Geteiltes Mutterglück

@ctmagazin | Editorial

Mutterglück, Mutterstolz und Mutterfrust - das liegt nah beieinander. Wenn ich also mein Mutterdasein im Internet teile, bekommen auch die weit enfernten oder kinderlosen Freunde mit - die ich tatsächlich nicht mehr häufig sehe -, was wir alles erleben und was ich so tagtäglich leiste.

Das machen viele Mütter so. Vielleicht ist das auch ein Mütter-Ding. Vielleicht weil Mütter in Deutschland ohnehin ständig unter Beobachtung stehen und sich beweisen müssen. Na ja. Leider ist es auch so, dass gerade Mütter dazu neigen, nicht nur sich selbst möglichst offenherzig im Internet zu präsentieren, sondern auch das Leben ihrer Kinder. Mitunter vollkommen gedankenlos.

Während die einen noch darüber nachdenken, überhaupt den vollständigen oder richtigen Namen ihres Kindes ins Netz zu schreiben, werden andernorts die Nacktaufnahmen aus dem Planschbecken gepostet. Upfront versteht sich. Klar, wer mit Kindern lebt, der kennt das. Die laufen im Sommer nun einmal gerne nackig durch das Wohnzimmer oder auch schon einmal über die Wiese.

Aber gehört so etwas ins Netz? Nein. Denn es wird mitgelesen. Überall. Klar, die NSA interessiert sich erst einmal besonders für das, was ich als volljähriger Mensch treibe. Unter welche politischen Statements ich mein "Gefällt mir" drücke und was ich so alles online shoppe. Auf irgendeine Weise werde ich mich schon erpressbar machen. Womöglich erfülle ich längst typische Terroristenprofile.

Das betrifft allerdings nur mich. Ich bin alt genug, um mich selbst zu schützen oder bewusst einer Gefahr auszusetzen. Ich bin für mich selbst verantwortlich. Sobald ich diese Entscheidung aber für andere treffe, sollte ich mir doch die Gewissensfrage stellen: Muss ich das jetzt wirklich über XYZ ins Netz stellen? Was will ich genau damit bezwecken? Würde ich wollen, dass jemand so etwas über mich (mit)teilt?

Wenn ich mir über die Verantwortung gegenüber meinem Kind und vielen anderen Personen wie meinen Kollegen, meinen eigenen Eltern, Freunden und Bekannten Gedanken mache, dann erinnere ich mich vielleicht auch an Kant - der von Prism und Co. noch nicht wirklich etwas ahnen, aber den zeitlosen kategorischen Imperativ formulieren konnte.

In leichter Abwandlung gilt er auch im Netz: "Poste nur das, was du auch über dich selbst gepostet wissen möchtest." Für Kinder hat er in jedem Fall zu gelten. Und Post-Privacy-Verfechter sollten hier auf der Hut sein und ihre Maxime nicht zu der ihrer Kinder machen. Denn ihnen schaffen wir ein digitales Erbe, das sie bis zu ihrem Teenageralter kaum selbst beeinflussen können. Nichts von dem, was wir im Namen von anderen mit der Community teilen, wird jemals verschwinden. Und möchten Sie, dass Ihr potenzieller Arbeitgeber beim Googeln zuerst Bilder von Ihnen mit eitriger Rotznase, dem Schmerbäuchlein über dem Tütü oder auch die Windel-quillt-über-Fotos aus Ihrer Kindheit findet?

Kristina Beer Kristina Beer

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