Prozessorgeflüster

Von Braunschweig, Berlin und Kyoto

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Intel schließt europäische Standorte, Nvidia triumphiert bei europäischen Supercomputern und AMD hält in San Jose, nahe den Headquarters in Sunnyvale, seine Entwicklerkonferenz.

Das sieht nicht rosig aus im niedersächsischen Braunschweig, weder in der bundesdeutschen Fußballliga noch in der weltweiten Champions League der Chip-Entwickler. Mit der Ankündigung, den Standort in der norddeutschen Karnevalshochburg Braunschweig zu schließen, läutete Intel wenige Tage vor Beginn der närrischen Zeit bereits den Aschermittwoch ein. Im Rahmen von weltweiten Umstrukturierungsmaßnahmen will Intel zahlreiche der rund 50 Forschungsstandorte in Europa zusammenlegen oder schließen. In Braunschweig gehen 120 Arbeitsplätze verloren, die Mitarbeiter sollen, falls möglich, auf verbleibende Standorte verteilt werden.

Da hat die Parole, die vor sieben Jahren der damalige Ministerpräsident Wulff anlässlich der Eröffnung des Braunschweiger Mikroprozessorlabors ausgegeben hatte, von „Heide und Hightech gegen Laptops und Lederhosen“ nicht lange gegen die bayrischen Lederhosen durchgehalten – war ja ohnehin geografisch etwas fragwürdig. Die Chipexperten hatten in der Heide-nahen Stadt in der Folgezeit Forschungsprozessoren mitentwickelt und Prototypen in FPGAs aufgebaut. Hier befand sich auch Intels Europäisches Kompetenzzentrum für High-Performance-Computing-Technologie. Unter anderem wurde Intels Beteiligung am ExaCluster-Labor in Jülich von Braunschweig aus gesteuert.

Vielleicht braucht Intel in den HPC-Bereich aber ohnehin nicht mehr so viel zu investieren, denn hier dominiert das Prozessorhaus den Markt nach Belieben. Das wird sich einmal mehr Mitte November auf der Supercomputer-Konferenz SC13 in Denver zeigen. Über 80 Prozent der Supercomputer auf der dort vorgestellten neuen Top500-Liste dürften mit Intel-Prozessoren arbeiten und vor allem so gut wie alle Neusysteme.

Der Xeon E5v2 (Ivy Bridge-EP) bringt mit bis zu 12 statt 8 Kernen im Linpack-Benchmark knapp 50 Prozent mehr Performance als sein Vorgänger, viele ältere Systeme können daher allein durch einen Prozessorwechsel einen großen Sprung nach vorne machen. Doch der simple Linpack ist für die Supercomputer-Einstufung nicht mehr das alleinige Maß der Dinge. Linpack-Schöpfer Jack Dongarra wird auf der SC13 einen neuen Benchmark auf Basis von Sparse-Matrix-Multiplikationen einführen, der weit stärker als Linpack auch das Speicher-Interface fordert. Da darf man auf die ersten Ergebnisse gespannt sein.

Schweizer Messer

Allein bei den Rechenbeschleunigern stößt Intel noch auf unvermindert harte Gegenwehr durch Nvidia. In Europa etwa, das drang schon vor der Veröffentlichung der neuen Top500-Liste durch, wurde der Schweizer Cray-Supercomputer Piz Daint des Centre Svizzero di Calcolo Scientifico, CSCS, kräftig mit Hilfe von Nvidia-Kepler-GPUs K20x „gepimpt“. Die Schweizer hatten auch mit Intels Xeon Phi experimentiert, sich dann aber für ihre wissenschaftlichen Workloads (Wetter- und Klimamodelle, Materialforschung und so weiter) für Nvidia entschieden. Ein klarer Punktsieg also aus der neutralen Schweiz für Intels Nachbarn aus Santa Clara. Der mit sieben Grad kaltem Tiefenwasser aus dem Luganer See gekühlte Piz Daint dürfte mit mehreren tausend Nvidia-K20x-Karten tief in den Petaflop-Bereich eindringen und nun vermutlich sogar die Spitzenposition in Europa noch vor dem Jülicher JuQueen belegen.

Immerhin, Intel ist ja mit dabei, denn Piz Daint ist Crays derzeit wohl größte Installation (XC30, Cascades), bestückt mit Intel-Prozessoren. Bislang standen in Lugano zwölf Racks mit insgesamt 4480 Achtkern-E5-Xeons etwas verloren in dem riesigen Rechenzentrum. Sie erreichten eine Linpack-Leistung von 627 TFlops und belegten damit Platz 42 der letzten Top500-Liste. Nach der Aufrüstung dürfte es nun in der Halle erheblich voller und der Top500-Rang deutlich höher sein.

