Die volle Dröhnung

@ctmagazin | Editorial

Darf man Foren glauben, sehnen sich Besitzer von Mobilgeräten nach nichts so sehr wie nach einem Update. Was erhoffen sie sich davon, wenn sie mehrmals täglich per Hand „Nach Aktualisierungen suchen“? Sie wollen endlich auf dem neuesten Stand sein.

Ist ja nachvollziehbar: Da kauft man ein nagelneues Smartphone und stellt fest, dass das darauf laufende Betriebssystem schon anderthalb Jahre auf dem Buckel hat. Dafür muss es doch ein Update geben?

Als mehrfach gebranntes Kind weiß ich nur zu gut, wo diese Update-Gier oft endet. Mein seliges Nokia E7 lief wie eine Eins, bis das Update auf Symbian Belle kam. Sah super aus, war aber schnarchlangsam. Auch nach mehreren Patches fand das Gerät nie wieder zurück zu seiner alten Schwuppdizität.

Mein Ur-iPad war bis zu iOS 4 noch schnell und behände, dann legte ihm iOS 5 Bleigewichte in die Taschen. Nach zwei Revisionen gings wieder einigermaßen, aber dann war ein iPad 3 im Haushalt und zeigte dem Veteranen, was Performance ist. Dann kam iOS 7.1 – wieder ein Update zu viel.

Unter Android erging es mir nicht anders. Mit Android 4.1 war das Samsung Galaxy S3 ein Leistungssportler. Dann kam im Dezember das Update auf 4.3: Akkulaufzeit im Eimer, System-Apps zickten, nichts lief mehr rund.

Als Samsung im Februar ganz viele Updates auf Android 4.4.2 ankündigte, schöpfte ich kurz Hoffnung. Diese Version hatte Google explizit für Geräte mit weniger RAM optimiert. Doch das S3 ging leer aus: Laut Samsung besitze es fürs Update zu wenig RAM. Ich beschloss, es positiv zu sehen: Noch lahmer dürfte das Ding echt nicht werden.

Dann fragte Kollege Czerulla, warum ich kein Custom-ROM nehme (ab Seite 120 fragt er auch Sie). Mit Android 4.4.2, so aktuell, dass man die frisch gebrannten Bits noch riechen konnte. Die Restgarantie des S3 war eh abgelaufen, was hatte ich zu verlieren?

So habe ich CyanogenMod 11 auf das Gerät geflasht. Plötzlich lief das S3 wie ’ne Eins – mindestens so schnell wie beim Kauf, auf jeden Fall schneller als mit 4.3. Das Wechseln zwischen Apps ging fix und der Akku hielt plötzlich wieder tapfer den Arbeitstag durch.

Da wurde mir klar, wo bei Samsung der Hase im Pfeffer lag. Der angebliche Speichermangel betraf keinesfalls Android selbst, sondern das Bouquet an Zusatz-Apps, das die Koreaner zwanghaft darüberschütten. TouchWiz, S Memo, S Suggest, S Voice, S Zett ... Und damit ist Samsung ja nicht alleine: HTC und Sony stülpen Android ebenfalls eigene Oberflächen über, LG haut seine Geräte mit QDingens voll. Custom-ROMs verzichten auf diesen Ballast.

Android bietet die entscheidende Möglichkeit, die mir bei Apple und Nokia fehlt: Dort bin ich stets dem Hersteller ausgeliefert, der mir mit dem nächsten 16-Tonnen-Update den Rest gibt. Bei Android kann ich mit einem Seitenschritt ausweichen, ein Custom-ROM flashen und mich eines sauberen Systems erfreuen, das gleichermaßen schnell und aktuell ist. Wage ich ein ganz leises, verschämtes Hurra auf Googles Offenheit, trotz Datenkrake und so?

Ich wag’s.

Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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