Sicher für die Ewigkeit

@ctmagazin | Story

Illustration: Susanne Wustmann, Dortmund

Der Berater ließ sich auf der Bank der geräumigen Fahrstuhlkabine nieder. Eingebaute Wandbildschirme erwachten zum Leben, als sich der Fahrstuhl langsam in Bewegung setzte.

„Ihre Daten sind sicher!“, versprach eine tiefe männliche Stimme zu leiser klassischer Musik und einer endlosen Kamerafahrt übers Meer.

„129 Jahre Sperrfrist“, versicherte eine weibliche Stimme. Kamerafahrt über eine Stadt.

„Zentrale Speicherung all Ihrer Daten.“

Die beiden Stimmen wechselten sich weiterhin Satz für Satz ab.

„Ständige Erreichbarkeit für Sie.“

„Keine Weitergabe an Dritte während der Sperrfrist.“

„Unschlagbare Verschlüsselung.“

„Sie allein sind Herr Ihrer Daten.“

„Freie Konvertierung auf jedes Gerät.“

„Umziehen leicht gemacht.“

„Neuer Kühlschrank? Kein Problem, er kennt Ihren Einkaufszettel so gut wie Ihr Alter.“

„Keine Datenreste in Ihren Altgeräten.“

„Absolute Privatsphäre.“

„Neues Interface? Alle Ihre Kontakte und Termine sind bereit von dem Augenblick an, in dem Sie das Gerät zum ersten Mal einschalten.“

„Kostenloses Identitätsmanagement. Ihr Arzt, Ihr Arbeitgeber, Ihre Frau wissen nur, was sie wissen sollen, und nur solange Sie es erlauben.“

 „Zweit-Identität mit Garantie, auf Ihre dritte und alle weiteren Identitäten 30 Prozent Rabatt.“

„Das Zentralarchiv – mit uns sind Ihre Daten sicher!“

Der Aufzug hielt und die Türen entließen den Berater ins Atrium. Er hatte die Werbung stoisch über sich ergehen lassen. Seit dem „Fall“ konnte man dem Zentralarchiv nicht entkommen; warum sie jetzt auch noch Werbung dafür machen mussten, verstand er nicht. Mit den sich schließenden Türen verschwand jedes Geräusch aus dem weitläufigen Raum.

„Berater Hubertus“, sprach ihn der Archivar an. Es war keine Frage. Hubertus zuckte zusammen, er hatte den in klinisches Weiß gekleideten Archivar in dem ebenso weißen Atrium übersehen.

„Willkommen im Zentralarchiv Sektion Europa.“

„Archivar Henninger, nehme ich an.“

Der Archivar nickte. „Bitte folgen Sie mir!“ Sie gingen zügig zu den Sicherheitsschleusen. Allerdings musste Hubertus seine Brille, sein Telefon, seine Armbanduhr und seine Gürtelschnalle zurücklassen, da keine vernetzten Computer im Archiv erlaubt waren. „Scheint so, als hätten Sie in Europa ein Außenwahrnehmungsproblem“, sagte Hubertus leichthin.

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Henninger überrascht, sein Gesichtsausdruck sprach Bände.

„Der Werbefilm?“

„Oh!“ Das Lächeln des Archivars entspannte sich. „Nein, nein. Wir kämpfen nur um ein Prozent der Unbelehrbaren, die ihre Daten ausschließlich lokal verwalten.“

Sie gingen durch eine Reihe weiterer Sicherheitsschleusen. Er verstand die Vorsichtsmaßnahmen. Heutzutage war in allem ein kleiner Computer versteckt, der sich ständig mit allen anderen Computern in seiner Funkreichweite unterhielt und über sie Anfragen weiterleitete und empfing. Im Grunde eine Weiterentwicklung der alten dezentralen Netzwerke vor dem „Fall“.

Sie mussten jetzt schon ziemlich tief im Berg sein. „Vielleicht ein bisschen übertrieben, Ihre Sicherheitsvorkehrungen“, meinte Hubertus mürrisch, als er sich in einen Besprechungsraum setzte.

