Requiem für einen Knopf

@ctmagazin | Editorial

Was würde passieren, wenn plötzlich der Lichtschalter im Schlafzimmer fehlte? Der Klingelknopf an der Tür? Der Rufknopf am Fahrstuhl? Genau: Chaos! Gestandene Männer im Business-Zwirn würden, statt die Treppe zu benutzen, in Embryonalstellung darauf warten, dass sich der Himmel blutrot färbt und die Apokalyptischen Reiter das Ende der Welt einläuten. Zu dramatisch? Einiges spricht dafür, dass das passiert. Wir schreiben immerhin das Jahr 2012.

Bei den meisten Weltuntergängen endet allerdings nicht etwas. Vielmehr wird eines durch etwas anderes ersetzt: Land durch Wasser, ein milder Sommer durch einen nuklearen Winter, Dinosaurier durch Säugetiere, die bekannte Realität durch einen Internetstachel im Nacken, Menschen durch Zombies oder Aliens oder Roboter oder Cyborgs oder Kakerlaken oder gar nichts. Zugegeben, das ist ärgerlich und unangenehm. Niemand mag Veränderungen.

Eine zentrale Änderung am neuen Windows, vielleicht die größte seit 1995, ist das Fehlen des Start-Buttons. Zwei Dekaden war er Dreh- und Angelpunkt jeder Windows-Version. Er gab Zugriff auf Programme, zuletzt geöffnete Dateien, die Systemsteuerung, die Bibliotheken, alles. Was rede ich? Jedes Kind kennt den Start-Button und seine Funktionen. Er ist obligatorisch: das Erste und das Letzte, was man bei Windows berührt, das Alpha und Omega.

Nun ist Windows 8 da und der Start-Button? Ist weg.

Microsoft hat ihn geopfert, um die Metro-Oberfläche aus der Taufe zu heben. Dabei wäre es ein Leichtes gewesen, ihn auf dem Desktop zu belassen, denn der ist schließlich noch da: Lasst doch einfach den Nutzer entscheiden, ob er lieber eckige Kacheln oder einen runden Knopf anklickt! Windows hat genug Platz für beides. Stattdessen muss die Welt sich dem Dogma aus Redmond beugen.

Das kommt Ihnen bekannt vor? Wieder einmal - wie schon bei Office 2007 - riskiert Microsoft den Bruch und schickt jahrzehntealte Klickgewohnheiten zum Teufel. Die Nutzer sollen nicht zum "Business as usual" übergehen, sondern sich an die verheißungsvolle Metro-Oberfläche gewöhnen. Nun ist den Menschen Windows 8 geboren und sie sollen sich nicht fürchten.

Vielleicht werden sie sich eingewöhnen und nehmen die Änderung schneller und dankbarer an, als man im ersten Moment annehmen mag. Der Mensch ist schließlich ein anpassungsfähiges Wesen. Vielleicht ist das Fehlen eines wichtigen Knopfes tatsächlich Evolution statt Apokalypse. Dann lohnt sich das Opfer. Bei Office hat sich das Ribbon-Konzept schließlich letztlich auch als das bessere erwiesen.

Ansonsten hilft nur die Wiederauferstehung des heilbringenden Knopfes. Nach der Grundregel, dass nur jede zweite Windows-Version richtig gut gerät, ist Windows 8 eh nur eine Zwischenversion. Der öffentliche Versuch beginnt jetzt.

André Kramer André Kramer

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