Jaguar-Erben

AMDs nächste Prozessoren für Tablets und Billig-Notebooks

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Zu den erfolgreichsten AMD-CPUs gehören Brazos und Kabini für günstige Note- und Netbooks sowie Mini-PCs. Der Nachfolger Beema soll deutlich effizienter arbeiten und die Spar-Version Mullins endlich Tablets erobern – auch dank Trustzone-Technik von ARM.

Für AMD haben Billigprozessoren gewaltige Bedeutung. Die 2010 vorgestellten Brazos-Plattform hat AMD zwischenzeitlich in größeren Stückzahlen verkauft als die „normalen“ PC- und Notebook-Prozessoren. Sie treten gegen Intels Billigware an, also Celerons und Atoms. Sowohl AMD als auch Intel setzen dabei auf abgespeckte Prozessorkerne, die weniger Rechenwerke und kleinere Caches besitzen als etwa FM2-Prozessoren. So belegen sie weniger Siliziumfläche und lassen sich billiger fertigen, ihr einfacherer Aufbau spart zudem Entwicklungskosten. Auf der Haben-Seite stehen jedoch auch kleiner Stromdurst und hoch integrierte Bauform: Der 2013 eingeführte „Kabini“ besitzt nicht nur vier Jaguar-Prozessorkerne und eine Graphics-Core-Next-(GCN-)GPU, sondern auch eine Basisausstattung an Chipsatz-Funktionen, darunter vier PCIe-2.0-Lanes sowie je zwei USB-3.0- und SATA-6G-Ports.

Jetzt bringt AMD den Kabini-Nachfolger Beema heraus und vor allem dessen sparsamere Variante Mullins für Windows-8.1-Tablets. Dafür war bisher der Temash gedacht, der aber nicht punkten konnte. Kabini, Temash, Beema und Mullins ähneln einander sehr – beim Blick auf den Die-Shot (oben) sieht man kaum Unterschiede. Mit Jaguar- und GCN-Technik sind diese Chips im Prinzip Verwandte der AMD-Chips in den aktuellen Spielkonsolen Playstation 4 und Xbox One, allerdings viel billiger und schwächer. Aus Kostengründen haben sie auch nur je einen Speicherkanal, was die GPU-Leistung weiter drückt.

AMD verspricht, Beema und Mullins im Vergleich zu Kabini und Temash erheblich optimiert zu haben: Sie sollen ohne Last deutlich sparsamer bleiben und effizienter rechnen. Mullins soll sich endlich auch wie seine Intel-Atom-Konkurrenten in Windows-8.1-Tablets mit Connected Standby einsetzen lassen. Dank dieser auch Instant Go genannten Funktion schalten Tablets niemals ab, sondern laufen bei Nichtgebrauch in einem Sparzustand, den sie mehr als eine Woche lang mit einer Akkufüllung durchhalten. Genau wie Android- und iOS-Tablets reagieren sie dabei auf eingehende E-Mails und andere Benachrichtigungen und wachen in weniger als einer halben Sekunde auf.

Außer Prozessoren mit speziellen Schlafmodi (S0ix) verlangt Microsoft für Instant Go auch spezielle UEFI-Firmware sowie ein Trusted Platform Module nach TPM-2.0-Spezifikation. Dieses wird bei Atom Z2700 und Z3700 als Firmware-TPM (fTPM) realisiert, diese Chips enthalten dazu die Trusted Execution Engine (TXE), einen separaten RISC-Controller. AMD hat von ARM einen extrem sparsamen Cortex-A5-Kern mit Trustzone-Technik zugekauft, der im Mullins-Chip als Platform Security Processor (PSP) steckt. Er besitzt Hardware-Einheiten für kryptografische Verfahren, die Microsoft in den Anforderungen für Windows-8-Tablets vorgibt. Der PSP steckt auch in den Beema-Chips, dürfte dort aber seltener als fTPM dienen – je nach Firmware des Geräteherstellers.

Laut AMD enthalten Beema und Mullins eine Fülle von Detailverbesserungen, die Strom sparen. Leckströme wurden reduziert, Betriebsspannungen gesenkt und der Speicher-Controller ausschließlich für DDR3L-SDRAM mit 1,35 Volt ausgelegt. Je nach Chip-Typ sind DDR3L-1066, -1333, -1600 oder gar -1866 erlaubt.

Performance

Unabhängige Messungen der 3D- und Rechenleistung von Beema und Mullins sind derzeit nicht möglich, aber AMD hat einige Benchmarks veröffentlicht. Diese stimmen nachdenklich, denn es handelt sich nur um Werte des Spiele-Benchmarks 3DMark11, des ebenfalls GPU-lastigen Basemark CL (OpenCL-Software) und um den „Home“-Teil des PCMark 8 v2. Auch letzterer hat einen hohen Video-, 3D- und OpenCL-Anteil, bewertet also in großen Teilen ebenfalls die GPU-Performance und nicht etwa die reine CPU-Rechenleistung.

