4K sind nicht genug

Highlights von der Demo-Party Revision 2014

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Während andere Eier suchen gingen, trafen sich in Saarbrücken über die Osterfeiertage knapp 1000 Besucher zur weltweit größten Demo-Party. Dort traten die Entwickler zahlreicher beeindruckender audiovisueller Spektakel zu Wettbewerben an – die Sieger bestimmte das Publikum.

Die Subkultur der Demoszene besteht aus kreativen Programmierern von spektakulären audiovisuellen Kunstwerken und dem Publikum, das sie liebt. Diese „Szener“ treffen sich in regelmäßigen Abständen zu Partys, auf denen die neuesten Werke in Wettbewerben gegeneinander antreten.

Video: Highlights von der Demo-Party Revision 2014

Die Revision in Saarbrücken ist die weltweit größte reine Demo-Party. Wie ihre Vorgängerveranstaltung, die Breakpoint, findet sie traditionell an den Osterfeiertagen statt – vom Karfreitag bis zum Ostermontag.

Zur Revision 2014 trafen sich über 950 Entwickler und Szene-Begeisterte, um Beiträge in 22 Kategorien zu zeigen, zu bewundern und zu bewerten. Hierfür stand in der großen Multifunktionshalle eine riesige Leinwand bereit. Im Rahmenprogramm fanden diverse Seminare statt – die meisten davon zu Programmierthemen, aber auch ein Ratgeber zum Umgang mit Filesharing-Abmahnungen und eine „Einführung in belgische Biersorten“.

Jede Demo-Party dreht sich in erster Linie um die Wettbewerbe (Compos). Darunter sind Echtzeit-Demos am spannendsten: Viele stammen von Entwickler-Gruppen, einige auch von Solo-Künstlern. Ihr Code lässt auf PCs, Amigas und Oldskool-Hardware die Prozessoren heißlaufen.

Die meisten Beiträge laufen auf leistungsstarken Windows-PCs. Wer die nötige Hardware im Haus hat, der sollte die im Folgenden beschriebenen Intros und Demos unbedingt auf seinem heimischen Rechner starten. Wer nicht genug PC-Power unter der Haube hat, der kann Mitschnitte der Beiträge auf YouTube bewundern. Im c‘t-Link am Artikelende finden Sie sowohl Verweise zu den Demos sowie ein Video mit Highlights.

Neben der Hauptkategorie der PC Demos gibt es Wettbewerbe mit beschränkter Dateigröße. Die ausführbare Datei dieser „Intros“ darf maximal 4, 8 oder 64 KByte groß sein. Um auf dem engen Raum möglichst viel Effekte unterzubringen, bedienen sich die Entwickler waghalsiger Tricks: erst beim Programmstart errechnete prozedurale Texturen, Synthesizer statt Samples und Laufzeitpacker, die alles so klein machen wie nur irgend möglich.

8 KByte für ein Gedicht

Tazadum brachte für „Drop“ in 4 KByte Code ein industriell wirkendes Geflecht in organischen Farben unter, das zu einer leuchtenden Kugel verschmilzt, aus der reflektierende Blobs herauswachsen, begleitet von getragener Synthesizer-Musik (4K Intro, Platz 2). Auch Razor 1911 setzte in „L‘abstraction Dominante“ auf fraktal generierte Strukturen. Aufwendige Shader beleuchten eine atmosphärische Reise durch Korallenhöhlen, begleitet von dezentem Electro (4K Intro, Platz 1).

Um Programmierern etwas mehr Raum zu geben, führten die Veranstalter der Revision 2014 eine neue Kategorie ein: die 8K Intro. Fulcrum zeigte in „Regression 8K“ ein Gedicht, dessen Wörter sich aus Rauchschwaden bildeten und wieder zu Wölkchen verpufften (8K Intro, Platz 2). Den ersten Preis gewannen Loonies mit „The Bridge“. Darin schlängeln sich zwei metallische Rohre über ein Flussbett, um unter einer rostenden Brücke ebenfalls der Korrosion zu verfallen. Die Intro besticht durch flüssige Animationen, realistische Tiefenunschärfe und den hyperrealistischen Rosteffekt.

