Das Ende des Cretaceums

Eine Schule probt den digitalen Ernstfall

Wissen | Reportage

Früher flog der wassergetränkte Schwamm in der Pause durch den Klassenraum und den Lehrer konnte man mit durchweichter Kreide ärgern. Heutzutage hängt das Smartboard im Klassenzimmer. Nach über 200 Jahren Kreidezeit verdrängt die Kombination aus Whiteboard, Beamer und PC die klassische Schultafel.

Erste Stunde: Sozialkunde. Die Kinder der sechsten Klasse der Integrierten Gesamtschule List in Hannover sind emsig damit beschäftigt, Bilder für eine Collage zum Thema Liebe zu sammeln. Den „stummen Impuls“ zur Erarbeitung der Aufgabenstellung hat die Lehrerin am Anfang der Stunde einfach auf das Smartboard projiziert. Nach der Anmeldung an der Lehrerstation im Klassenzimmer konnte sie per Netzwerk auf ihren Materialpool zugreifen. Das Projizieren war früher schon mit dem Overhead-Projektor möglich, „mit der elektronischen Tafel bin ich jedoch flexibler und kann Inhalte bei Bedarf auch direkt aus dem Internet im Unterricht einbinden“.

Anders als gewöhnliche Whiteboards, die man mit trocken abwischbaren Stiften beschreibt, dienen interaktive Whiteboards sowohl als Projektionsfläche für Beamer als auch als Eingabegeräte für einen angeschlossenen PC. Je nach der verwendeten Technik lassen sie sich mit elektronischen Stiften oder einfach mit dem Finger beschreiben (siehe Kasten). Der Markenname einer der größten Herstellerfirmen – die kanadische Smart Technologies – hat sich dabei fast schon als Gattungsbegriff etabliert: das Smartboard. Der Name passt, schließlich haben die Schüler meist ein Smartphone in der Tasche und das Smart-TV hängt zu Hause im Wohnzimmer. ...

Technik

Je nach Hersteller und Baureihe benutzen interaktive Whiteboards unterschiedliche Wege, um die Position von Stift oder Finger auf der Projektionsfläche zu ermitteln. Bei resistiven, kapazitiven und elektromagnetischen Boards ist die gesamte Fläche aktiv; resistive und kapazitive lassen sich wie andere Touchscreens per Finger oder (leitfähigem) Stift bedienen. Elektromagnetische Boards erkennen nur ihren speziellen Magnetstift. Bei anderen sitzen Infrarot- oder Ultraschall-Sensoren im Rand und ermitteln die Stift- oder Fingerposition trigonometrisch durch Laufzeitmessungen. IR-Kameras mit Blick auf die gesamte Projektionsfläche erkennen Lichtsignale aktiver IR-Stifte oder auch die Fingerposition. Mitunter kombinieren die Hersteller die verschiedenen Techniken auch, um die Präzision zu verbessern, Störungen zu minimieren oder – bei multitouch-fähigen Modellen – mehrere Punkte gleichzeitig zu erkennen.

Jede der Abtasttechniken hat ihre Vor-, aber auch Nachteile: Resistive Touchoberflächen sind empfindlich, mögen keine spitzen Gegenstände und lassen sich schlecht von Markerspuren reinigen. Bei Detektorkameras am oder im Beamer stört der Schatten des Vortragenden die Positionserkennung. Aktuelle Modelle arbeiten daher mit am Boardrand angebrachten Kameras und über dem Board montierten Ultrakurzdistanz-Beamern, deren Spezialoptiken trotz eines Abstands von wenigen Dezimetern ein verzerrungsfreies Bild auf die Projektionsfläche werfen.

Marktführer bei Schulsystemen ist das kanadische Unternehmen Smart Technologies mit den als Markennamen registrierten „Smart Boards“. Zu den Mitbewerbern gehören unter anderem der britische Hersteller Promethean mit seinen „ActivBoards“, das US-Unternehmen Qomo („HiteBoards“) und der japanische Hersteller Hitachi („StarBoards“) – insgesamt tummeln sich ein gutes Dutzend Hersteller auf dem Digital-Whiteboard-Markt.

Preislich liegt ein für Schulen geeignetes interaktives Whiteboard derzeit im Bereich zwischen 1500 und 9000 Euro. Die Hersteller bieten zwar Komplettlösungen an, an Schulen findet man in der Regel aber Kombinationen, bei denen ein Smartboard mit Beamer und PC anderer Hersteller kostensparend kombiniert ist. Eine etwas günstigere Lösung bietet beispielsweise Mimio an: Mit der IR-Leiste „mimio Teach“ für rund 800 Euro lassen sich vorhandene Whiteboards und Beamer weiter verwenden. Die Leiste sitzt an der linken Seite des normalen Whiteboards außerhalb der Projektionsfläche. Der aktive IR-Stift parkt bei Nichtgebrauch an der linken Seite der Mimio-Leiste in einer Halterung und wird dort auch aufgeladen.

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weiterführende Links

Weitere Bilder

  • Smart-Boards der 800er Serie lassen sich per Finger, oder mittels Stiften und Schwamm bedienen; die Auswahl erkennt das Board über Sensoren in der Ablage.
  • Interaktive Whiteboards wie die des Marktführers Smart Technologies findet man mittlerweile in vielen Klassenräumen. Der oft unvermeintliche Kabelverhau macht die Installation aber störanfällig.

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