Plötzlich verheiratet

@ctmagazin | Editorial

Vor ungefähr fünf Jahren habe ich mich bei Facebook angemeldet. Ein ehemaliger Mitschüler wollte ein Abitreffen organisieren, und da wir inzwischen über die Welt verteilt leben, erschien es mir sinnvoll. Im Hinterkopf war mir immer noch nicht wohl bei dem Gedanken, meine privaten Daten und Bilder aller Welt zugänglich zu machen. Daher habe ich nur das Nötigste ausgefüllt und fühlte mich gleich nicht mehr so, als dürften alle alles von mir wissen.

So gingen die Jahre ins Land und das soziale Netzwerk nutzte ich kaum. Ab und zu bekam ich eine Mail, dass jemand an meine Facebook-Pinwand geschrieben hatte oder ich sein neues Foto bestaunen sollte.

Letzten Sonntag – ich weiß nicht einmal mehr, warum ich bei Facebook unterwegs war — habe ich festgestellt, dass in meinem Familienstand nur einer meiner drei Söhne mit mir verknüpft war. Da das Löschen des einen Sohnes nicht in Frage kam, wollte ich seine beiden Brüder hinzufügen. Etwas befremdlich fand ich allerdings, dass die Jungs meine Mutterrolle bestätigen mussten. Aber wahrscheinlich ist das in der schönen neuen und sozialen Welt so.

Da mein Beziehungsstatus auch leer war und ich nicht als alleinerziehende Dreifach-Mutter gelten wollte, schrieb ich "verheiratet" in das Feld. Jetzt sollte ich auch noch das Datum der Hochzeit eingeben. Aber das ging mir zu weit. Ein paar Geheimnisse muss sich Frau doch bewahren ...

Dann gings los. Schon um 6.15 Uhr am nächsten Morgen hatte ich 30 Glückwünsche zur Hochzeit, Nachfragen von Kollegen und Freunden, warum ich von dem freudigen Ereignis nichts erzählt hatte und ob ich Kuchen mit in die Redaktion bringe.

Ein Kollege erklärte mir, dass Facebook solche Einträge direkt in die Chronik überträgt. Da ich kein Datum angegeben habe, war Facebook klar: Der Beziehungsstatus hat sich heute geändert. Diese Neuigkeit wurde direkt an meine Freunde weitergegeben. Nur mir hat man es nicht mitgeteilt, keine "herzlichen Glückwünsche", kein "überprüfe deine Daten", nichts!

Was mir aber wirklich die Haare zu Berge stehen ließ, war, dass langjährige Freunde von uns gratulierten, obwohl sie doch genau wussten, dass ich verheiratet bin, und wir uns letzte Woche erst gesehen haben. Anscheinend glauben alle an das allwissende und immer Recht habende Facebook und nicht mehr an das, was sie sehen und selbst wissen.

Fehlen eigentlich nur noch Glückwünsche zur Geburt meiner beiden neuen Söhne, die inzwischen 19 und 15 Jahre alt sind.

Susanne Cölle Susanne Cölle

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