In der Kategorie 64K Intro beginnt „The Timeless“ von Mercury unter Wasser, zeigt dann brechende Wellen vor einem Sonnenuntergang und das Innere einer Kathedrale mit Bleiglasfenstern, alles mit überzeugenden Blendenflecken und anderen Tricks. Eigentlich hätte das schon gereicht. Doch dann rollen sich die Wege eines marmorlastigen Kolumbariums und die Straßen einer unendlichen Stadt langsam zusammen – das muss man gesehen haben.

PCs am Anschlag

Die PC-Demo „Blitzgewitter“ von Titan spielt, wie der Name verspricht, mit Lichteffekten. Dazu gehören flackernde Kaleidoskope, Neonwürmer, Leuchtquallen und sprühende Partikel. Wiederkehrendes Element ist eine Gruppe von Pyramiden, die sich von Algen befreien, durch einen Lichttunnel treiben und schließlich von einer menschlichen Hand gegriffen werden. Der Soundtrack beginnt mit beruhigenden Sphärenklängen und wechselt dann zu treibendem Drum & Bass, der mit einer Prise Barjazz gewürzt wird – ein faszinierender Trip, den das Publikum mit dem zweiten Platz belohnte.

Der erste Platz ging an das „Observatory“ von Cocoon. In dieser PC Demo zelebriert die Gruppe den für sie typischen industriellen Look: Einsame Industrieroboter bearbeiten eine Quecksilbersphäre; Gase wabern zwischen verlassenen Kolben und Rohren. Zum Schluss schlängeln sich rot glühende Stahlknospen durch die Metallwelt, bis sie zu kalt leuchtenden Stahlblumen erblühen – kinoreif.

Der Amiga wirft Schatten

Als Urplattform der Szene kam auch in diesem Jahr der Commodore Amiga nicht zu kurz. In der Kategorie Animation siegte Gaspode mit dem Kurzfilm „Light & Magic“, in dem die Tasten eines alten Amiga-Rechners plötzlich aufzuleuchten beginnen. Nach und nach entwickelt sich eine richtige Lichtshow, die Vektorwürfel in den Rechner einzustanzen scheint, um schließlich einen Blick in sein Innenleben zu gewähren: Darin rotieren Dutzende von Zahnrädern.

In der Kategorie der Amiga-Demos errangen Elude mit dem monochromen „Serenity“ den zweiten Platz. Ein poppiger Electronica-Song untermalt durchaus aktuell wirkende Effekte – nur die grobe Auflösung verrät sofort, dass hier keine aktuelle Hardware am Werk ist, sondern ein 22 Jahre alter Amiga 1200.

Der Siegerbeitrag stammte von The Black Lotus (TBL) und war deren erster Party-Beitrag seit sechs Jahren. In „Rift“ kreist die Kamera langsam um eine klassische Steinstatue, gleitet durch eine fraktale Höhle und rast mit waghalsigen Flugmanövern über eine weitläufige Berglandschaft. Als dann auch noch eine Polygon-Ballerina vor einer Betonwand Pirouetten dreht, weiß man, dass TBL das Letzte an Leistung aus der antiken AGA-Architektur geholt haben.

Unter den Oldskool-Demos beeindruckte vor allem „Bang!“ von Xayax. Es portiert unter anderem Amiga-Effekte auf die 1977 erschienene Spielkonsole Atari 2600 – darunter auch den hüpfenden Ball, mit dem Commodore seinerzeit die Leistungsfähigkeit seines Systems demonstrierte. Nun ist der Atari 2600 noch einmal eine ganze Ecke älter und besitzt nicht einmal eine Grafikeinheit; hier muss also die CPU mit nur 128 Byte RAM alles selbst berechnen – eine enorme technische Leistung.

Die Wild-Kategorie ist jedes Jahr für eine Überraschung gut. Hier ist jede Plattform erlaubt und jede Dateigröße; es zählt nur die Originalität. In diesem Jahr stachen Tristar & Red Sector Inc. (TRSi) die Konkurrenz mit „10 Orbyte“ aus. Ihren Beitrag hatten TRSi ins Weltall geschossen – 10 KByte Code auf dem Mikrosatelliten Wren, der seit vergangenem November als Teil der Mission UniSat-5 um die Erde kreist. Der Code ist ein Intro für den Commodore 64 mit Chiptune-Musik und altmodischen Scrolleffekten – was halt so in 10 KByte hineinpasst. 21 Jahre wird die Demo voraussichtlich um die Erde kreisen. (ghi)

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