Auf dem Weg dorthin waren sie an einigen offenen Großraumbüros, Freizeiteinrichtungen und Pausenräumen vorbeigekommen. Auch an einem Raucherraum, was Hubertus unangenehm aufgefallen war. Ansonsten war das Ambiente angenehm. Er hörte einen Bach rauschen und vereinzeltes Vogelgezwitscher, roch den Duft von Blüten, alles brillant simuliert. Und von irgendwo wehte ein frischer Wind. Es gab große Fenster, die Aussichten auf verschiedene Landschaften simulierten, deren Lichtverhältnisse sich mit der Tageszeit änderten. Sie wechselten wenige Sätze und der Archivar ging nicht auf die Stichelei des Beraters ein; dann betrat ein jüngerer Archivar den Raum und schloss die Tür hinter sich.

„Gut, dass Sie da sind, Peterson. Berater Hubertus, das ist Archivar Peterson, er ist einer unserer fähigsten Dateningenieure.“

Die beiden Männer, die etwa 50 Jahre trennten, nickten sich kurz zu. Es war nicht zu übersehen, wie unangenehm es Peterson war, dass man Hubertus eingekauft hatte.

„Danke, Berater Hubertus, dass Sie so kurzfristig Zeit für uns haben“, begann Henninger. Er stand, Peterson und Hubertus saßen am Konferenztisch.

„Ich muss es Ihnen sicherlich nicht sagen, dass nichts, was wir hier besprechen, diesen Raum verlassen darf, wie es uns auch vertraglich zugesichert wurde.“ Hubertus nickte, die üblichen Formalitäten, eine Selbstverständlichkeit. Er verstand nicht, warum der Archivar Henninger darauf noch einmal explizit hinweisen musste.

„Wir haben möglicherweise ein Problem. Zusammen mit Ihnen wollen wir das klären“, fuhr er fort.

Hubertus atmete scharf ein: „Möglicherweise haben Sie ein Problem? Da ist aber jemand in Ihrer Organisation ganz anderer Meinung! Ich wurde von einem mit Düsentriebwerken unterstützten Hubschrauber hergebracht. Das war überhaupt der erste Hubschrauber, den ich seit dem ‚Fall’ zu Gesicht bekommen habe. Es muss sich hier also um ein ernsthaftes Problem handeln.“

„Ich kenne Ihren Ruf. Nichts gegen Sie, es ist ein guter Ruf. Aber es schadet meinem Ruf, Sie hier zu haben.“

„Ich verstehe“, meinte Hubertus. „Aber machen Sie sich keine Sorgen. So wie ich es sehe, ist jeder in irgendetwas wirklich gut. Viele verbringen ihr ganzes Leben damit herauszufinden, was es ist. Ich bin okay in vielen Dingen, habe zu viele Interessen, bin natürlich auch schlecht in vielem. Was – das als Anmerkung – vielleicht genauso wichtig ist, wie zu wissen, in was man gut ist. Erkenne deine Schwächen, dann erkennst du dich selbst. Den Spruch gibt es auch mit Stärken. Jemand hat mal gesagt, ich sei die Feuerwehr. Man holt mich, wenn es brennt. Ich bin ein Problemlöser, mit dem Spezialgebiet der De-Eskalation von technischen Problemen. Man ruft mich, wenn es schon zu spät ist und ich darf es dann retten. Hört sich das nach etwas an, das Sie brauchen könnten?“

Zögerndes Nicken.

„Gut. Ich wünschte, ich wäre in etwas anderem spitze, aber so lange, bis ich das finde, bleibe ich mal bei dem, für das ich hier bin.“ Er lachte und sprach dann weiter: „Ich bin hier, um Ihnen zu helfen. Können Sie mir erzählen, was überhaupt passiert ist?“

Der Archivar nahm seinen Faden wieder auf und begann mit einem wahrscheinlich einstudierten Monolog:

„Für die Ewigkeit, das ist die Mission des Zentralarchivs, dafür wurden wir nach dem ‚Fall’ der Welt beauftragt. Die Höhlenmalereien hatten schon Zehntausende von Jahren überdauert und würden noch mal so viele überstehen, aber nichts ist für die Ewigkeit. Manche Bücher aus dem Mittelalter würden noch 1000 Jahre lesbar bleiben, aber nichts ist für die Ewigkeit. Moderne Bücher überleben keine 200 Jahre. Die meisten moderneren Speichermedien schafften keine 25 Jahre. Aber wir haben den Anspruch auf die Ewigkeit. – Sie wollen sicher wissen, wie wir das machen“, fragte Peterson. Die Art, wie er es sagte, machte klar, dass er es auf jeden Fall erzählen würde, auch wenn Hubertus jetzt schreiend aufspringen und davonlaufen würde, was er nicht vorhatte. Aber der Gedanke erheiterte ihn für einen kurzen Augenblick.

