Prozessorgeflüster

Von alten Kämpen und jungen Chips

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Der angekündigte Weggang von Intel-Urgestein Dadi Perlmutter begründet passend zum c’t-Jubiläum einen kurzen Parcours-Ritt durch Intels Prozessorgeschichte samt Neuigkeiten zum Pentium-FDIV-Bug. Vom Konkurrenten AMD gibts auch Neues: bessere Bilanzen, schlechtere Kurse und interessante Prozessorfeatures.

Nach 34 Jahren Betriebszugehörigkeit wird Intels bisheriger Chef der Architecture Group die Firma im Februar nächsten Jahres verlassen. David (Dadi) Perlmutter hatte im Rennen um die Nachfolge von Paul Otellini als Intel-Chef den Kürzeren gezogen. Der neue Boss Brian Krzanich entmachtete seinen Mitbewerber und löste dessen Abteilung auf.

Ähnlich enttäuscht haben auch andere Top-Manager bei Intel im letzten Jahrzehnt das Handtuch geworfen, als sie sich übergangen fühlten beziehungsweise mit dem neuen Chef nicht zurechtkamen, etwa Herstellungsleiter Michael Splinter (nach 20 Jahren bei Intel), „Server Guy“ Mike Fister (nach 17 Jahren) und der langjährige CTO und spätere Leiter der Business Unit Pat Gelsinger (nach 30 Jahren). Alle drei haben jedoch führende Jobs in der Industrie bekommen, Splinter war bis zum vorigen Monat Chef von Applied Materials, Fister bei Cadence und Enecsys und Gelsinger als COO bei EMC und jetzt als Chef von VMware; da wird sicher auch Dadi Perlmutter noch was Passendes finden.

Als er im Alter von 24 Jahren bei Intel in Haifa begann, hatte die amerikanische Firma gerade erst den 8088 auf den Markt gebracht, den Prozessor, der dann ausschlaggebend für Intels Erfolg werden sollte. Entwickelt hatte diese Sparversion des 8086 mit 8-bittigem externem Bus nicht Intels Design-Team in Kalifornien, sondern eben die Außenstelle in Haifa, die einer der ersten Intel-Mitarbeiter und der Erfinder des EPROMs, Dov Frohman, Mitte der Siebziger gegründet hatte. Als Perlmutter frisch von der Uni kam, werkelte man in Haifa an 8088-Nachfolgechips. Einige Zeit später entwickelte man dort den Coprozessor i387, den wenig erfolgreichen i860 und in den 90er-Jahren das MMX für den Pentium P55C, alles mit Perlmutters maßgeblicher Beteiligung.

Doch Anfang des neuen Jahrtausends musste das Team in Haifa eine herbe Niederlage einstecken. Der erste hochintegrierte Intel-Prozessor namens Timna, mit Speichercontroller und Grafik, wurde noch vor der Markteinführung eingestampft. Intel hatte erkannt, beim Speicher mit Rambus auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. „Es war sehr schmerzvoll und wir waren tief enttäuscht“, gab Perlmutter später im Gespräch mit c’t zu, „aber wir hatten auch viel gelernt“. Die Timna-Design-Erfahrung wurde sehr wertvoll, denn sie half, beim Pentium M (Banias) einen guten Kompromiss zwischen Performance und Energieverbrauch zu finden. Diese Gratwanderung hatte Intel mit der neuen Prozessorarchitektur Pentium 4 nicht geschafft und war damit letztlich abgestürzt – auch weil sich die Entwickler auf den geplanten Herstellungsprozess mit 157-nm-Laserlicht verlassen hatten, der dann plötzlich wegen zu hoher Kosten abgekündigt wurde.

Mit dem auf der alten Pentium-Pro-Architektur beruhenden israelischen Pentium-M-Design und seinen Nachfolgern konnte sich Intel jedoch aus dem Dilemma retten. Seitdem entwickelt das Haifa-Team um Chefarchitekt Ofri Wechsler im Wechsel und im Wettbewerb mit Oregon. Und so wurden schließlich mit einiger Verzögerung im zweiten Anlauf Speichercontroller und dann auch Grafik integriert.

Zuletzt kamen Sandy-Bridge (hieß zunächst Gesher) und Ivy-Bridge vom Mittelmeer. Die Haswell- und Broadwell-Kerne stammten dann wieder vom „pazifischen“ Team in Hillsboro (Oregon) rund um Chefarchitekt Per Hammarlund und Senior Principal Engineer Ronak Singhal.

