Projekt Sodom (2)

@ctmagazin | Story

Illustration: Michael Thiele, Dortmund

Fortsetzung vom letzten Heft

Corfino saß aufrecht im Sattel des E-Bikes, die Beine fest auf den Straßenbelag gestemmt, und musterte die Villen jenseits der Doppelphalanx aus Kokospalmen. Wind und ein blauer Mittagshimmel tauchten die Allee in ein unruhiges Tarnfleckenmuster aus Licht und Schatten. Lackierte Buckel von Luxuskarossen in den Auffahrten. Schatten von Hartriegelbüschen auf den sorgfältig gestutzten Rasen der Vorgärten. Leere Veranden und Gehwege. Kein Mensch weit und breit, keine Kinder, keine Hunde. Irgendwo in der Nähe summte ein Mähroboter.

Hier wohnten die Alteingesessenen, residierte die erste Garnitur, hausten die Ureinwohner der Stadt, Namen, die einstmals einen mächtigen Klang gehabt hatten. Von globaler Macht und märchenhaftem Reichtum war keine Rede mehr, aber sie bestimmten noch immer die Geschicke der Stadt. Corbant und Tracker wohnten hier draußen, auch eine Frau namens Linda Preston, aber das war so ein Top-Secret-Ding, um das sich auch ein Chief nicht zu kümmern hatte.

Corfino grinste und riss am Energiehebel. Die Maschine zog kraftvoll voran und rollte am Ende der Sackgasse aus, vor einem schlichten, weißen Bungalow in Spuckweite des energetischen Schutzwalls. Hinter dem Wabenmuster der Panzerglaskuppel und dem tödlichen Flimmern erstreckte sich die Wüste – das Draußen. Corfino verfiel bei dem Anblick wahrer Zeitlosigkeit in eine gedankenlose Starre. Etwas kitzelte ihn. Hellermans Bauchgefühl? Woher sonst stiegen plötzlich Bilder in ihm auf, von schnurgeradem Asphalt, der in sanften Wellen in ein verlockendes Nichts führte? Warum hatte er das Dröhnen eines Verbrennungsmotors im Kopf, spürte er dessen fliegende Hitze, roch er Benzindunst und kochendes Getriebeöl? War das Singen von Rädern und der rauschende Fahrtwind tatsächlich Musik?

Er schüttelte die Bilder ab, zog den Helm vom Kopf und stieg schwerfällig von der Maschine. Er zögerte kurz, warf einen Blick in die Runde. Alles Schweigen und Bewegungslosigkeit, jedoch bedeutungsschwanger, wie ein dreidimensionales Gemälde im Stil Edgar Hoppers. Er knöpfte die Lederkombi auf, zog seine Dienstpistole aus dem Schulterholster und betrat die mit Betonplatten ausgelegte Zufahrt von Prestons Bungalow. Er tauchte in den schwülwarmen Pflanzendunst des Gartens. Über den Hausdächern schwamm die Skyline der Stadt in blauem Äther. ...

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