Prozessorgeflüster

Von schlingernden Schiffen und kreisenden Karussells

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Curiosity hat es ja nun geschafft und ist sanft im Zielgebiet gelandet. Andere Schiffe wie Itanium haben es da schwerer. Turbulent geht es auch bei der einen oder anderen Mannschaft zu und bei AMD sowieso.

Wäre ja auch schade gewesen, wenn bei dem aufwendigen NASA-Projekt zwei Milliarden Euro einfach so in den Marssand gesetzt worden wären, und das möglicherweise nur wegen irgendwelcher blöder Missverständnisse zwischen den verwendeten Maßsystemen, so wie seinerzeit im Herbst 1999 beim Mars Climate Orbiter. Ja, wer rechnet denn auch mit Pound-force statt mit Newton! Manchmal war es auch nur ein falsch gesetzter Strich in der Steuersoftware oder ein simpler Überlauffehler, der das Schiff ins Trudeln versetzte, sodass es schon kurz nach dem Start gesprengt werden musste.

Kurios sind auch die Geschichten rund um Intels ehemaliges Flaggschiff Itanium. Die offenbar voreilig veröffentlichten Einträge in den Intel-Datenbanken zum neuen Itanium 9500 (Poulson) wurden erst einmal wieder gelöscht. Dafür stellte Intel das „Itanium Processor 9500 Series Reference Manual“ für Software-Entwicklung und Optimierung auf die Website. Genau das werden jetzt die Oracle-Programmierer dringend brauchen, wurde ihre Firma doch von Richter James P. Kleinberg vom Santa Clara County Superior Court verdonnert, ihre Produkt-Suite mit Stand vom 20. 9. 2010 weiterhin auf Itanium zu portieren. Der Richter sah es als erwiesen an, dass Oracle die Vereinbarungen nach dem Aufkauf von Sun und nach der Einstellung des Ex-HP-Chefs Hurd nicht eingehalten habe und ordnete an, dass, solange Hewlett-Packard Itanium-Rechner verkauft, Oracle auch diese Suite dafür anbieten muss – von Preisen und Produktqualität sagte er allerdings nichts. Die Verpflichtung kann nun noch bis zwei Jahrzehnte andauern, selbst wenn tatsächlich mit dem für etwa 2014 zu erwartenden Kittson-Prozessor das Ende der Itanium-Ära erreicht ist – aber in der Industrie sind 15 Jahre Liefersicherheit nun mal der übliche Standard. Doch wer weiß, vielleicht schlagen sich die neuen Itaniums weit besser als gedacht und erwachen dann zu neuem Leben.

Allerdings stehen die Zeichen schlecht, auch SAP ist dabei, das schlingernde Itanium-Schiff zu verlassen und hat bereits verkündet, die SAP Business Objects nicht mehr für HP Integrity Server anzubieten. Diesbezügliche einklagbare Vereinbarungen mit HP gibts offenbar nicht. Ohnehin hat SAP schon mit Oracle genug Ärger wegen des Vorwurfs des „Datenklaus“ durch die eingekaufte Firma TomorrowNow. Nun einigte man sich nach mehreren Prozessen außergerichtlich: SAP wird demnach Oracle 306 Millionen Dollar Schadenersatz zahlen – wie passend, dann hat Oracle genug Kleingeld, um die Entwicklung der Itanium-Software zu bezahlen.

Personal-Karussell

Derweil ist Intels im vergangenen Jahr in Ungnade gefallener Mobil-Chef Anand Chandrasekher wieder auf die IT-Bühne zurückgekehrt – als Chief Marketing Officer bei Qualcomm. Da trifft er nun auf ein paar ehemalige Kollegen von AMD, etwa Eric Demers, zuvor AMDs CTO. Und Qualcomm ist offenbar auf dem aufsteigenden Ast. Zwar hat die Firma bei den Smartphone-Chips laut Strategy Analytics etwas an Marktanteilen verloren (von 51 auf 44 Prozent), da aber gleichzeitig der Gesamtmarkt um fulminante 55 Prozent auf nahezu 2,5 Milliarden Dollar zugelegt hat, bleibt trotzdem ein erkleckliches Plus für Qualcomm. Dahinter folgen dann Samsung, Texas Instruments, Broadcom und als Überraschung die chinesische Firma MediaTek, die Marvell vom fünften Platz verdrängen konnte.