Hin- und Hergeschiebe

Mit dem Broadwell scheint es aber noch ein paar technische Schwierigkeiten bei der Herstellung in 14-nm-Technik zu geben, das musste Intel-Chef Krzanich auf der letzten Quartalspressekonferenz zugestehen. Nun tunnelte auch eine neue Desktop-Roadmap durch die Netze. Auf der sieht man für Mitte 2014 erst einmal einen Haswell-Refresh mit neuem Chipsatz (9 Series). Erst gegen Ende des nächsten Jahres taucht ein Broadwell-K auf und auch nur in der Consumer-Sparte von 35 bis 95 W TDP.

Viel besser läufts beim Konkurrenten AMD indes auch nicht. Zwar wird er wohl seine nächste APU-Generation namens Kaveri offiziell Anfang Dezember herausbringen, de facto erwartet man Produkte mit den neuen Chips mit Steamroller-Kernen nicht vor Februar 2014. Ob die schon das neue Feature „Heterogeneous Queuing“ eingebaut haben, ist fraglich. Dieses von AMD kürzlich bekannt gegebene innovative hQ-Konzept soll eine deutlich schnellere Zusammenarbeit zwischen CPU und GPU ermöglichen. Ohne das Betriebssystem zu bemühen, können darüber Tasks auf beiden Rechenknechten gestartet werden. Für eine schnelle Arbitration und das Scheduling dieser Tasks sorgt eine spezielle Hardware auf den Chips. Das Protokoll wird im Rahmen der Heterogeneous System Architecture (HSA) auch den Partnern zur Verfügung gestellt, die damit ihre Hardware schnell an die CPU ankoppeln können.

Vor allem Java 9 hat AMD als geeignete Software-Umgebung für hQ im Auge, doch wann Oracle dieses neue modulare Java mit GPU-Unterstützung herausbringen wird, steht noch in den Sternen – wohl kaum vor 2016.

Dank der Einkünfte aus den Deals mit Sony und Microsoft – deren Spielkonsolen werden beide Mitte November erwartet – konnte sich AMD nun an immerhin 15 Prozent mehr Umsatz erfreuen. Bei 1,46 Milliarden US-Dollar blieb dabei auch endlich mal wieder ein kleiner Gewinn von 48 Millionen Dollar übrig. Okay, die waren durch den Verkauf von Rücklagen in Höhe von 19 Millionen etwas geschönt. Das nahm die Finanzfachwelt offenbar übel oder vielleicht war sie auch nur von der Höhe der Einkünfte durch die Spielkonsolen enttäuscht, die übrigens nicht unter Embedded, sondern unter Grafik in die Bilanzen einzogen. Jedenfalls fiel unmittelbar nach der Bekanntgabe der Bilanzen der AMD-Aktienkurs heftig um 20 Prozent. AMD ist ja bei der ARMv8-Armada dabei (siehe S. 218), vielleicht wird das ja bald die Stimmung der Anleger verbessern. (as)

Auch das noch

Auf dem letzten IDF war er frisch und munter als Ehrengast zugegen, Intels langjähriger Ex-Chef Andrew Grove. Er wars, der 1994 beim berüchtigten FDIV-Bug des Pentium-Prozessors das Versprechen einer „lebenslangen Umtauschgarantie“ aussprach, doch was heißt lebenslang? Grove, jetzt 77, lebt jedenfalls noch, ich lebe auch noch und unser extra aufgehobenes Pentium-60-System erfreut sich trotz gelegentlicher Rechenfehler bester Gesundheit. Anlässlich des 25-jährigen c’t-Jubiläums vor fünf Jahren hatten wir bereits eine Umtauschaktion (natürlich inkognito) mit einigen Mühen durchführen können. UPS wollte zunächst 100 Euronen dafür kassieren, aber nach einigen E-Mails mit Intel hin und her gings dann auch so. Und damals hatten wir angekündigt, in fünf Jahren wieder zuzuschlagen. Doch jetzt? Die FAQ-Seite zum „FDIV Replacement Program“ gibt es zwar noch, samt Beschreibung des Umtauschs inklusive der Androhung, den „aktuellen Marktpreis“ von bis zu 131 Dollar vom Kreditkartenkonto abzubuchen, falls man den alten Prozessor nicht zurückschickt. Doch von den dort erwähnten „phone numbers listed above“ ist nichts mehr zu sehen, stattdessen nur: „End of Interactive Support Disclaimer, Intel no longer provides email, chat, or phone support for this discontinued product(s).“ Also kein Kontakt, weder per Telefon, E-Mail noch Chat – da muss man nun wohl einen klassischen Brief schicken oder persönlich bei Intel vorbeischauen. Das habe ich mir jetzt geschenkt, aber bevor ich in Rente gehe …

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