„Kristallspeicher …“

„Dazu kommen wir später“, unterbrach ihn der ältere Archivar. „Sie können uns nicht leiden, das sehe ich in Ihren Augen. Damit meine ich die Zentralarchive, nicht uns persönlich. Sie sind damit nicht der Einzige. Wir sind eine große Organisation, viele denken, zu groß. Aber man braucht uns. Wir beide sind alt genug, um zu wissen, warum. Wie alt waren Sie beim ‚Fall’?“

„Fünfzehn“, sagte Hubertus. Der Archivar nickte.

„Ich war siebzehn. Ein Drittel aller Daten der Welt unrettbar verloren. Keine Kommunikation, keine Medien, kein Strom. Der Untergang der Zivilisation. Der ‚Fall’ ließ alle vorherigen Banken- und Börsenkrisen wie einen Witz aussehen. Viele Banken und Versicherungen besaßen Sicherheitskopien ihrer Daten, aber auch vieles davon war vom ‚Fall’ betroffen. Schulden und Guthaben, alles verschwunden von einem Tag auf den anderen. – Sie mögen uns nicht leiden, weil wir ein hungriges Datenmonster erschaffen haben und niemand wirklich kontrollieren kann, was wir mit den Daten tun. Aber wir sind die einzige Möglichkeit, so etwas wie den ‚Fall’ zu verhindern. Wir haben alle Daten und wichtiger ist, wir haben ein Verzeichnis aller Änderungen, was uns erlaubt, jeden Stand wiederherzustellen.“

Hubertus kannte das Argument und er mochte es nicht. Er glaubte fest daran, dass es immer mehr als einen Weg gab.

„Wir wissen, dass es nicht perfekt ist. Welche Staatsorganisation kennen Sie, die perfekt wäre und keine Fehler macht, und wir sind überstaatlich.“

Hubertus nickte.

„Eine Datei ist verschwunden“, sagte Henninger, als verkünde er sein persönliches Todesurteil, und unterbrach damit Peterson. Hubertus ließ es einen Augenblick auf sich wirken und schwieg.

„Was für eine Datei?“, fragte Hubertus schließlich in einem professionellen Tonfall.

„Eine unserer ältesten, eine der Dateien, die wir zum Testen unserer Entschlüsselungs- und Analyseprogramme verwenden.“

„Ihr Verlust ist also kein Schaden“, sagte Peterson beschönigend.

„Darum geht es nicht“, entgegnete Henninger hitzig. „Das Archiv ist für die Ewigkeit. Es spielt keine Rolle, was es für eine Datei ist, es ist der Fakt, dass eine Datei verschwunden ist. Das darf nach allem, was wir wissen, nicht passieren. Das darf nicht passieren. Für die Ewigkeit, verstehen Sie! Das ist der einzige Sinn des Archivs. Wissen Sie, wie viele Daten wir im Archiv haben, deren Originale in den letzten 50 Jahren verloren gegangen sind? Sie konnten alle dank dem Archiv wiederhergestellt werden.“

Hubertus nickte.

„Verstehen Sie die Bedeutung, wenn das um sich greift und es nicht bei dieser Datei bleibt?“

„Dann stehen wir vor einem zweiten ‚Fall’“, spann Hubertus den Gedanken weiter.

„Wir wollen es nicht beschwören, es ist sicher nur ein Fehler“, meldete sich Peterson fast flehend.

„Es muss sich um irgendeinen Fehler handeln, aber wir haben ihn noch nicht gefunden.“

„Peterson hat hoffentlich recht. Es gibt auch bei uns viele Zweifler, was den Ewigkeitsanspruch unserer Organisation angeht. Überall auf der Welt arbeiten zahllose Teams rund um die Uhr, um den Fehler im System zu finden. Aber wir konnten ihn noch nicht entdecken. So hat man sich entschlossen, Sie einzukaufen. Sie wurden uns als Freidenker empfohlen.“ Er seufzte.

