Schreib’s ins Wiki!

@ctmagazin | Editorial

Wie ist das eigentlich bei Ihnen mit Urlaubsanträgen? Telefon weiterleiten, Vertreter benennen und so weiter - da gibt es doch sicher definierte Arbeitsabläufe? Nun liegt der letzte Urlaub oft so weit zurück, dass man sich nicht genau erinnert. Falls Sie nicht mehr wissen, wo Sie das PDF finden, auf dem Sie den Wunsch nach ein paar freien Tagen notieren - nicht schlimm! Es steht doch im Wiki.

Das Wort Wiki stammt aus dem Hawaiianischen und bedeutet übersetzt: "schnell". Das ist die Idee: Es soll schnell gehen. Kein langes Blättern in veralteten Handbüchern, kein Wühlen in Merkzetteln, kein Suchen nach dem Kollegen aus dem Büro nebenan. Mit einem Wiki ist man autark, da kann man jederzeit alles nachschlagen.

Das Nachschlagen ist in der Tat nicht das Problem. Schwierig wird es dagegen oft mit dem Finden. Da Wikis Gemeinschaftswerke sind, in denen sich jeder verewigen kann, folgen sie nicht unbedingt einer konsequenten Logik. Jeder dockt seine Weisheiten da an, wo sie ihm am besten aufgehoben scheinen. Das muss aber durchaus nicht die Stelle innerhalb des wirren Informationsgeflechts sein, an der andere Menschen einen solchen Beitrag vermuten. Fortgeschrittene legen ohnehin mehrere Wikis an, vorzugsweise zu sich überschneidenden Themen. In diesem Fall hat in der Regel jedes Wiki seine ganz eigene Struktur, die Hilfe zur Bedienung findet sich also beispielsweise einmal vorne, einmal am Ende und dann wieder über den gesamten Inhalt verteilt.

Der typische Wiki-Vielschreiber ist quirlig, mitteilsam und immer unter Strom. Oft macht er Erfahrungen, die er unbedingt jetzt sofort dokumentieren möchte. Er hat selten Zeit und Muße, vorher noch nachzuprüfen, ob sich in den Tiefen des Wikis bereits eine ähnliche Handreichung verbirgt. Stattdessen wird rasch eine Parallelbelehrung getextet. Geduldige Wiki-Leser, die über konkurrierende Einträge zum selben Thema stolpern, müssen sich entscheiden, welchem davon sie Glauben schenken. Das Datum der jüngsten Änderung hilft hier bei der Orientierung. Das ist leicht zu finden: es steht meist ganz weit unten, ganz klein und in sehr hellem Hellgrau vermerkt.

Um ehrlich zu sein: Ich glaube nicht so recht an Wikis. Die Idee ist prima, die Umsetzung fast immer katastrophal. Meistens habe ich in Wikis die Information vor lauter Verzeichnisbäumen nicht mehr gesehen. Deshalb klingt der Rat "Das kannst Du doch im Wiki nachlesen!" für mich immer ein wenig nach "Ich weiß es zwar, aber ich verrate es Dir nicht." Und "Schreib’s ins Wiki!" bedeutet "Komm, halt hier bitte keine langen Vorträge!" Am Ende geht es dann doch am schnellsten, den freundlichen Kollegen von nebenan zu fragen - wenn der das Problem mit dem Urlaubsantrag nicht längst gelöst hat und schon irgendwo am Strand liegt.

Dorothee Wiegand

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