Okay, der Schnüffelrechner der NSA in Bluffdale wird über 50-mal schneller rechnen können – er verbraucht mit offiziell 65 MWatt aber auch das 50-Fache. Die Energieversorgung des 1,5-Milliarden-Dollar-Rechners in Utah ist aber nicht unproblematisch. Trotz seiner 60 Dieselnotstromaggregate à 3 Megawatt sollen Stromausfälle laut Wall Street Journal allerhand Schäden am noch im Aufbau befindlichen System angerichtet haben – das wurde von der NSA zwar umgehend dementiert, aber wer glaubt denen noch?

Die NSA verbindet mit Berlin vor allem einen Lauschposten, bei AMD hingegen ist Berlin der Hoffnungsträger im Marktsegment der Microserver mit x86-Architektur. Der Berlin-Prozessor soll in Konkurrenz zu Intels Avoton treten, ausgestattet mit HSA, Steamroller-Kernen und modernem Grafik-Chip (GCN). Doch bevor er ab Mitte nächsten Jahres ins Geschehen eingreift, soll die Notebook- und Desktop-Version Kaveri mit der neuen Architektur herauskommen. Bei der Eröffnung der Entwicklerkonferenz APU13 gab AMD dafür den exakten Termin bekannt, den 14. Januar 2014, interessanterweise also wenige Tage nach der Konsumenten-Messe CES.

APU13

Das Desktop-Flaggschiff AMD A10-7850K soll mit vier CPU- und 512 GPU-Kernen eine kombinierte Rechenleistung von 856 GFlops bieten. Ursprünglich hatte AMD aber eigentlich eine Leistung von über 1 TFlops avisiert.

Der Takt liegt bei 3,7 GHz (CPU) beziehungsweise 720 MHz (GPU). Weitere wichtige Eckdaten sind 2-MByte-L2-Caches für jedes der Steamroller-Module, PCIe-3-Interface und die Unterstützung der HSA-Goodies hUMA (heterogeneous Uniform Memory Access) und hQ (Heterogeneous Queuing), die eine enge Verzahnung der Arbeit von CPU und GPU ermöglichen.

Zudem kündigte AMD auf der Konferenz die nächste Generation der Tablet-Prozessoren an, deren Codenamen Beema und Mullins schon vorab im Sommer die Runde machten. Sie beruhen auf leicht verbesserten Jaguar-Kernen mit Namen Puma. Immerhin sollen sie gegenüber ihren Vorgängern Temash und Kabini eine doppelt so hohe Leistung pro Watt aufweisen. Doch anders als Kaveri bieten sie noch keine HSA-Funktionen; dafür aber einen Cortex-A5-Prozessor für die Sicherheitserweiterung TrustZone.

Als wichtiger AMD-Partner trat Hewlett-Packard bei der Eröffnungsrede von Lisa Su, AMDs Frau für alle Fälle, auf. Dort zeigte HPs Cheftechnologe Gary Campbell eine weitere Microserver-Studie – neben den bereits vorgestellten Atom- und ARM-Versionen ihres Projekts Moonshot, nur eben diesmal bestückt mit AMD-Prozessoren. Derzeit sind das speziell abgespeckte Opterons, die den Namen der japanischen Kaiserstadt Kyoto tragen – just so wie das oft zitierte Klimaschutz-Protokoll. Mit diesem Namen ist aber auch der wohl bedeutendste Preis für Verdienste um Wissenschaft und Kultur nach dem Nobelpreis verknüpft. Deutsche Preisträger waren unter anderem der Philosoph Jürgen Habermas und die Tänzerin und Choreografin Pina Bausch. Der im Sommer dieses Jahres verliehene Kyoto-Preis 2013 der Inamori-Stiftung wurde nun feierlich in der nämlichen Stadt an drei Amerikaner für ihr Lebenswerk überreicht, an den großen Jazz-Musiker Cecil Taylor, den japanstämmigen Molekularbiologen Matashi Nei und an den Erfinder des DRAM, Robert Heath Dennard. 1966 hat Dennard bei IBM diesen Speichertypen mit einem Kondensator und einem Transistor entwickelt und nun, kaum 50 Jahre später, bekommt er dafür den ihm gebührenden Preis. Und arbeite, 81-jährig, immer noch für IBM. (as)

Auch das noch

Sieben Millionen Tablets sind dem Marktforschungsinstitut IDC irgendwie „durch die Lappen gegangen”. Das kann auf solch unübersichtlichen Märkten wie China schon mal passieren. Und so musste IDC die vorläufigen Daten für das Vergleichsquartal 3Q12 jetzt nachträglich von 27,8 auf 34,8 Millionen korrigieren. Damit sinkt der Markanteil von Apple für dieses Quartal von 50 Prozent auf nur noch 40 Prozent. Nach den neuesten IDC-Zahlen wurden in dem gerade abgeschlossenen dritten Quartal 2013 47,6 Millionen Tablets verkauft, an denen Apple laut IDC nur noch rund 30 Prozent Anteil hat, gefolgt von Samsung mit 20,4 und Asus mit 7,4 Prozent.

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