Wende in voller Fahrt

Wie Microsoft sich und Windows neu ausrichtet

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Zu einem Zeitpunkt, an dem viele Beobachter Microsoft schon auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit wähnen, leitet das Unternehmen abermals eine Wende ein: neue Chefs, neue Bedienoberfläche, neue Lizenzmodelle und neue Produkte. Was bedeutet das für die Windows-Welt?

Eigentlich brummen die Geschäfte der Windows-Macher: Umsatz und Gewinn steigen Quartal für Quartal. Den rückläufigen Absatz von Windows-Lizenzen an Endverbraucher, der durch die bröckelnden PC-Verkäufe verstärkt wird, gleicht das Unternehmen mit Spielkonsolen, Tablet-PCs und Mobiltelefonen locker aus. Ebenfalls gut läuft der Verkauf von Lizenzen und Dienstleistungen an Gewerbekunden, egal ob Server, Geschäftssoftware oder Cloud-Dienste. Dieser Bereich brachte rund 10 Prozent Umsatzwachstum im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2014.

Trotzdem schwindet die Bedeutung von Microsoft in der öffentlichen Wahrnehmung: Apple ist hipper, Android billiger und Amazon flexibler. Die Außenwirkung der führenden Köpfe gilt als uncharismatisch: Über den verschwitzten Ballmer schmunzelte man, über den Egomanen Sinofsky schüttelte man den Kopf und auch Gates selbst erntete mehr Spott, als er verdient – cool geht eben anders. Das Unternehmen steckt im IBM-Dilemma: Man wird nicht gefeuert für den Kauf der Produkte, punktet aber auch nicht. Microsoft ist allgegenwärtig, aber kein Aushängeschild.

Hinzu kommen etliche Fehlschläge in den letzten Jahren. Je höher der Software-Riese ein Produkt bei der Ankündigung hob, desto tiefer fiel es: Der erste Nachfolger für Windows XP ließ als Longhorn ewig auf sich warten und untererfüllte als Vista alle Erwartungen. Die mit Windows 8 eingeführte zweite Bedienoberfläche und -philosophie, die nicht mehr Metro heißen darf, vergrätzte eine treue Kundschaft, die auf ein verbessertes Windows 7 gehofft hatte. Hinzu kommt die verständliche, für Nutzer aber sehr ärgerliche Einstellung des Sicherheits-Supports für Windows XP.

Wie sehr das Unternehmen an dem Image-Problem arbeitet, wurde Anfang April auf der Microsoft-Entwicklerkonferenz Build in San Francisco klar: In diesem Jahr dominierte keine große Vision aus dem Mund eines abstrakt denkenden Chefs. Stattdessen gefiel die Veranstaltung durch einen bunten Strauß konkreter Neuerungen. Der neue Chef, Satya Nadella, dem viele der Veränderungen zugeschrieben werden, bestritt nur eine Session mit Fragen und Antworten am Ende der ersten Keynote.

Desktop- und Mausglück

Für eingefleischte Windows-Nutzer kehren peu à peu die Bedienelemente zurück, die der Touch-Ausrichtung der grafischen Bedienoberfläche in Windows 8 zunächst zum Opfer gefallen waren, aber deren Fehlen eine Mausnutzung unnötig erschwert: Startknopf, Startmenü, Fenstertitel und Kontextmenüs. Die ersten Elemente bringt bereits das seit dem April-Patchday verfügbare „Windows 8.1 Update“ zurück.

Bejubelt wurde der Prototyp eines Startmenüs, das die bekannte Windows-7-Optik mit den Live-Kacheln des Windows-8-Startbildschirms verheiratet. In der gleichen Demo gab es auch Windows-Apps (Metro/Modern UI) zu sehen, die nicht im Vollbild, sondern im Fenster liefen. Der ganze Zauber dauerte keine Minute und wurde nur von der unscharfen Aussage begleitet, dass es das neue Menü und die Apps im Fenster für alle Windows-8.1-Nutzer kostenlos geben werde. Wann und wie verriet Microsoft nicht.

Im Windows 8.1 Update und dem kommenden überarbeiteten Startmenü stecken zwei Botschaften. Die erste ist klar: Microsoft hat zur Kenntnis genommen, dass sowohl Touch- als auch Mausbedienung vorhanden sein müssen. Die zweite steckt implizit im Werberummel um zukünftige Windows-Programme, von denen Microsoft nur noch in Form von Apps spricht, also solchen für die Ex-Metro-Oberfläche. Hier weicht Microsoft nicht vom mit Windows 8 eingeschlagenen Kurs ab und untermauert sogar sein Engagement für die neue App-Welt.

Mit Windows Phone 8.1, das in den nächsten Monaten nicht nur auf neuen Geräten, sondern auch auf älteren mit Windows Phone 8 laufen soll (siehe S. 86), führt Microsoft auf den Telefonen die gleiche Laufzeitumgebung ein, die auch in Windows 8 für Apps steckt (WinRT – Windows Runtime). Damit können Entwickler ein Programm für alle Windows-fähigen Geräte anbieten, vom Telefon über Tablets bis hin zum Desktop-PC und sogar auf der Xbox (wie das geht, lesen Sie ab Seite 88).

Auch die für diese Universal-Apps nötige Infrastruktur, sprich den Store, will Microsoft für alle Windows-Varianten vereinheitlichen. Es sollte dann möglich sein, eine App zu kaufen und auf allen genannten Geräten zu nutzen. Die genaue Ausgestaltung bleibt dabei den App-Entwicklern vorbehalten. Wie konkret die Vorgaben von Microsoft ausfallen, lässt sich erst ansatzweise erkennen. Einen Vorgeschmack bringt das Windows 8.1 Update; es heftet vorsorglich das Store-Icon schon mal auf die Task-Leiste.

Wie ernst es Microsoft mit den Apps ist, zeigen diverse Ansätze. Einer ist es, alter Software nachträglich eine Touch-Oberfläche überzustülpen. Dazu führten während der zweiten Build-Keynote zwei Microsoft-Mitarbeiter WebMAP2 vor. Die Software formt VisualBasic-6-Code in HTML5-Anwendungen mit JavaScript um und bringt sie so in die App-Welt oder die Cloud. Hinter WebMAP2 steckt die Firma Mobilize.Net, die Tom Button gegründet hat, ein ehemaliger Vize-Präsident von Microsoft.

Ein weiterer Ansatz besteht darin, die Trennung zwischen App-Welt und herkömmlichen Windows-Programmen aufzuweichen und ihnen direkte Kommunikation zu erlauben (siehe c’t-Link). So können Entwickler einer herkömmlichen Anwendung eine Touch-Oberfläche zur Seite stellen. Vorerst gelingt das aber nur speziellen Apps, die per Side-Loading installiert werden, also am Store vorbei.

Wie schon oft in der Vergangenheit versäumt Microsoft es auch jetzt, mit eigenen Apps als positives Beispiel voranzugehen: Die Brot- und Butteranwendungen aus eigener Herstellung, nämlich Office, sind noch nicht als Apps erhältlich. Auf der Build zeigte Microsoft kurz ein App-artiges PowerPoint mit Touch-Bedienung, äußerte sich aber nicht zur Verfügbarkeit. Auf den ersten Blick ähnelt es kaum dem gerade für iOS-Geräte freigegebenen Office (siehe Seite 104). ...

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