Na dann, gute Nacht

@ctmagazin | Editorial

Höchste Zeit, dass Junior ins Bett kommt. Freiwillig schlafen geht er natürlich nicht.

"Papa, erzähl mir noch mal, wie Edward Snowden die Welt gerettet hat."

"Och nicht schon wieder. Das habe ich dir schon mindestens zehn Mal erzählt ..."

"Ja, aber die Geschichte ist doch so schön!"

Also gut. "Es war einmal ein Mann, der hieß Edward Snowden. Der hatte gemerkt, dass die Geheimdienste der ganzen Welt ganz viele Daten speicherten, um Terroristen zu überwachen. Das sind so bärtige Leute mit Turban."

Der Junge nickt ernst. Terroristen kennt er, das sind im Kinderprogramm immer die Bösen.

"Snowden fand heraus, dass viel mehr Daten gespeichert wurden, als man gegen Terroristen brauchte. Als die Leute das erfuhren, forderten sie, dass das geändert wird."

"Was wollten sie denn ändern?"

"Genau das war das Problem. Natürlich konnte man die Überwachung nicht einfach abschalten. Sonst hätte man ja keinen Schutz mehr vor den Terroristen gehabt. Also kam die Regierung auf eine andere Idee."

"Kommt jetzt der schöne Teil?"

"Die Regierung setzte sich mit den Musikfirmen, den Filmemachern, den Netzanbietern und den Betreibern sozialer Netzwerke zusammen. Zusammen gründeten sie unsere Volksdatenbank."

"Und dann wurde alles gut!"

"Genau. Die Volksdatenbank fasst alles zusammen, was die Geheimdienste und die Privatfirmen wissen. Seitdem kann uns die Regierung viel besser vor Terroristen schützen. Und die Privatfirmen können viel besser auf die Wünsche ihrer Kunden eingehen."

"Und deshalb weiß mein Fernseher jetzt immer, was ich gucken will?"

"Und die Kinder-Webseiten werben nur noch für Spielzeug, das du wirklich haben willst."

"Und alles wegen Edward Snowden!"

"Alles dank Edward Snowden. Und jetzt schlaf ein."

Brav legt der Junge den Kopf auf das Kissen und lässt sich zudecken. Papa gibt ihm einen Gutenachtkuss und schaltet das Licht aus. Die schöne Geschichte hat nicht nur dem Jungen gefallen. Draußen erklingt das beruhigende Summen einer weiterfliegenden Drohne.

Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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