Aufg’setzt is

Mit der Google Glass auf dem Oktoberfest

Wissen | Reportage

Googles Glass-Brille sorgt – zumindest bei vielen unserer Leser – für heftigste Datenschutzbedenken; etliche Artikelkommentare strotzen vor unverhohlenen Aufrufen zu Gewalt. Aber gibt es so etwas wie „Glass-Hass“ wirklich? Wir haben’s ausprobiert und sind mit der Brille übers größte Volksfest der Welt spaziert.

Wohl kein technisches Gerät polarisiert so wie Googles Datenbrille Glass: Zu einem Glass-Erfahrungsbericht auf heise online haben wir im August über 1000 Kommentare bekommen; einige durchaus positiv, viele negativ. So viel zum heise-Foren-Alltag. Was überrascht hat, war die ungewöhnliche Aggressivität vieler Beiträge – da war von Toilettenbecken die Rede, in die Glass-Träger gedrückt werden sollten, von Baseballschlägern und dem „Recht auf Notwehr“. Die Admins mussten etliche Kommentare sperren.

Diesen Glass-Hass hatte ich im Hinterkopf, als ein Kollege vom Bayerischen Rundfunk anrief: Ob ich Lust hätte, mit ihm einen Fernsehbeitrag über die Google Glass auf dem Oktoberfest zu drehen. Mit Glass auf dem Kopf durch alkoholgetränkte Menschenmassen drängeln? Ziemlich schlechte Idee. Das könnte blutig enden oder zumindest in einer zertretenen Brille. Nachdem ich eine Nacht drüber geschlafen hatte, sagte ich trotzdem zu: Ich war einfach zu neugierig, ob sich die heftigen Reaktionen im Forum auf die echte Welt übertragen lassen – und wo könnte man das besser herausfinden als auf der wohl größten Menschenansammlung in Deutschland?

Ochsen und Karos

Also los: „Ok, Glass, get directions to Oktoberfest“. Die Brille versteht mich auf Anhieb und zeigt mir den Weg vom Hauptbahnhof zur Theresienwiese an: 20 Minuten Fußweg. Ab der Hackerbrücke fast nur noch Lederhosen, kleinkarierte Hemden und Dirndl. Glockenläutend fährt ein altertümliches Ochsengespann vorbei. Menschen reden offenbar deutsch, ich verstehe trotzdem nichts. Die Datenbrille zeigt nur den Weg an, meine kulturellen Anpassungsprobleme – ich bin gebürtiger Ostfriese – kann sie nicht lösen.

Erste Reaktionen: Menschen zeigen neugierig auf die Brille, sprechen mich aber nicht an. Von Aggression keine Spur. Jemand fotografiert mich mit dem Handy. Als ich zurücklächele, guckt die Handybesitzerin verschämt woanders hin. Niemand will mit mir sprechen.

„Willkommen auf dem Oktoberfest“ steht auf dem Schild am Haupteingang; hier treffe ich das Fernsehteam. Ich bitte die Kollegen, mich rechts und links abzuschirmen – falls doch jemand bösartig wird. Wird aber niemand. Eigentlich passiert überhaupt nichts, nur hin und wieder guckt jemand erstaunt auf das weiße Ding in meinem Gesicht und murmelt irgendwas von Google. Wir beschließen, dass ich 20 Meter vorauslaufen soll. Womöglich verhindert die auffällige Fernsehkamera authentische Reaktionen.

Angeben mit Glass

Auch nach einer Dreiviertelstunde hat mich niemand angesprochen, keinerlei böse Reaktionen – ich höre lediglich, wie ein sehr münchnerisch aussehender Wachsjackenträger zu seiner Begleitung sagt: „Schau amoi, der gspinnerte Angeber do mit der Bruin!“ Ich vermerke in meinem inneren Notizblock: Dass die Glass etwas Seltenes ist, wissen offenbar viele Menschen. Einen Privatsphäre-Zerstörer sehen sie aber nicht darin, sondern eher ein exklusives Statussymbol. Darauf muss man auch erst mal kommen.

