Die Macht der Einkäufer

Wie das Nachhaltigkeitssiegel TCO den Durchbruch schaffen soll

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Das schwedische Non-Profit-Unternehmen TCO Development will umweltfreundlichere Computer und bessere Arbeitsbedingungen in der Produktion durchsetzen. Von den Herstellern lange ignoriert, fordert TCO nun Behörden und große Unternehmen zum Handeln auf.

Sie verletzen Menschenrechte beim Einkauf von IT-Produkten.“ Diesen Satz liest man als Erstes, wenn man die Webseite von TCO Development aufruft. Weiter unten liest man von schlechten Arbeitsbedingungen, eingeschränkten gewerkschaftlichen Rechten, Kinderarbeit. „Eine inakzeptable Realität, die wir gemeinsam verändern müssen.“

Es ist eine berechtigte Kritik an der IT-Industrie. Organisationen wie Sacom und China Labor Watch machen seit Jahren darauf aufmerksam.

Doch es überrascht, dass TCO Development die Hersteller nun ebenfalls angreift. Die Tochtergesellschaft der schwedischen Gewerkschaft TCO ist nicht profitorientiert, aber sie lebt von ihren Kunden. Und ihre Kunden sind die Hersteller – sie zahlen für die Nutzung des Siegels „TCO Certified“ knapp 3000 Euro pro Jahr plus 5700 Euro pro Modell. Mit der Menschenrechtskampagne machen die Schweden also ihren eigenen Kunden schwere Vorwürfe. Das klingt nach einer waghalsigen Strategie. Aber es gibt Anzeichen dafür, dass sie sich auszahlt.

Seit 1992 bietet TCO seine Siegel an. Die Kriterien sind relativ streng, sie betreffen Umweltschutz, Ergonomie sowie die Arbeitsbedingungen in der Produktion. Es ist das einzige IT-Siegel, das alle Kriterien von Prüfern wie dem TÜV Rheinland kontrollieren lässt. Die Kontrollen in den Fabriken und Labortests bezahlen die Hersteller, zusätzlich zu den TCO-Gebühren.

Bei Monitoren hat TCO den Durchbruch geschafft, auf jedem zweiten Gerät klebt das Siegel. Aber bei PCs taten die Schweden sich jahrelang schwer. Kaum ein Kunde weiß, dass es auch für Notebooks und Tablets ein TCO-Logo gibt, entsprechend klein ist der Anreiz für die Hersteller, damit zu werben.

„Die Hersteller haben uns stets gesagt, dass sie bereit sind, ihre Produkte zu zertifizieren, falls es eine Nachfrage gibt“, sagt Maria Sjölund, Marktentwicklerin bei TCO Development. Doch für Notebooks und Tablets nutzt bislang nur Samsung das Siegel. HP und Lenovo haben ein paar Desktop-PCs zertifizieren lassen. Das ist mehr als beim Blauen Engel, aber nicht genug.

Deswegen nimmt TCO Development die Hersteller nun beim Wort – und versucht, mit seiner Menschenrechtskampagne die Nachfrage anzufachen. Weil Wünsche einzelner Privatkunden bei Giganten wie Acer, Apple oder Dell wenig zählen, sprechen die Schweden gezielt die Einkäufer von Unternehmen und Behörden an.

Mehr Laptops mit TCO-Siegel

Was das bringen kann, zeigt das Beispiel Swedbank. Die Bank schrieb einen Auftrag für 16 000 PCs und Laptops mit TCO-Siegel aus und einigte sich mit einem Hersteller, der versprach, für den Zuschlag seine Geräte zertifizieren zu lassen. Doch der Hersteller – TCO und Swedbank verraten nicht, welcher es war – hielt seine Zusage nicht ein. Die Bank machte sich erneut auf die Suche und verlangte wieder TCO Certified. Im zweiten Anlauf ging der Auftrag an Lenovo.

Swedbank hat damit dafür gesorgt, dass demnächst erstmals Lenovo-Laptops das TCO-Siegel tragen und dass Kunden erstmals zwischen zwei Laptop-Marken mit dem Siegel wählen können. „Das ist ein hervorragendes Beispiel für die Macht der Einkäufer. Ich will, dass auch die deutschen IT-Einkäufer so vorgehen“, sagt Maria Sjölund.

TCO verweist auf ein Dutzend deutsche Auftraggeber, die sich bereits an TCO-Kritieren orientieren, darunter die Bundesagentur für Arbeit, das Land Rheinland-Pfalz und die Stadt Hannover. „Wir legen großen Wert darauf, dass Lieferanten soziale Mindeststandards einhalten“, sagt Wolfgang Puff vom IT-Dienstleister der Bundesagentur für Arbeit. Seine Kollegen kaufen Hardware für die über 170 000 PC-Arbeitsplätze der Agentur.

Seit einigen Jahren lässt das Vergaberecht soziale und ökologische Kriterien in öffentlichen Ausschreibungen explizit zu. Die Einkäufer dürfen zwar nicht bestimmte Siegel vorschreiben, aber auf sie verweisen, zum Beispiel mit der Formel „TCO oder gleichwertig“. Die Bieter können dann auch andere Nachweise vorlegen. Oft ist es für sie aber einfacher, ihre Produkte zertifizieren zu lassen. (cwo)

Kriterien für TCO Certified (Auszug)

Soziale Verantwortung

 Einhaltung der Kernnormen der ILO (etwa Vereinigungsfreiheit, Gleichheit des Entgelts, keine Zwangsarbeit)

 Aktionsplan zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen

 Kontrollen der Werke durch unabhängige Prüfer

Umwelt

 keine halogenierten Flammschutzmittel

 kein Brom oder Chlor in Kunststoffen

 mindestens ein Jahr Garantie

 Ersatzteile für mindestens drei Jahre

 Rücknahme und Recycling von Geräten

 Erfüllung der Energy-Star-Kriterien

Ergonomie

 Display: unter anderem Mindesthelligkeit 150 cd/m2

 Grenzwerte für elektrische und magnetische Emissionen, Geräuschentwicklung

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