Ein anderer Ex-Intelianer, Pat Gelsinger, dem einst viele eine Favoritenrolle in der Thronfolge des Intel-Chefs Otellini nachgesagt hatten, wird in Kürze ebenfalls eine neue Aufgabe übernehmen. Vor drei Jahren hatte er sehr überraschend unmittelbar vor dem Intel Developer Forum und nach über 30 Jahren Intel verlassen und eine Position als Präsident und Chief Operating Officer bei EMC Information Infrastructure Products angenommen. Da war er unter anderem zuständig für Technologie-Partnerschaften des Storage-Riesen mit führenden Industriefirmen wie Intel, SAP, Microsoft, VMware – und er hat jetzt wohl auch bei der unlängst verkündeten Kooperation mit Lenovo mitgewirkt (siehe S. 34). Ab 1. September wird nun Gelsinger den Chefposten bei der EMC-Tochter VMware übernehmen. Zuvor hält er noch eine Keynote auf der kommenden Hot-Chips-Konferenz zum Thema „Cloud transformiert IT“. Ob der bisherige VMware-Chef, der langjährige Microsoft-Manager Paul Maritz, in den Ruhestand geht oder vielleicht gar demnächst den EMC-Chef Joe Tucci ablöst, wird man sehen müssen.

AMD verlassen nicht nur viele wichtige Leute, ab und an kommen interessante neue alte hinzu, wie der in der Prozessorszene bestens bekannte Jim Keller, der unter anderem Apples A4- und A5-Prozessor mit designt hat. Keller war schon bei Digital Equipment ein Kumpel von Dirk Meyer, dem er ab 1997 bei AMD beim Design des Athlon 64 insbesondere beim HyperTransport half. Im Verlauf der Zeit kam er zu P.A. Semi, einem Start-up mit vielen ehemaligen DEC-Mitarbeitern, das einen energieeffizienten PowerPC- Clone entwickelte – aber wo sich dann plötzlich, als der erste Chip fertig war, der geplante Hauptkunde Apple einfach auf eine andere Architektur umorientierte. Doch Apple kaufte dann später P.A. Semi auf und so kam Keller nach Cupertino. Weit muss er jetzt als Chef der Prozessorabteilung von AMD nicht fahren, sein neuer Arbeitsplatz ist nur einige Meilen weiter in Sunnyvale. Und seinen neuen Chef kennt er auch gut, denn CTO Mark Papermaster war ebenfalls zuvor bei Apple.

Workstation-APU

Bei AMD warten jedenfalls ganz schöne Aufgaben auf ihn. Auf der Hot-Chips-Konferenz Ende August wird AMD mit ein paar hoffnungsvollen Designs wie dem Jaguar-Chip und dem Steamroller aufwarten und will dort auch weitere Details zu den neuen Trinity-APUs verraten. Einige APU-Versionen wurden jetzt für preiswerte Workstations als FirePro A300 und A320 angekündigt. Sie bieten 4 Piledriver-Kerne und 384 Shader (hier Stream-Prozessoren genannt) mit vollem OpenCL-, OpenGL- und DirectCompute-Support. Laut AMD sollen sie mit höherer Grafikperformance als Nvidias diskrete Einstiegskarte Quadro 600 aufwarten. De facto sind die A300er beschleunigte Mobile-Trinity-Chips (etwa A10-4600M) mit deutlich höherem Energieverbrauch (65 bis 100 Watt). Der weitere wichtige Unterschied sind die Workstation-tauglichen Treiber (AMD Catalyst Pro) für OpenGL. Vielleicht kommt ja bald noch in Zusammenarbeit mit Airbus die A380-Version heraus, dann mit ganz erheblich mehr Kernen, die die APU zum Fliegen bringen. (as)

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