Nur im 3DMark11 verspricht AMD deutliche Mehrleistung von bis zu 22 Prozent. Im PC Mark 8 liegt der A10 Micro-6700T trotz des pompöseren Namens und der vermeintlich 57 Prozent höheren Taktfrequenz bloß um 7 Prozent vor dem A6-1450. Der A6-6310 ist sogar um 4 Prozent langsamer als sein Vorgänger A6-5200, obwohl seine Typenbezeichnung anderes suggeriert. Möglicherweise nennt AMD bisher nur die Turbo-Frequenzen der Neulinge, also nicht die Taktrate unter Volllast auf allen CPU-Kernen und der GPU. Obwohl letztere ebenfalls höher takten soll, absolvieren Beema und Mullins auch den Basemark CL nicht schneller.

Konkurrenten

Trotz der wenig berauschenden Benchmark-Ergebnisse sieht AMD die Mullins- und Beema-Spitzenreiter auf Augenhöhe mit Haswell-Chips wie dem Core i3-4010Y (1,3 GHz) beziehungsweise dem Pentium 3556U (1,7 GHz). Das sind niedrig getaktete Haswell-Doppelkerne für Tablets und Billig-Ultrabooks mit ähnlichen TDP-Werten wie A10 Micro-6700T beziehungsweise A6-6310. Sie liefern allerdings dermaßen hohe Single-Thread-Performance, dass sie ihren jeweiligen Quad-Core-Kontrahenten im PC Mark 8 überlegen sind. Weiterhin sticht bei AMD also nur der Grafikteil.

Bei den Tablets konkurriert der A10 Micro-6700T mit dem Atom Z3770 (1,46 GHz, Turbo 2,39 GHz) beziehungsweise dem kommenden Atom Z3795. Nach den bisherigen Erfahrungen liefert ein Silvermont-Atomkern bei gleichem Takt ähnliche Performance wie ein Jaguar. Folglich dürfte AMD mit 2,2 GHz Turbo-Takt nicht viel reißen können – auch hier muss es der Grafikprozessor richten. Bei der 3D-Performance wird er deutlich vorne liegen. HD-Video-Decoding und auch -Transcoding beherrschen beide Konkurrenten. Es kommt also letztlich darauf an, ob der AMD-Chip ähnliche Akkulaufzeiten von 8 bis 12 Stunden bei 11,6-Zoll-Tablets ermöglicht wie der Atom Z3770. Genau wie Intel nennt AMD eine Scenario Design Power (SDP) – und die ähnelt der des Atom Z3770.

Vergleichsmessungen sind wohl erst „im Sommer“ möglich – dann sollen die ersten Mullins-Tablets erscheinen, eines wohl von Lenovo. Wann Beema loslegt, wollte AMD nicht genau verraten. Die Vorgänger, also Kabinis, stecken bisher vor allem in Mini-PCs und Billig-Notebooks wie jenen, die Aldi für 400 bis 500 Euro verkauft. Dafür bekommt man Hybrid-Geräte mit 11,6, 13,3 oder jetzt auch 15,6 Zoll oder auch Touch-Notebooks mit 17-Zoll-Schirm. Medion hat in die letzten dieser Geräte meistens Atom-Celerons wie den Celeron N2920 oder den Atom-Pentium N3520 eingebaut. Die sind zwar nicht schneller und in der 3D-Performance sogar schlechter als Kabinis, doch die Akkulaufzeiten sind ordentlich und die Kühlung kann klein und billig ausfallen – die Chips sind mit 7,5 Watt spezifiziert. Bei den Beema-Chips liegt die Leistungsaufnahme laut Datenblatt höher, aber sie bieten Vorteile wie 4K-Anbindung – leider nur mit 24 oder 30 Hz –, AES-Befehle und höhere OpenCL-Rechenleistung. Die stärkere 3D-Beschleunigung bringt nur in wenigen Spielen Vorteile, weil sie absolut gesehen auf niedrigem Niveau liegt.

Wo die neuen 28-Nanometer-Chips gefertigt werden, wollte AMD auch auf Nachfrage nicht verraten. Es gibt aber einige Anzeichen, wonach sie bei Globalfoundries in Dresden entstehen, jedenfalls die Silizium-Wafer. Anschließend reisen sie aber nach Asien, um getestet und ins Gehäuse beziehungsweise auf den Die Carrier gelötet zu werden. Brazos- und Kabini-Chips stammen fast alle vom Auftragsfertiger TSMC.

Wann Rechner mit Beema und Mullins im deutschen Einzelhandel auftauchen, lässt sich derzeit kaum einschätzen. Es wirkt etwas rätselhaft, warum AMD die Chips jetzt schon ankündigt. (ciw)

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