Geschätzte Bonität

@ctmagazin | Editorial

Wenn ich die Kreditwürdigkeit eines anderen anzweifle, kann das durchaus teuer werden: Die Deutsche Bank muss für einen einzigen abfälligen Satz ihres Chefs über die vermutete Kreditunwürdigkeit des inzwischen verstorbenen Filmhändlers Leo Kirch fast eine Milliarde Euro an die Erben berappen.

Die Schufa geht mit solchen Fragen lockerer um. Seit fast 20 Jahren verfertigt sie über zig Millionen Verbraucher sogenannte Scores, mit denen sie deren Zahlungsfähigkeit und -bereitschaft vorhersagt (siehe S. 80). Das Scoring betrifft auch Verbraucher, die beispielsweise einen Handy-Vertrag schließen oder online einkaufen wollen.

Wie die Schufa zu ihren mitunter vernichtenden Urteilen kommt, verrät sie aber nicht. Ohne den Kontostand, das Einkommen und das Vermögen ihrer Kunden zu kennen, gibt sie ganz präzise anmutende Prognosen über "Erfüllungswahrscheinlichkeiten" ab, auf zwei Stellen hinter dem Komma genau; letztlich sind die nichts anderes als überaus scharfe Blicke in die Glaskugel.

Was Gnade vor dem strengen Auge der Schufa findet und was nicht, bleibt dem Verbraucher verborgen. Das muss auch so sein, findet die Schufa, damit niemand seinen Score-Wert am Ende durch geschickte Aktionen noch ein wenig aufhübschen kann. Schließlich ist der Score Mathematik, und die lügt bekanntlich nicht.

Ein Beispiel: Korrekt bediente Kredite im Datenbestand der Schufa sind "Positivdaten". Wenn man zu viele davon hat, ist das negativ. Das verstehen Sie nicht? Sollen Sie auch gar nicht.

Warum mein Score in den letzten zwei Jahren so massiv in den Keller gerauscht ist, kann ich nur erahnen. Vermutlich weil ich auf Verbraucherschützer und Finanzexperten gehört habe, die mir dazu rieten, Angebote zu vergleichen und mir für meine Vorhaben das jeweils günstigste Finanzprodukt am Markt zu suchen. Vom Schufa-Score sagten sie dabei nichts.

Offenbar hat die Schufa meine Aktivitäten gründlich fehlinterpretiert. Der Abschluss von Verträgen mit besonders günstigen Konditionen sah für die Schufa-Systeme wohl aus, als griffe ich in höchster Not nach jedem Kredit-Strohhalm. Das ist Quatsch, aber eine Diskussion mit dem Algorithmus über meine Beweggründe ist ja nicht möglich.

Ich habe die Wahl: Entweder kann ich meine Kreditwünsche günstig erfüllen. Dann muss ich mit einem schlechten Score leben, der mir aber die Kosten für Kredite künftig nach oben treibt, und Erklärungen abgeben. Oder ich blättere gleich mehr Geld hin und nehme die Produkte mit schlechten Konditionen für uninformierte Verbraucher, die meine Hausbank mir vorsetzt. Dafür werde ich mit einem guten Score belohnt.

Die Trefferquote der Schufa ist nach meiner Erfahrung mäßig. Fast allen Kollegen, Freunden und Bekannten, von denen ich im Zuge meiner Recherchen zum Thema erfahren habe, dass die Schufa ihnen einen schlechten bis katastrophalen Score attestiert, würde ich persönlich jederzeit Geld leihen. Ich biete der Schufa gerne eine Wette an, dass ich es zurückbekomme.

Urs Mansmann Urs Mansmann

Artikel kostenlos herunterladen

Kommentare

Anzeige
Anzeige