„Jetzt wissen Sie es. Peterson wird Ihnen alles zeigen und erklären. Finden Sie diese Datei. Ich hoffe, Sie finden sie schnell. Falls die Kristallspeicher ihre Konsistenz verlieren, sind wir am Ende.“

„Ich führe Sie herum“, sagte Peterson und zog den Berater sanft aus dem Raum.

„Er hat nicht mehr geschlafen seit Beginn der Krise vor fast 72 Stunden. Er wollte Sie schon nach 48 Stunden dazuholen, aber er stieß auf taube Ohren. Jetzt wird auch langsam das Management wach.“

„Gibt es hier guten Tee und vielleicht einen Kuchen? Ich hatte nichts zum Frühstück.“

„Natürlich, ich bringe Sie in die Cafeteria und gebe Ihnen alle Informationen, die Sie noch benötigen.“

Hubertus trank seinen Früchtetee und aß seinen Zimtsahneapfelkuchen schweigend; aber als er die Gabel beiseitelegte, lächelte er.

„Dann erzählen Sie mir von Ihrem Kristallspeicher“, forderte er den Dateningenieur auf.

„Das Herz unserer Anlage. Gewachsene Information. Physisch gibt es keinen langlebigeren Speicher. Härter als Diamant. Quasi keine molekulare oder atomare Reaktion oder Bewegung im Material.“

„Ich habe von so etwas gelesen, der gewachsene Speicher wird theoretisch instabil ab einer gewissen Größe.“

„Genau, aber wir hören weit unterhalb dessen auf und legen einen Neuen an. Von den Alten kann dann nur noch gelesen werden.“

„Die genauen Spezifikationen sind geheim?“ fragte der Berater.

„Ja, aber ich darf Ihnen jede Frage beantworten, die unmittelbar mit dem Problem zu tun hat – natürlich nur, wenn ich es selber weiß. Das meiste“, Peterson zuckte mit den Schultern, „ist leider auch für mich geheim.“

„Klar. Was ist mit dem Dateisystem?“

„Wir verwenden ein Zeitmaschinensystem. Wir schreiben die Originaldatei und all ihre Veränderungen in eine Baumstruktur, so können wir uns einfach zu jedem vorherigen Zustand zurückbewegen.“

„Wie ist der Sicherungszyklus“, fragte Hubertus und nippte an seiner zweiten Tasse Zitronentee.

„Generell wird jede Änderung geschrieben. Der Zyklus ist aber auf jeden Fall kürzer als 24 Stunden, er kann je nach eingestellter Priorität auch wenige Sekunden sein. Das gilt vor allem für die transnationalen Systeme großer Unternehmen.“

„Keine kleine Datenmenge.“

„Sie sagen es, aber unsere Anlage läuft weit unter ihrer Kapazität und wir haben noch Potenzial. Das Archiv ist für die Ewigkeit angelegt. Alles ist dreifach abgesichert.“

„Sie sagten es bereits. Das mit der Ewigkeit, meine ich. Aber nichts ist für die Ewigkeit. Nicht einmal die Seele von Professor Decantors Frau.“

„Entschuldigung?“

„Nichts, tut nichts zur Sache. Auch eine Geschichte mit Kristallen für die Ewigkeit.“

„Ich nehme an, Sie haben die Zeitmaschine zurückgedreht, als Sie bemerkten, dass die Datei verschwunden war“, fragte Hubertus.

„Das haben wir. Aber das System behauptet, sie sei zu keinem Zeitpunkt dagewesen. Keine Spur von ihr.“

„Und Sie sind sicher, dass Sie dagewesen ist?“, setzte der Berater mit einem Lächeln nach.

Petersons Mine verdüsterte sich. „Wir sind uns sicher; ich selbst habe ständig mit dieser Datei gearbeitet. Sie war eine der ältesten. Herkunft unbekannt, hoch verschlüsselt. Wir haben an ihr unsere Entschlüsselungsprogramme getestet. An ihr und einigen anderen Dateien. Diese hat uns immer Widerstand geleistet, aber vor ein paar Tagen waren wir endlich so weit“, er machte eine Pause und seufzte.

