Wildnis, I like

@ctmagazin | Editorial

Dem Klischee des lichtscheuen Nerds zum Trotz zieht es den c’t-Redakteur gelegentlich in die Natur. Den Gadget-überfüllten Testlaboren entfliehen! Die engen Flure gegen weite Flur tauschen! Oh, du frische Waldesluft! Doch auch dort draußen hat die Technik ihren Platz, denn wenn der Redakteur mit Zelt und Bruder durch die Appalachen wandert, dann weiß er: Das richtige Gadget spart Gewicht im Rucksack.

Mein Bruder schaut etwas verächtlich auf mein Smartphone. Ich aber lächle überlegen. Ein Kompass? Mein Smartphone kann GPS! Landkarten? Die ganzen USA passen auf eine SD-Karte! Wetterinfos, Klimatabellen? There’s an app for that. Survival-Handbuch? Liegt in der Reader-App neben Tierführer und Reiseliteratur. Was dem MacGyver sein Taschenmesser, was Fähnlein Fieselschweif das schlaue Buch, das ist für mich mein Smartphone.

Tag 1: Abendessen. Bis ich anhand des Survival-Handbuchs die besten Anzündhölzer identifiziert habe, lodern am Zeltplatz längst die Flammen. Mein Bruder hat sie mit den ausgelesenen Seiten seines Papierbuchs entfacht. Irgendwann geht der Schmöker zur Neige, denke ich mir, und dann triumphiere ich, ganz ohne Papier.

Tag 3: Mein Bruder will den Berg erklimmen, ich mein Knie schonen, und so trennen wir uns für ein Stück. Er hat die Karte, ich habe OpenStreetMap. Bin ich noch auf dem richtigen Pfad? Erst dauert der GPS-Fix ewig, dann zeigt der Kompass mal hierhin, mal dorthin. Ach, was soll’s, für eine ungefähre Orientierung tun’s auch die Bergspitzen.

Tag 6: In der Schutzhütte, die wir als Schlafplatz ausgemacht haben, windet sich eine Schlange! Ist sie giftig? Der Tierführer kennt über 20 Arten, aber diese offenbar nicht. Oder ist die Display-Auflösung zu schlecht? Kann ich mit Hilfe der Taschenlampen-App einen besseren Blick aufs Viech erhaschen? Langsam geht der Akku zur Neige. Egal, Schlangen vertreibt man mit Feuer. Wo gibt’s hier Zweige fürs Anzündholz? Mein Bruder hat nebenan längst das Zelt aufgebaut.

Tag 10: Das Klopapier geht aus. Überlegen lächelnd überreicht mir mein Bruder Seite 140 bis 145 seines Taschenbuchs.

Tag 12: Wir kommen zwischendurch in einem Hostel mit WLAN unter und ich kann endlich das Handy-Beweisfoto von dem Schwarzbären hochladen. Ich schreie triumphierend auf! Ich hab’s doch gleich gesagt: Ohne Smartphone into the wild, das geht nicht! Denn am schönsten ist die Wildnis doch, wenn man sie mit den daheim gebliebenen, lichtscheuen Freunden auf Facebook teilen kann.

Achim Barczok Achim Barczok

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