Prozessorgeflüster

Von Mai und anderen Wonnen

Trends & News | Prozessorgeflüster

Mai kalt und nass, füllt dem Bauern Scheun’ und Fass – ob die alte Bauernregel für den normalen Landwirt gilt, wird sich noch zeigen. Für den Prozessorbauer scheint der Mai jedenfalls reichlich fruchtbar gewesen zu sein. Und noch mehr für Mathematiker.

Zahlreiche neue Prozessoren, von denen einige eigentlich erst für Anfang Juni geplant waren, schossen bereits wie Spargel aus dem Boden oder ließen sich allerorts leicht ausgraben. Und auch für die an Zahlentheorie interessierten Mathematiker gestaltete sich der Mai als wahrer Wonnemonat. Zwei seit langer Zeit gesuchten Beweisen ist man nun erheblich näher gekommen: zwei der vier sogenannten Landau-Probleme, die der bekannte deutsche Mathematiker Edmund Landau 1912 auf einem Mathematiker-Kongress in Cambridge als „unergreifbar“ bezeichnet hat.

Dass es unendlich viele Primzahlzwillinge gibt, konnte Yitang Zhang von der University of New Hampshire in Durham zwar noch nicht beweisen, aber immerhin, dass es unendlich viele Primzahlcousins gibt, die sich gerade mal um maximal 70 Millionen unterscheiden.

Zwei verteilte Rechenprojekte (Twin Prime Search und PrimeGrid) arbeiten seit Jahren mit viel Rechenpower daran, größere Zwillingspärchen aufzuspüren, bisheriger Rekord (über 200 000 Stellen): 3 756 801 695 685 · 2 666669 ±1. Mitte Mai hatte ein Primegrid-Teilnehmer zudem mit seinem Quad-Core Opteron 2374HE den größten bislang bekannten Fermat-Divisor entdeckt, einen Teiler von F2747497 mit 827 082 Stellen.

Just am gleichen Tage hatte der peruanische Mathematiker Harald Helfgott einen Beweis der ternären (oder schwachen) Goldbachschen Vermutung aus dem Jahre 1742 vorgelegt, derzufolge sich jede ungerade Zahl größer 5 als Summe von drei Primzahlen darstellen lässt. Sein noch in der Überprüfungsphase befindlicher Beweis gilt zwar erst für Zahlen größer 1030 – aber die paar Quadrilliarden Zahlen darunter waren bereits zuvor unter anderem mit Hilfe eines verteilten Rechenprojektes für die binäre Goldbachsche Vermutung abgedeckt worden.

Mit Rechenkraft

Mit Intels neuem Haswell-Prozessor kann man das ja „mal eben schnell“ nachprüfen … Dieser Rechenkünstler ist mit seinen AVX2-Recheneinheiten, die nun auch Integer mit 256-bittiger Breite berechnen können, sowie mit den beiden schnellen FMA-Pipelines dafür geradezu prädestiniert. Aber Vorsicht, ein paar Jahre Rechenzeit wird er für obigen Job selbst in der 18-Kern-Ausführung eines zukünftigen Haswell EX noch benötigen.

Inzwischen sind diverse Desktop-Haswells nicht nur in China, sondern auch in Deutschland an fast jeder Internet-Straßenecke zu kaufen (siehe S. 22). Das hat Intel hierzulande wenig erfreut, aber so ist es nun mal. Vorab gab Intel in der inzwischen üblichen Salamitaktik – jeden Monat ein Scheibchen – ein paar weitere Details zum Haswell-Prozessor kund. Rani Borkar, Intels Chefin der Architecture Group, stellte am Weltverschwörungstag, dem 23. 5., seine Stromsparkünste mit extensivem Power Gating sowie die im Gehäuse integrierten Spannungsregler vor. Für letztere muss man sich ein neues Four-Letter-Acronym merken: FIVR, Fully Integrated Voltage Regulator.

All diese Techniken sollen die Akkulaufzeit gegenüber Systemen mit dem Vorgänger Ivy Bridge immerhin um 50 Prozent verlängern. Die Standby-Laufzeiten sollen sogar um bis zu Faktor 20 besser sein.

Konkurrent AMD hat derweil in der Liste der umsatzstärksten Prozessorhersteller die zweite Position hinter Intel abgeben müssen und belegt laut IC Insights mit einem Jahresumsatz im Prozessorsegment von 3,6 Milliarden US-Dollar hinter den beiden ARM-Lizenznehmern Qualcomm und Samsung (samt Apple) nur noch Platz 4. Im letzten Quartal lag der Umsatz bei Prozessoren gerade mal bei 751 Millionen Dollar, da macht Intel allein mit dem Atom deutlich mehr. Das zeigt, wie wichtig für AMD der Jaguar als konkurrenzfähiges Atom-Gegenstück ist. Am 21. Mai nun outete sich Microsoft offiziell als Jaguar-Kunde für die neue Spielkonsole Xbox One. Die weltweite Reaktion war jedoch gelinde gesagt recht verhalten, was weniger an der Hardware als vielmehr an Microsofts Geschäftsmodell liegen dürfte (siehe S. 16).

Nebenbei sprossen für AMD mit Kabini, Temash und Richland gleich drei APUs aus dem feuchten Frühlingsboden – und sowohl Temash mit Jaguar- als auch Richland mit Piledriver-Kernen konnten wir ähnlich wie Intels Haswell bereits problemlos einkaufen (siehe S. 72 und 74). Ebenfalls noch vor der Computex präsentierte AMDs Serverchef Andrew Feldman stolz den Jaguar im Opteron-Gewande mit Codenamen Kyoto (siehe S. 26). Er verglich Kyoto allerdings nur mit dem alten Atom-1200S-Centerton nach dem Motto: „Wir haben doppelt so viele Kerne“, nicht aber mit dem bald aufblühenden Avoton mit Silvermont-Architektur, der wiederum doppelt so viele Kerne wie Jaguar aufweisen wird (sowie SATA, USB, viermal GBe etc.) Einzelheiten zum Avoton und zu seiner Storage-Variante Rangeley hätte Feldmann einfach von Intels Download-Mirror-Site herunterladen können, wo man in zwei PDFs das Customer Reference Board „Mohon Peak“ für die beiden Prozessorvarianten detailliert beschrieben vorfand. Seit wir die Fundstelle Intel mitgeteilt haben, ist dort aber merkwürdigerweise nur noch „Placeholder.txt“ zu finden.

Sehr interessante Seitentriebe konnte man im Mai bei den Tablet-Gewächsen mit Atom Clovertrail ausmachen. Zumindest auf den Benchmark-Seiten von AnTuTu und GFXBench tauchte ein Samsung Galaxy Tab 3 10.1 als GT-P5200 beziehungsweise mit UMTS als GT-P5210 auf, laut GFXBench bestückt mit Atom-Clovertrail und PowerVR SGX 544MP. Beim OpenGL-Benchmark von GFXBench sieht dieses Tab 3 zwar nicht so toll aus, aber mit 24 616 Punkten bei AnTuTu lässt es alles stehen und liegen, was sich sonst noch in dieser Geräteklasse tummelt.

Im Hinblick auf die nächste Atom-Generation Bay Trail für Tablets und vielleicht noch spannender auf Atom-Merrifield für Smartphones bahnt sich hier vielleicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen Intel und Samsung an. (as)

Artikel kostenlos herunterladen

Anzeige