„Dachten wir zumindest. Das Protokoll des Verschlüsselungsbrechers zeigte an, dass wir klare Daten hatten, und als wir sie öffnen wollten, war die Datei verschwunden. Wir haben das Protokoll. Der einzige Beweis, den wir haben, dass die Datei existiert hat.“ Hubertus kniff die Augen etwas zusammen.

„Es sind keine 129 Jahre seit dem ‚Fall’ vergangen. Wie kann es sein, dass es für diese Daten keine Sperrfrist gibt?“ Peterson betrachtete betroffen seine Finger.

„Die Datei konnte keiner Person zugeordnet werden. Darum fällt sie streng genommen nicht unter die Sperrung. Wenn wir nach der Entschlüsselung eine Zuordnung vorgenommen hätten, könnten die klaren Daten für die restliche Dauer der Sperrfrist mit der sich selbst auflösenden Verschlüsselung des Archivs versehen werden.“ Hubertus’ Magen krampfte sich zusammen.

„Sie brechen erst in ein Haus ein, um zu sehen, ob Sie das Schloss öffnen können, und wenn Sie es können, bauen Sie ein Schloss ein, für das Sie selbst den Schlüssel haben. Und Sie wundern sich über den schlechten Ruf Ihrer Organisation in der öffentlichen Meinung.“

„Sie haben ja Recht, aber können wir darüber ein anderes Mal reden?“, flehte Peterson.

„Okay, die Datei war also da und wir nehmen an, das Medium, also der Kristallspeicher, ist konsistent. Wie greifen Sie auf so alte Daten zu? Sie haben sicher keine so alten Geräte mehr hier stehen.“ Peterson schüttelte den Kopf.

„Wir nutzen Emulatoren. Für alle Daten eines Geräts haben wir einen speziellen Emulator, der mit den jeweiligen Daten des Geräts abgespeichert wird. Die Emulatoren sind auf die Daten zugeschnitten. Für die neueren Daten entspricht der Emulator zu 100 Prozent dem Original. Für die alten mussten wir mit einem Standard-Emulator anfangen und diesen so gut einstellen, wie wir konnten. Aber daran liegt es nicht. Wir haben den Emulator wieder und wieder überprüft, er ist okay. Wir haben ihn auch mehrmals neu gestartet. Ohne Ergebnisse.“

Der Berater dachte nach. Dann sprach er sehr langsam und zerteilte dabei nachdenklich seinen Kuchen. Das sechste Stück der Apfelzimtsahne.

„Habt Ihr den Emulator auch zurückgesetzt, speziell den Arbeitsspeicher?“ Peterson stutzte.

„Wir haben den Emulator x-mal gecheckt, er ist okay.“

„Sichern Sie ihn und setzen Sie ihn auf den letzten Stand vor dem Öffnen der Datei zurück! Ich nehme an, der Emulator wird auch im Kristallspeicher gesichert?“

„Wir verlieren dadurch den Schlüssel für die Datei“ protestierte Peterson halbherzig. „Ich weiß nicht, ob wir das tun sollten.“

„Sie haben mich geholt, weil ich unkonventionell denke, Dinge versuche, die Sie nicht versucht hätten“, erwiderte Hubertus.

„Wissen Sie, was eine 3,5-Zoll-Diskette ist? Und wie viel Speicherkapazität sie hatte?“, fragte Hubertus.

Peterson schüttelte den Kopf.

„1,44 Megabyte. Mein Vater hatte eine Packung aufbewahrt, um sie mir zu zeigen, bevor ich meinen ersten Computer bekam. Er erzählte mir, in seiner Grundschulzeit tauschte man Spiele mittels dieser Disketten. Mein erster Computer hatte eine 1-Terabyte-SSD. Aber trotzdem begegnete mir die Diskette in fast allen Programmen als Programmsymbol zum Speichern. Mein Vater erklärte mir, dass die Hardware sich viel schneller weiterentwickelt habe als die Software. Man sei steckengeblieben bei elektronischen Briefen zur Kommunikation, dabei hätte man seiner Meinung nach viel weiter sein müssen. Es gab alles in der Theorie. Die wenigen Implementationen von operationalen Transformationen, automatischer Synchronisation und Versionsverwaltung waren in der Applikationsebene und nicht auf der Datensystemebene, wo sie hingehörten. Er sagte, der Hochmut kommt vor dem Fall. Zum Glück hat er den ‚Fall’ dann nicht mehr erleben müssen. Nun tun Sie bitte auch, was ich vorschlage. Setzen Sie komplett auf den letzten Zustand vor dem Öffnen der Datei zurück, komplett, den Emulator, das Dateisystem, das Betriebssystem, einfach alles. Wenn das Problem nicht physisch ist, wird es damit gelöst und wir tasten uns dann vom Allgemeinen zum Speziellen vor.“