Nach einer weiteren halben Stunde geht’s endlich los: Vier trachtentragende Jungmänner laufen schnurstracks auf mich zu. Jetzt gibt’s bestimmt Saures. „Ist das eine echte Google Glass?“ „Ja, willst du mal aufsetzen?“ „Oh, wow, total gerne!“ Okay, das ging jetzt nicht in die erwartete Richtung. Der junge Mann macht, wie jeder, der die Brille zum ersten Mal aufsetzt, ein Foto von sich. Er ist begeistert, dass ihn Glass trotz des Umgebungslärms problemlos versteht. Der BR-Kollege fragt ihn, ob er es gut fände, wenn jeder eine Glass tragen würde. „Nein. Dann kann man sich ja nicht mehr danebenbenehmen, und darum geht es hier ja.“ Aber ansonsten finde er die Brille gut.

Danach: Leerlauf. Niemand interessiert sich für die vermeintliche Skandal-Brille. Langsam wird es ein bisschen langweilig. Aber bevor wir abbrechen, gehen wir noch einmal aufs Ganze – und zwar in ein Festzelt. „Himmel der Bayern“ steht an der blau-weißen Decke, aha. Ich versuche, ein Foto zu machen, aber die Brille kann mich nicht verstehen. Die Blaskapelle knallt den Zeltbesuchern ein Humptahumptatäterä entgegen, diese grölen noch lauter zurück. Ich schließe mein Akkupack an die inzwischen leere Glass an. Ich hätte jetzt auch gerne ein Bier, darf aber keins bestellen: Dafür braucht man einen Sitzplatz, „Steh-Maßen“ sind verboten. Ach so.

Ein betrunkener Mann erkundigt sich nach meiner Brille, zumindest vermute ich das: „Googleglasskannimaaufsetzn?“ Klar, nur nicht kaputt machen, bitte. Die Brille versteht ihn besser als mich: „OKAYGLASS, TAKEAPIKTSCHERBLIES!“ brüllt er ins Mikrofon. Glass macht trotzdem ein Foto. Der Mann will die Brille gar nicht wieder hergeben, obwohl er mir nicht erklären kann, warum er sie gut findet. Außer Fotografieren fallen ihm keine praktischen Einsatzgebiete ein. Ich nehme ihm das Gestell so höflich wie möglich vom Kopf. Ich muss weiter.

Regt euch auf!

Gerade hier sollte es den Leuten doch unangenehm sein, dass sie womöglich unbemerkt fotografiert oder gefilmt werden. Aber Pustekuchen. Nichts passiert. Wir beschließen, das Experiment abzubrechen. Über zwei Stunden lang bin ich jetzt mit der Google Glass auf dem Oktoberfest herumgelaufen, ohne dass mich jemand kritisch angesprochen hätte, von Aggressionen ganz zu schweigen.

Ehrlich gesagt hat mich die Gleichgültigkeit, mit der die Oktoberfest-Besucher auf die Brille reagiert haben, extrem überrascht. Dass mich ein paar begeisterte Technikfreaks ansprechen werden, hatte ich geahnt – nicht erwartet habe ich, dass ich überhaupt nichts Kritisches zu hören bekomme. Dabei hatte ich mich sogar schon zu der Prognose hinreißen lassen, dass Google die Consumer-Version der Brille in Deutschland womöglich gar nicht auf den Markt bringen wird; um einen Medienskandal wie bei der Street-View-Einführung vor fünf Jahren zu vermeiden. Jetzt sehe ich das anders: Offenbar beschränkt sich die extreme Ablehnung nur auf bestimmte Kreise – zum Beispiel aus dem heise-online-Forum. In der „echten Welt“ scheinen die Leute die Glass einfach interessant oder egal zu finden. Womöglich wissen sie trotz massivem Medien-Brimborium auch gar nicht, was ich da auf dem Kopf hatte?

Sei es drum: Ich bin gespannt, was passiert, wenn Google beginnt, die Glass auf dem freien Markt zu verkaufen. Womöglich geht die Debatte um Privatsphäre und unerwünschte Fotos erst dann richtig los. Vielleicht passiert aber auch gar nichts, weil niemand die Brille kaufen will. Wirklich sinnvolle Funktionen fehlen bislang nämlich noch – zum Beispiel eine App, um Nicht-Bayern dieses seltsame Oktoberfest zu erklären. (jkj)

Literatur
  1. [1] Stefan Porteck, Daniel AJ Sokolov, Dr. Volker Zota, Glass durchschaut, Googles Datenbrille im Test: Nerd-Spielzeug oder mobile Zukunft?, c’t 13/13, S. 63
  2. [2] heise-online-Artikel zum Langzeittest mit rund 1000 Kommentaren: http://heise.de/-1909374

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