Stellen Sie sich eine Welt vor ...

@ctmagazin | Editorial

in der die Geschichte der Medien anders verlaufen ist. Zwar sieht es dort im Wesentlichen aus wie bei uns. Alle gängigen Medien sind vorhanden, der Fernseher, das Radio, Wii und Kinect, vor denen Spieler akrobatische Körperbewegungen vollziehen, Computer mit ihrer Anwendungsvielfalt, das Internet und soziale Netzwerke wie Facebook.

Nur die Erfindung des Buchs fehlte in der bisherigen Geschichte dieser Parallelwelt, bis 2012 jemand auf die Idee kam, Buchstaben auf Papier zu drucken und die Papiere zu Büchern zusammenzubinden. Eine Welt, in der Computerspiele vor den Büchern kamen: Was würden wohl Pädagogen, Feuilletonisten und Eltern zu den Kindern sagen, die hinter diesem neumodischen "Buch" verschwinden?

Das neue Medium würde vermutlich harsche Kritik ernten, denn das Lesen unterfordert die Sinne. Die Leser sitzen mit starrem Blick vor dem Papier, anstatt sich in einer lebendigen, dreidimensionalen Welt zu bewegen. Sie stieren auf das monotone Schwarz-Weiß, auf dem sich nichts verändert. Sie hören nichts und sie können nichts anfassen, außer das dünne Papier. Nicht nur die Sinne, auch der Körper verkümmert beim Lesen, denn die Leser verharren teils stundenlang unbeweglich in der gleichen Position.

Häufig hört man von geradezu buchsüchtigen Jugendlichen, die nicht mehr Mario Kart spielen und online gehen, weil sie jeden Tag Stunden mit dem neuen Medium verbringen. Sie vernachlässigen die Möglichkeiten der bewährten Medien, die den ganzen Körper fordern und in denen man mit komplexen Bewegungen etwas im Spiel steuert. Stattdessen sitzen sie nur still da und bewegen gelegentlich ein paar Gramm Papier von rechts nach links.

Als wäre das noch nicht schlimm genug, leiden auch die sozialen Kontakte unter der Vielleserei. Das Buch isoliert den Menschen, denn der Lesende sitzt oder liegt in der Regel alleine im stillen Kämmerlein. Er trifft sich nicht mehr mit anderen, um etwas gemeinsam mit ihnen zu unternehmen.

Und schließlich untergräbt das Lesen sogar die Demokratie, denn beim Lesen lernt der Bürger implizit die Unmündigkeit mit: Er muss sich in Büchern einer vorgegebenen, linearen Struktur unterwerfen und kann sich nicht selbstbestimmt in einer belebten, dreidimensionalen Welt bewegen. Anstatt sich selber zu orientieren und die Umgebung aktiv zu gestalten, lehrt das Buch vor allem: dem zu folgen, was man vorgegeben findet.

Wie beruhigend, dass es bei uns anders gelaufen ist als in diesem Gedankenexperiment, das der Medientheoretiker Steven Johnson in seinem Buch "Neue Intelligenz: Warum wir durch Computerspiele und TV klüger werden" angestellt hat.

Jöran Muuß-Merholz Jöran Muuß-Merholz

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