Peterson schwieg.

„Muss ich erst mit Archivar Henninger reden?“

„Na gut, ich werde mit ihm reden. Wir beeinflussen damit das ganze Archiv. Es wird nicht einfach sein, die Erlaubnis zu bekommen.“

„Tun Sie es bitte!“

„Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, und wir verlieren nur den Schlüssel“, murrte Peterson unwillig.

Es dauerte eine knappe Stunde, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte, bis die Erlaubnis kam. Die Hände des Beraters waren feucht und er hatte alle Mühe, seine Anspannung zu verbergen. Er entspannte sich auch nicht, als Peterson ausrief: „Sie ist wieder da!“ Peterson war fassungslos. Irgendwo zwischen ungläubigem Entsetzen, freudiger Erleichterung und Scham.

„Sie war nie weg.“ Eine Pause fand Hubertus angemessen. „Das hatte ich befürchtet.“ Hubertus hatte damit gerechnet.

„Warum befürchtet? Sie haben befürchtet, dass es so einfach ist?“

„Alle Lösungen sind einfach, nur dahin kommt man schwer.“ Kunstpause. Zeit für mehr Apfelsahne.

„Befürchtet hatte ich es deshalb, weil es darauf hinweist, dass die Datei maskiert wurde. Und am wahrscheinlichsten von einem Schadprogramm, das sie selbst enthält. Es gäbe noch viele andere Möglichkeiten, aber erst einmal sollten wir das Schadprogramm ausschließen. Wir kommen nun vom Allgemeinen zum Speziellen. Vom Offensichtlichen zur Lösung. Zum tiefsten Grund, zur Wurzel des Problems.“ Kunstpause. Jetzt hatte er Peterson eingewickelt, ab jetzt konnte er sich die Allgemeinheiten sparen, hoffte Hubertus.

„Können Sie den Emulator komplett abschirmen?“

„Ja.“

„Dann tun Sie das bitte!“ Dieses Mal folgte Peterson bereitwillig.

„Was nun?“

„Wir suchen den Unterschied zwischen den beiden Zuständen. Also der Version, bevor wir zurückgesetzt haben, und der jetzigen.“

„Denn wenn wir den Schlüssel hätten, könnten wir den Fehler nachstellen.“

Hubertus nickte. „Erst einmal stellen wir ein paar Fallen und Überwachungsprogramme auf. Wir können die letzte Version ebenfalls in einen abgeschirmten Bereich laden und dann alle Prozesse durchgehen. Der Schlüssel und das vermutete Schadprogramm müssen irgendwo in den Unterschieden liegen.“

Es dauerte eine Weile, so lang, wie eine halbe Schwarzwälder Kirschtorte genüsslich verspeist wurde, um ein Programm auf einem dritten Emulator zu etablieren, um die beiden Versionen zu vergleichen. Aber dann hatten sie es. Der junge Archivar verlor schnell alle Farbe. Aber sie mussten sichergehen.

Einen gedeckten Apfelkuchen später stellten Hubertus und Peterson ihre Erkenntnis dem Archivar Henninger vor. Peterson überließ Hubertus das Reden:

„Wir konnten das Problem reproduzierbar machen.“ Auf dem großen Wandbildschirm lief eine Visualisierung des Vorgangs beim Öffnen der Datei im Speicher des Emulators. Nach wenigen Sekunden verflog alle Farbe aus dem Gesicht des Archivars.

„Wir haben die Büchse der Pandora geöffnet“, flüsterte Henninger mit brüchiger Stimme. Unverständnis auf Petersons Gesichtszügen und zustimmendes Grummeln von Hubertus.

