Nicht meckern, spielen!

@ctmagazin | Editorial

Es war einmal ein 11-jähriger Junge, der bekam einen Rechner geschenkt. Richtig knackteuer, ’nen 486er mit 2 MByte Arbeitsspeicher und einer 1-MByte-Grafikkarte. Weder Mutter noch Vater konnten den Kasten bedienen. Der Junge auch nicht. Aber in seinen Augen brannte Feuer, er war getrieben. Sein Ziel: Eintauchen in die schier grenzenlose Spielewelt, deren Zugang dieser Computer sein musste. Dass dieses Paradies existiert, wusste er von seinen Kumpels, die auf dem Schulhof davon erzählten.

Doch der Weg dorthin war steinig: Seine Augen tränten ob nächtelanger Sitzungen vor dem 56-Hz-Flackermonitor. Die Brillengläser wurden immer dicker. Bunte Pixel, Midi-Musik und zeitweises Speaker-Piepen signalisierten: Die Kiste lebt.

Titel wie Civilization, Doom, Warcraft 2, Quake und Diablo kamen und gingen. Alle spielte er voller Freude durch, lud Kumpels zu sich ein und veranstaltete Spieleabende, bei denen man sich gegenseitig vor einem Rechner abwechselte. Für Duke Nukem 3D wurden Computer angekarrt und über Nullmodemkabel miteinander verbunden. Die Eltern hätten manchmal wohl doch lieber den vereinsamten Nerd bevorzugt.

Heute, rund 20 Jahre später, spielt der Junge immer noch. Er hat noch immer einen Computer, brav aufgerüstet über die Jahre, seine Grafikkarte hat zweitausendmal so viel Speicher wie die erste und er schaut in einen flimmerfreien Monitor mit über zwei Millionen Pixeln - wie andere Zocker auch. Doch viele von denen sind nur noch am Meckern: Steam und Co. ist Teufelszeug, Demos gibt’s kaum noch geschweige denn Shareware. Billig-Spiele, früher Freeware, laufen auf Tablet und Smartphone ein und bringen deren Speicher zum Bersten. Server voller anonymer Spieler dienen als Ersatz für die (noch immer furchtbare) K. I. von Computergegnern.

Wer das bejammert, macht was falsch. Der Junge nämlich hat immer noch einen Höllenspaß. Denn er weiß: Retro und Moderne schließen sich nicht aus.

Die alten Schinken laufen per DOSBox selbst unter Windows 8 problemlos, ScummVM bringt die grandiosen Lucas-Arts-Adventures wie Monkey Island, Day of the Tentacle oder Indiana Jones zurück. Immer mehr unabhängige Entwickler befeuern die PC-Spieleszene mit tollen Indie-Titeln wie World of Goo, Legend of Grimrock oder Minecraft. Und auch bei den teuren Spielen sind viele Perlen dabei, wie Dishonored oder Skyrim, denen - seien wir ehrlich - kein Klassiker das Wasser reichen kann.

Aber die Geselligkeit - die gibt’s nur mehr online oder gar per Facebook? Quatsch: Er packt seine Stube voller Tische, lädt ein paar tollkühne Freunde mit hochgerüsteten Kisten und manch schnarchlahmem Notebook ein. Pizza, Limo und so viele Spiele wie nie zuvor füllen die Abende. Freunde, gute Laune und ein paar Computer auf engstem Raum - das bleiben die besten Zutaten für Spieler; Steam und Co. hin oder her. Probieren Sie’s aus.

In diesem Sinne

Martin Fischer Martin Fischer

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