Verlorenes Herz

Opera stellt seine Browser-Engine ein

Trends & News | News

Künftige Versionen von Opera werden Webseiten nicht mehr mit einer selbst entwickelten Engine darstellen, sondern mit dem auch in Chrome und Safari verbauten WebKit – eine Entscheidung, die den Browser-Markt durcheinanderwirbelt.

Eigentlich hätte man es ahnen können, nachdem Opera im Januar einen neuen Android-Browser auf WebKit-Basis angekündigt hatte. Und dennoch war es eine handfeste Überraschung, als das Unternehmen am 12. Februar den Wechsel zu WebKit als Engine für alle künftigen Opera-Browser bekanntgab.

Auch wenn Opera hierzulande eine Nutzerzahl im niedrigen einstelligen Prozentbereich hat, handelt es sich dabei um den größten Umbruch im Browser-Markt, seit Google im September 2008 Chrome vorstellte. Die Geschichte von Operas Engine „Presto“ reicht bis 1994 zurück. Man kann sie als die am längsten kontinuierlich entwickelte Browser-Engine ansehen, denn Internet Explorer und Firefox verzeichneten große Brüche in ihrer Biografie.

Chromatische Oper

Künftige Versionen wird Opera auf Grundlage von Chromium bauen, dem quelloffenen Kern von Google Chrome. Dieser umfasst außer der Rendering-Engine auch den JavaScript-Interpreter V8, der Operas „Carakan“ ersetzen wird. Opera will an Chromium auch mitarbeiten und hat bereits erste Patches für CSS-Features eingereicht. Details zum Zeitplan des angekündigten schrittweisen Umstiegs gibt es noch nicht.

Die Probleme für Anwender und Webdesigner dürften sich in Grenzen halten: Browserspezifische Tricks wie Zugriffe auf das JavaScript-Objekt opera oder das Vendor-Präfix -o- in CSS werden nicht mehr funktionieren; kleine Verschlechterungen sind etwa bei der SVG-Implementierung zu erwarten. Für die erst vor drei Jahren eingeführten Browser-Erweiterungen soll es ein Portierungsswerkzeug geben.

Laut Technikchef Håkon Wium Lie reifte die Entscheidung zum Wechsel über die letzten sechs bis zwölf Monate, weil die Opera-Entwickler mehr damit beschäftigt waren, WebKit-Neuerungen zu adaptieren als eigene Ideen voranzutreiben. Die Motive für die Entscheidung seien nicht finanzieller, sondern technischer Natur – insbesondere Probleme mit der Kompatibilität von Webseiten, die nicht mit Opera getestet wurden. WebKit-Erfahrungen hat Opera bereits bei der Mitarbeit am Browser der russischen Suchmaschine Yandex gesammelt, der im Oktober erschien und ebenfalls auf Chromium aufsetzt. Hier hat Opera die Technologie beigesteuert, mit der bei schwacher Internetverbindung die Webseiteninhalte komprimiert werden können.

Anwendertreue

Auch wenn Opera es anders darstellt, ist gerade aus betriebswirtschaftlicher Sicht die Einstellung der eigenen Darstellungs-Engine nachvollziehbar, mehr noch: fast zwingend. 90 Mitarbeiter wurden entlassen, das Core Technology Team aufgelöst. Doch Opera erklärte, dass noch innerhalb dieses Jahres die Mitarbeiterzahl über die frühere hinauswachsen soll.

Mit den freiwerdenden Ressourcen will sich Opera offenbar ganz auf Neuerungen der Bedienoberfläche konzentrieren. Auch viele Webentwickler jubelten: endlich keine Tests und Bugfixes mehr für einen lästigen Browser, den kaum jemand benutzt. Doch wie werden die Anwender reagieren – werden sie loyal bleiben oder Opera als überflüssigen Chrome-Aufsatz wahrnehmen?

Zumindest hierzulande, wo die Norweger nie aus der Nische herausgefunden haben, entschieden sich die meisten Opera-Nutzer bewusst gegen den Mainstream . Auch wenn die Anwender durch geringere Kompatibilitätsprobleme vom Wechsel zur WebKit-Engine profitieren sollten: Die Wahl des Browsers ist genau wie die eines Autos oder einer Wohnung eher eine emotionale als eine rationale Entscheidung, und mit einer neuen Engine wird sich Opera anders anfühlen. Nutzerkommentare im Opera-Forum reichen denn auch von Zustimmung bis Entsetzen.

