Deutschlandnetz und Schengen-Routing

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Deutschlandnetz und Schengen-Routing Auf ihrem „Cyber Security Summit“ in Bonn hat die Deutsche Telekom eine eigensinnige Lösung gegen Lauschangriffe von Geheimdiensten ins Gespräch gebracht: Geht es nach Telekom-Chef René Obermann, soll der...

Auf ihrem „Cyber Security Summit“ in Bonn hat die Deutsche Telekom eine eigensinnige Lösung gegen Lauschangriffe von Geheimdiensten ins Gespräch gebracht: Geht es nach Telekom-Chef René Obermann, soll der gesamte Datenverkehr deutscher Internetnutzer so lange wie möglich im europäischen Raum gehalten werden. Als Parole gab der Manager das „Schengen-Routing“ aus – wohlgemerkt gehört Großbritannien nicht zu den Ländern, die dem Schengen-Abkommen beigetreten sind. Darüber hinaus will der Telekom-Chef auch mit einer „Schengen-Cloud“ US-Anbietern Konkurrenz machen.

Bereits im Oktober hatte der ehemalige Staatskonzern zusammen mit United Internet und Freenet die Allianz „E-Mail made in Germany“ gegründet, bei der sich die Teilnehmer verpflichten, die E-Mails ihrer Kunden über Rechenzentren in Deutschland abzuwickeln und untereinander die Übertragung zu verschlüsseln. So wäre zumindest das simple Abhören von Datenleitungen wie im Rahmen des Spionageprogramms Tempora wirkungslos.

Wie genau die neuen Pläne zum „Schengen-Routing“ umzusetzen wären, ließ die Telekom bislang offen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat allerdings schon Unterstützung signalisiert und prüft, nationales Routing in einem neuen IT-Sicherheitsgesetz festzuschreiben. Während Obermann bei der Umsetzung seines Vorschlags keine technischen oder kostenintensiven Probleme sieht, ist der Branchenverband Bitkom vorsichtiger und nennt einen deutlichen Ausbau der Netzkapazitäten deutscher Anbieter als Voraussetzung.

Bei vielen Kritikern kommt der Telekom-Vorschlag nicht gut an. So sieht Frank Rieger, Autor und Sprecher des Chaos Computer Clubs, das Verhalten der Telekom selbst als Ursache für grenzüberschreitenden Datenverkehr. Der Konzern habe sich nämlich nicht wie andere Provider an Internet-Knoten wie dem DE-CIX vernetzt, sondern verlange für die Verbindung zum eigenen Tier-1-Netz Geld von den anderen Providern: „Sobald die Telekom aufhört, das Peering durch Geldforderungen zu behindern, bleibt der allergrößte Teil des ‚innerdeutschen’ Internetverkehrs ohnehin in Deutschland“, erklärte Rieger. Die Telekom hält dem entgegen, dass sie mittlerweile mit den meisten deutschen Providern verbunden sei – nur drei deutsche Provider fehlten.

Was die Telekom unerwähnt lässt, ist die Tatsache, dass große Teile der in Deutschland verlegten Backbone-Infrastruktur in ausländischer Hand sind. Routen zu etablieren, die Backbones von IP-Carriern wie den US-amerikanischen Level 3 oder Cogent weiträumig meiden, dürfte kaum zu realisieren sein. Hinzu kommt, dass schon die Leitungen zu den Endkunden Unternehmen wie dem britischen Vodafone gehören. Weitgehend einig sind sich fast alle Experten in ihren Kommentaren: Manuell in den komplexen Routing-Prozess einzugreifen, wie es die Telekom vorschlägt, würde zulasten der Netzqualität gehen und den Prinzipien widersprechen, auf denen Internet-Routing beruht: Lastverteilung und Ausfallsicherheit.

(Torsten Kleinz/hob)

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