows 8 – wie angekündigt – den Garaus gemacht. Nicht mal die Fensterrahmen auf dem Desktop lassen etwas durchscheinen. Damit nähern sich die schlichte Optik der neuen im Vollbildmodus laufenden Apps und die der herkömmlichen Windows-Software einander an. Spötter attestieren Windows 8 das Look & Feel von Windows 3.

Spott verdienen die mitgelieferten Apps für Mail, Kalender, Kontakte und Chat („Nachrichten“ genannt). Sie zwingen Nutzer in die entsprechenden Microsoft-Angebote. Erst wenn man sie mit einem Microsoft-Konto gefüttert hat, lassen sich weitere Dienste konfigurieren, beispielsweise IMAP und GoogleMail. In der Nachrichten-App lässt sich ein Facebook-Konto einbinden.

Schnell stößt man dabei an die Grenzen: Weder ist ein Zugriff auf Google-Kalender noch auf solche möglich, die per CalDAV erreichbar sind. Adressdaten kann die mitgelieferte App immerhin aus Facebook, Twitter, Exchange, LinkedIn und Google abzapfen. Wer anschließend diese Daten wo speichert oder wohin kopiert, erschließt sich nicht.

Mehrwert

Windows 8 ist allerdings mehr als nur eine neue Optik und neue Strategie. Es bringt viele Annehmlichkeiten und einige Neuerungen mit: ISO-Dateien lassen sich ohne zusätzliche Software einsehen. Ein PDF-Viewer und ein Flash-Player sind dabei. Der Task-Manager ist deutlich komfortabler geworden. Die mitgelieferte Security-Lösung Windows Defender integriert Antivirus- und Antispyware-Software und läuft von Anfang an, zieht sich bei Installation von anderen Security-Produkten aber zurück.

Eine Funktion namens „Dateisystemverlauf“ sichert geänderte Dateien aus den Profilverzeichnissen der Benutzer (nicht jedoch Systemdateien) regelmäßig. So können Nutzer gelöschte oder überschriebene Dateien wiederherstellen – ähnlich der Funktion TimeMachine in Mac OS X. Nimmt das System selbst Schaden, helfen Reset und Refresh. Die erste Funktion versetzt Windows in den Auslieferungszustand, letztere verspricht eine Reparatur ohne Datenverlust.

Über „Speicherplätze“ (Storage Spaces) fasst Windows mehrere Festplatten zusammen. Der dabei entstehende Datenträger darf überbucht werden, das heißt, reale Platten müssen Sie erst mit wachsendem Speicherbedarf hinzufügen. Auf Wunsch nutzt die Funktion mehrere Platten so, dass die Daten redundant darauf gesichert werden, also gegen den Ausfall einzelner Platten gefeit sind.

Zum Ausführen von virtuellen Maschinen erfordert Windows 8 nicht unbedingt zusätzliche Software wie VMware oder VirtualBox. In der Pro-Variante steckt die mit im Windows-Server eingeführte Virtualisierung Hyper-V. Im Vergleich zum Server 2012 fehlen aber diverse schickere Funktionen, etwa zur Live-Migration von VMs von einem auf einen anderen Wirt.

Proberitt

Wer sich die letzte Vorabfassung von Windows 8 angesehen hat, wird wenig Unterschiede entdecken. Die Kritikpunkte bleiben bestehen: Die Wisch- und Mausgesten sind unterschiedlich. Das Startmenü bleibt verschwunden. Viele Funktionen, die erfahrenen Windows-Anwendern in Fleisch und Blut übergegangen sind, finden sich anderswo oder anders gestaltet wieder. Letztlich lässt das neue Windows den Feinschliff missen, der Windows 7 auszeichnet.

Selbst wenn man das übliche Zaudern bei der Umgestaltung in neuen Windows-Versionen abzieht, bleibt Unbehagen, das vor allem erfahrene Benutzer betrifft. Ob ein paar Klicks mehr wirklich den Arbeitsfluss stören oder sich die Gedanken, die in der Gestaltung des Startbildschirmes stecken, nicht doch auszahlen, bleibt abzuwarten. Es wäre nicht das erste Mal, dass eine anfänglich abgelehnte Neuerung plötzlich geliebt wird.

Vielleicht läutet Windows 8 ja auch einen Paradigmenwechsel bei der Nutzung von PCs ein: weg von den überlappenden Fenstern hin zum Vollbild. Maximal zwei Anwendungen gleichzeitig. Letztlich entspricht das wohl eher der menschlichen Bearbeitung von Aufgaben: Zu viele Dinge gleichzeitig gehen schneller schief. Und: Microsoft zwingt (noch) niemanden, die neuen Apps zu nutzen – der Desktop ist weiterverwendbar. (ps)

Mehr noch: Server & Entwicklungswerkzeuge

Windows 8 wird von einer Reihe weiterer Neuerungen begleitet. Das betrifft zum einen Entwicklungswerkzeuge, die das Erstellen der neuen Windows-Apps unterstützten, und zum anderen neue Server-Versionen, die Microsoft stolz „CloudOS“ nennt. Mit der Verfügbarkeit von Windows 8 am 15. August per MSDN soll das neue Visual Studio 2012 für Entwickler über das Windows Dev Center (dev.windows.com) zugänglich sein.

Der ebenfalls fertig gestellte Windows Server 2012 soll zunächst in den Varianten Standard und Datacenter am 4. September im Handel erhältlich sein. Kunden mit „Volume License“-Verträgen kommen vermutlich schon vorher heran – hier sind Microsofts Ankündigungen eher vage. Der designierte Nachfolger des Small Business Server namens „Essentials“ dürfte hingegen noch einige Monate auf sich warten lassen.

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