Letzte Chance im Guten

@ctmagazin | Editorial

In einem Jahr hört Microsoft auf, Windows XP mit Sicherheits-Updates zu versorgen. Zwölf Jahre lang hat der Hersteller dann an der erfolgreichsten Version seines Betriebssystems herumgefrickelt. Zwölf Jahre voller Hotfixes, Critical Patches und Service Packs. In diesem Zeitraum entwickelt sich ein Mensch von einem schreienden Bündel zu einem krakeelenden Teenager.

Böswillige Hacker freuen sich schon richtig auf das Ende der Patch-Zeit, denn für den Wolf ist eine Schafherde ohne Hirte ein gefundenes Fressen. Auch 2014 wird auf zahlreichen Firmen- und Privatrechnern noch XP laufen. Wozu auch ändern, was sich seit über einem Jahrzehnt bewährt hat? Diese Bequemlichkeit wird verhängnisvoll sein.

2014 wird ein Zero-Day-Exploit auftauchen, mit dem sich ein XP mit einem Fingerschnipp untergraben lässt. Heute erscheint das Datum noch in sicherer Ferne, doch in der Computerei rasen die Jahre besonders schnell: 2011 liegt zwei iPad-Generationen zurück.

Windows XP ist schon lange eine Ruine in spe. Sicherheit spielte bei der Entwicklung keine große Rolle; eine taugliche Firewall wurde erst drei Jahre später nachgereicht. Virenscanner haben auf einem XP-System alle Hände voll zu tun - das Betriebssystem bietet kaum Selbstschutzmechanismen. Versagt der Virenschutz, hat Malware leichtes Spiel.

Einige Leute lärmen gern, XP reiche weiterhin und Virenschutzprogramme seien eh nur Schlangenöl. Wenn man beim Surfen "aufpasse", genüge ein Gratis-Scanner völlig - eine gefährlich naive Weltsicht. Erwischt diese Leichtsinnsvögel ein Drive-by-Download, sind sie plötzlich sehr leise.

Einige Sportsfreunde zucken jetzt scheinbar ergeben mit den Schultern: "Okay, wenn Microsoft den Support aufgibt, dann, ja dann steige auch ich um." Und dann verschleppen sie das edle Vorhaben dennoch bis zum GAU.

Die Hopplahopp-Migration eines Systems unter Schädlingsbeschuss bedeutet schweißnasse Hände und abgekaute Fingernägel. Läuft etwas schief, bleibt kein Weg zurück - nicht mal für eine letzte Mail. Bei einem geordneten Umzug kann XP notfalls noch ein paar Monate parallel laufen. So lässt sich etwa alte Peripherie weiternutzen, für die es keine aktuellen Treiber gibt.

Heute lässt sich der Umstieg noch Schritt für Schritt planen. Wer ein Backup-Image vom alten System sichert, kann dieses später in eine virtuelle Maschine laden, um letzte Altlasten zu migrieren.

Jetzt ist genau der richtige Zeitpunkt, sich von XP zu entwöhnen. Auch und gerade wenn das System gerade wunderbar rund läuft. Der Abschied von einem zwölf Jahre alten Betriebssystem hat nichts mit Wegwerfgesellschaft zu tun, sondern mit Vernunft.

Noch bleibt Ihnen die Chance, in Würde umzusatteln. Wohin, bleibt ganz Ihnen überlassen: Linux, Mac OS, Windows 7 oder 8 - Hauptsache, das System stammt nicht von 2001.

Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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