Verschmähte Liebe

@ctmagazin | Editorial

Seit meinem ersten Android-Smartphone habe ich nicht nur freiwillig, sondern geradezu enthusiastisch alle meine Daten in Googles Wolke geblasen. Termine, Kontakte, Musik, Nachrichten, alles immer synchron und griffbereit auf allen meinen PCs und auf Smartphone und Tablet - ohne nerviges Rumgehampel mit irgendwelchen Synctools. Von da an hatte ich mir vorgenommen, Google toll zu finden.

Drei Jahre lang hat das Gutfinden prima geklappt. Ständig kamen neue Dienste dazu, andere wurden besser miteinander verzahnt. Der Nerd in mir hat sich immer gefreut, wenn Google Now mich nicht nur automatisch an einen Termin aus dem Google-Kalender erinnert hat, sondern sich sogar eine halbe Stunde früher meldete, weil sich auf dem Weg dahin der Verkehr staut. Mama Google passt auf mich auf, weiß, wann ich welche Infos brauche und ist immer für mich da - der sympathische Weltkonzern als Übermutter, auf den ich mich immer verlassen kann.

Dabei hätte ich bei jeder der zweijährlichen Hausputz-Aktionen von Google die Zeichen erkennen müssen. Weh getan hat mir schon die Einstellung von Google Labs und der Google-Desktop-Suche. Das konnte ich mir mit Ach und Krach noch schönreden: Google ist eben ein dynamisches Unternehmen und hat den Mut, neue (Irr-)Wege zu beschreiten und sie auch wieder zu verlassen. Nur so entstehen innovative Produkte, glaubte ich Google.

Nun der Todesstoß für den Google Reader. Wieder wurde ein Produkt auf dem Google-Scheiterhaufen geopfert - diesmal aber eins der für mich wichtigsten. Zu wenige Nutzer, rückläufige Zahlen und in Zeiten von Google+ eh überflüssig lauten Googles lapidare Argumente für den Ausstieg. Wenn ich den Aufschrei im Netz ansehe, fällt es mir schwer, das zu glauben. Wenige Tage nach der Ankündigung unterzeichnen Tausende Petitionen oder diskutieren über Alternativen.

Nicht nur für Journalisten und Blogger, sondern auch für infohungrige Netzbewohner ist Google Reader ein grundlegendes Werkzeug, mit dem man täglich mindestens eine Stunde verbringt. Aber offenbar sind Google diese Nutzer nicht wichtig, und ich frage mich: Bin ich als einzelner Nutzer Google wichtig? Eher nicht. Mama Googles Fürsorge gilt gar nicht mir, sondern in erster Linie - wie bei jedem gewinnorientierten Unternehmen - sich selbst. Von wegen mütterliche Liebe: Es sollen einfach möglichst viele Nutzer bei der Stange gehalten werden - auf Einzelschicksale kann man da offenbar keine Rücksicht nehmen.

Dass Google Geld verdienen möchte, kann ich dem Konzern nicht übel nehmen. Wohl aber, dass er mir wichtige Dienste einfach aus den Händen reißt, statt dort Werbung zu schalten oder mich dafür bezahlen zu lassen. So fühle ich mich nicht mehr sicher und geborgen in Googles Schoß. Denn was nützen mir die tollsten Dienste wie Google Drive und Google Music oder Produkte wie Chrome und Android, wenn ich nicht sicher sein kann, dass es sie nach dem nächsten Großreinemachen in Mountain View noch gibt? Meine erste persönliche Konsequenz: Wichtige Daten verfrachte ich nun in meine eigene Wolke. Die kann mir keiner nehmen, solange ich die Server-Rechnung bezahle.

Stefan Porteck Stefan Porteck

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