„Ein passender Vergleich. Durch das Öffnen der Datei wurde das Schadprogramm auf den Emulator losgelassen, wo es sich als Erstes maskierte, was sich als Verschwinden der Datei sofort bemerkbar macht. Dann übernahmen die Schadprogramme jeden Aspekt des Emulators und warteten auf die Gelegenheit zur Verbreitung. Dank der ausgezeichneten Sicherheitskonzepte des Archivs konnte es sich erst mal nicht ausbreiten.“ Hubertus verzichtete auf die Kunstpause. „Bis Sie in Panik gerieten, wegen des Verschwindens der Datei und den Emulator im Rahmen der Untersuchung in den Hauptrechner luden. Von dort verbreitete sich die Schadsoftware, bis sich der Emulator wieder abkapseln ließ.“

„Unsere Sicherheitsprotokolle hätten es gemeldet, wenn sich ein Schadprogramm im Netzwerk ausgebreitet hätte“, widersprach Henninger. – „Es kann nicht sein. Es kann sich nicht ausgebreitet haben!“, Henninger weigerte sich einzugestehen, was er schon wusste.

„Die angepassten Schadprogramme sind sehr klein und verbreiten sich sehr langsam und vorsichtig. Sie haben sich an Ihren Wachprogrammen vorbeigeschlichen“, sagte Hubertus ruhig. „Die Verbreitung steigt wie bei allen Infektionen exponentiell.“

„Wir haben wenig Zeit. Was können wir tun?“

„Es ist schon zu spät, das gesamte Archiv ist infiziert, vielleicht schon die ganze Welt. Ich denke, wir sind auf eine frühe Version des Falls gestoßen, vielleicht auch auf ein Backup für die Möglichkeit, dass der erste Versuch fehlschlägt. Wir wissen nicht, was es auslösen wird, aber wir wissen, was passiert, wenn es losschlägt. Wir müssen die ganze Welt auf die Version vor der Infektion zurücksetzen. Der letzte Stand vor dem Öffnen der Büchse der Pandora und dann die Datei löschen.“ Hubertus schaute auf die Uhr. „Im Moment verlieren wir nur vier Tage, wenn wir zu lange warten, verlieren wir vielleicht Millionen Leben. Je länger wir warten, je tiefer wird der ‚Fall’.“

„Ein Antivirus?“

Hubertus schüttelte den Kopf. „Das Fall-Programm wurde nie gefunden, auch dieser Schädling ist so angepasst, dass wir ihn nur im direkten Vergleich mit der nicht infizierten Version des Speichers finden konnten. – Der Schädling besteht aus mehreren Teilen, sie sind alle unabhängig voneinander und können untereinander ausgetauscht werden. Selbst wenn wir einige finden und entfernen, bleibt doch immer der Hauptteil maskiert im System. Und der Schädling lernt. Bei der nächsten Infektion hat er sich angepasst. Wir haben keine Chance, ihn zu besiegen. Wir müssten jeden einzelnen Speicher überprüfen. Wir könnten das zwar für jeden einzelnen Speicher machen, müssten ihn aber bis zur gesamten Bereinigung aller Speicher vom Netz abschotten. Der Schaden wäre ungleich höher, als wenn wir alles auf einmal zurücksetzen. Es tut mir leid.“

„Uns bleibt keine Wahl. Ich sehe keine Möglichkeit. Das ist furchtbar, das wird man uns nie vergessen. Die Welt verliert vier Tage“, sagte Henninger mit brüchiger Stimme.

Hubertus zuckte traurig mit den Schultern, doch bevor er etwas erwidern konnte, fragte Peterson verängstigt in eine plötzlich eingetretene Stille hinein: „Hören Sie das?“ Die beiden Älteren schüttelten die Köpfe.

„Die Ambiente-Geräusche, der Bach und die Vögel, sie sind stumm“, flüsterte Peterson. Plötzlich flackerte der Wandbildschirm kurz, dann wurde er schwarz. Lauter werdendes Stimmengewirr drang aus dem Großraumbüro zu ihnen herein. Sekunden später ging das Licht aus.

Artikel kostenlos herunterladen

Anzeige
Anzeige