Die Freiheit, die sie meinen

@ctmagazin | Editorial

Würde man Marktanteile von Smartphone-Betriebssystemen wie Wahlergebnisse darstellen, gäbe es nur drei Balken: Android, iOS und Sonstige. Jedes Frühjahr zum Mobile World Congress sieht es kurz so aus, als könnte sich das ändern. Dieses Mal war die Aufbruchsstimmung besonders spürbar: Sailfish, Tizen, Ubuntu, Firefox OS, sie alle versprechen eine Zukunft ohne Apple und Google.

Der zweite Blick ernüchtert. Das eine ist der umfrisierte Flop Meego, das andere tritt das Erbe von Samsungs Alleingang Bada an, das dritte wendet sich an Geeks. Bleibt Firefox OS, für das Mozilla spektakuläre Verbündete gefunden hat: Telekom, Telefonica, Sprint und viele andere - insgesamt 17 große Carrier aus aller Welt sind dabei, und auch die Geräte-Hersteller drängeln sich.

Für einen Moment zeichnet sich eine Utopie am Horizont ab: ein kompromisslos freies und offenes Betriebssystem für preiswerte Smartphones, das ausschließlich auf Webstandards setzt. Aber wie kommt es, dass ausgerechnet die Mobilfunk-Provider ihre Liebe für so ein System entdeckt haben?

Weil sie aus der Freiheit von Firefox OS die Freiheit zum Geldverdienen machen wollen. Man muss nur ein paar Jahre zurückdenken, um zu wissen, wie sich das anfühlen wird: Ehe Apple und Google den Nutzer in einen goldenen Käfig gesperrt haben, war er es gewohnt, vom Mobilfunk-Provider in eiserne Branding-Ketten gelegt zu werden.

Mozillas Problem: Um viele Benutzer und App-Entwickler zu erreichen, muss man die Netzbetreiber überzeugen, in deren Läden die Geräte ausliegen sollen. Die wollen aber lieber die Kundschaft mit allen möglichen Dienstleistungen umhegen, statt nur Mobilfunklieferant zu sein - in einem kleinen Gärtchen, das von hohen Mauern umschlossen ist. Und das ist ziemlich genau das Gegenteil von dem, wofür ein offenes Betriebssystem gedacht ist.

Wenn man Apple oder Google heißt und ein paar Milliarden investieren kann, entgeht man dieser Falle. Mozilla ist nicht in dieser glücklichen Lage. Schon kommen die Dienstleister aus den Löchern, die den Carriern Firefox-OS-Versionen zurechtschneidern wollen: mit eigenem Design, eigenem Marktplatz und eigenem Bezahlsystem.

Mozilla ist diese Allianz aus purer Not eingegangen. Nach Fehlversuchen mit den Mobil-Browsern Fennec oder MiniMo könnte das die letzte Chance für das Open-Source-Unternehmen sein, im mobilen Web Fuß zu fassen - das immer wichtiger wird. Misslingt dem Unternehmen Firefox OS, könnte Mozillas Browser bald wieder das werden, was er vor zehn Jahren war: Software für ein paar Open-Source-Aficionados.

Die Zweifel, ob ein ausschließlich mit HTML-Anwendungen arbeitendes Betriebssystem genug Performance aus den Smartphones herausholt, verdunkeln die Aussichten für das Projekt noch mehr. Bleibt nur die Hoffnung, dass die sonderbare Romanze zwischen Mozilla und den Carriern lange genug hält, dass sich Firefox OS etablieren kann und Nachfrage nach Branding-freien Geräten entsteht. Der Markt der Smartphone-Betriebssysteme könnte so einen Wettbewerber gut brauchen.

Herbert Braun Herbert Braun

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