NetCaptor, Maxthon, Avant Browser, K-Meleon, OmniWeb, Flock, Rockmelt … die Liste von Browsern, die die Engine eines Konkurrenten benutzen, ist lang. Sie alle haben oder hatten innovative Bedienkonzepte und zählbare Vorteile gegenüber Internet Explorer, Firefox, Safari und Chrome – aber kaum jemand benutzt sie. Im Vergleich zu diesen Orchideenbrowsern hat Opera allerdings den Startvorteil von 300 Millionen Benutzern weltweit.

Drei kleine Indianer

Nach dem Ende von Opera als eigenständigem Browser bleiben nur noch drei Engines übrig: WebKit, Mozilla Gecko und Microsoft Trident. Bedauern über diesen Schwund an Vielfalt war aus dem Mozilla-Lager zu hören, wo man eine WebKit-Monokultur befürchtet, die sich ausgehend von den Smartphones im Web ausbreite. Bei der Entwicklung neuer Webtechniken hat Opera in der Vergangenheit trotz seiner geringen Größe eine wichtige Rolle gespielt.

Allerdings haben Apple und Google, die zusammen an WebKit arbeiten, zuletzt das Tempo bei Browser-Neuheiten deutlich angezogen und sich als Innovationstreiber profiliert. Nach dem Wechsel zu WebKit wird Opera im Schatten dieser beiden Giganten nur noch marginal Ideen für Webtechniken einbringen können – mit den Entwicklern von Presto hat das Unternehmen viel Erfahrung verlassen. Aus dem gleichen Grund dürfte auch die aktuelle Version 12 bereits die letzte mit einem Presto-Kern sein.

Bis Presto endgültig verschwunden sein wird, werden noch ein paar Jahre vergehen. Operas Erfolg gründet sich ja vor allem darauf, leistungsfähige Browser auch in Geräte wie Spielkonsolen, Fernseher oder simple Handys einzubauen. Diese sollen alle auf WebKit umgestellt werden, aber auf diesen Plattformen sind Updates umständlich oder unmöglich. Eine kleine Chance gibt es sogar noch für die Engine: Aus der Nutzerschaft mehren sich die Stimmen, die fordern, Prestos Quellcode freizugeben. CTO Håkon Lie wollte jedoch wegen der dafür notwendigen Code-Aufräumarbeiten nichts versprechen.

Ironie der Geschichte: Als der Qt-Entwickler und Trolltech-Angestellte Lars Knoll 1999 die entscheidenden Grundlagen für den WebKit-Vorläufer KHTML schuf, arbeitete er im gleichen Osloer Gebäude wie die Opera-Entwickler. So gesehen kehrt WebKit jetzt nach Hause zurück.

Erste WebKits

Fast zur gleichen Zeit wie die WebKit-Umstellung gab Opera die Übernahme von Skyfire Labs bekannt. Wie Opera Mini kann der Browser, den die Kalifornier entwickelt haben, seine Daten bandbreitenschonend von einem komprimierenden Proxy holen, doch im Unterschied zu diesem rendert er bei guter Netzverbindung selbst. Außerdem kann Skyfire Flash-Videos live komprimieren – und läuft wie die meisten neu entwickelten Browser auch mit einer WebKit-Maschine. Skyfire soll als eigenständige Firma bestehen bleiben und seinen Proxy Mobilfunkunternehmen als White-Label-Lösung anbieten.

Opera ist offensichtlich nicht nur an Skyfires Kunden interessiert, sondern auch an der Technik. Insbesondere den „Off-Road-Modus“ getauften automatischen Wechsel zur serverseitigen Komprimierung hat Opera in sein jüngstes Produkt integriert: den auf WebKit aufgebauten „Opera for Android“, den das Unternehmen seit Anfang März in einer ersten Betaversion kostenlos im Google-Play-Store zum Download anbietet. Auch für iOS plant Opera eine Version des Browsers.

Dass Opera sich nun ganz auf die Weiterentwicklung der Bedienoberfläche konzentrieren kann, zeigte sich in der innovativen Gestaltung des neuen mobilen Browsers. So vereint die neue Startseite die Schnellwahl und die Lesezeichen. Das „Discovery Panel“ liefert abhängig vom Land und von den Interessen des Nutzers aktuelle Inhalte. Der Browser läuft auch auf älteren Betriebssystemen: Android 2.3 „Gingerbread“ genügt. Lars Boilesen will Opera for Android möglichst noch im März veröffentlichen und einen Monat später die iOS-Version nachschieben. (heb)

Artikel kostenlos herunterladen

weiterführende Links

Anzeige
Anzeige