Wildes Netz, zahme Nutzer

re:publica 2014: Das Internet nach Edward Snowden

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Angefangen als kleines Bloggertreffen ist die re:publica zu einer Gesellschaftskonferenz geworden. Denn die Überwachung durch NSA und Co. betrifft jeden. Was passiert mit dem Netz und was ist jetzt zu tun?

Sascha Lobo schimpfte und David Hasselhoff sang – und die Zuschauer twitterten, bloggten, klatschten. Doch die beiden Männer wollten von der Bühne aus mehr erreichen: Die Netzgemeinde soll ihren Arsch hochkriegen und endlich aktiv werden, damit sich was tut. Probleme gibt es viele, das größte aber ist der NSA-Überwachungsskandal, an dem die diesjährige re:publica thematisch gar nicht vorbeikam. Zu drastisch ist das, was da in den vergangenen Monaten ans Licht kam. Doch kann eine Internetkonferenz Lösungen liefern? Oder ein David Hasselhoff?

Immerhin ist das Treffen im achten Jahr laut Veranstalter „Europas größte Konferenz der digitalen Gesellschaft“. Und eigentlich ist die re:publica mehr als das: Mit der diesjährigen Veranstaltung unter dem Motto „Into the Wild“ avancierte das Treffen zur „Gesellschaftskonferenz“, resümierten die Organisatoren – eine Konferenz also, die mittlerweile alle betrifft und außer den üblichen Verdächtigen auch den SeniorenComputerClub Berlin-Mitte anlockte.

Der bunte Themenmix der 350 Vorträge spiegelte den Anspruch der Konferenz wider: Es ging um die Zukunft des Online- und Lokaljournalismus, um Roboter, die Artikel schreiben, um die sexuelle Revolution im Netz, um zivilen Ungehorsam, um Geld, um Sprache und es ging um Wikileaks, Manning, Snowden und die NSA sowie andere Geheimdienste mit komischen Kürzeln.

Auch die Nerds waren wieder da, die Geeks, die Digital Natives, die Maker, die Smartphone-Surfer und das Who is Who der deutschen Bloggerszene, die ins Internet schreibt. Sie hielten kurzweilige Vorträge oder hörten ihnen zu, tranken Club-Mate und fritz-kola, aßen Couscous-Salat oder knusprige Heuschrecken am Stand von „Bugs Food“. Anders als in den Vorjahren durften sich nur zahlende Gäste auf dem Innenhof des Geländes tummeln. Dort lernten sie in entspannter Atmosphäre die Gesichter zu Twitter-Accounts kennen, dort hockten sie auf dem „Affenfelsen“, dunklen Sitzgelegenheiten mit Stromversorgung. Menschen mit beklebten MacBooks hingen an Strippen – die Bewegungsfreiheit beschränkt auf die Länge des Ladekabels.

Freiheit war auch zentrales Thema der re:publica, nämlich vor allem die Freiheit im Internet und die Privatsphäre im digitalen Raum. Sie sind keine Selbstverständlichkeit mehr: Die Gesellschaft wird umfassend überwacht, jeder Schritt, jeder Klick. Vor Snowden war’s irgendwie witziger – die re:publica ist gewissermaßen erwachsen geworden und ein bisschen ernster. Die Botschaft war klar: Wir müssen das Netz zurückerobern, wir müssen nur wollen. Aber wie denn nur?

Freiheit fühlen

Einer, der zumindest gesanglich nach Freiheit Ausschau hielt, ist David Hasselhoff. Er tanzte ’89 mit blinkender Lederjacke auf der Berliner Mauer, für deren Fall er aber nicht verantwortlich gewesen sei: „Die einzige Sache war, dass ich einen Song über Freiheit sang“, erklärte Hasselhoff auf der Bühne. Ganz egal, in Deutschland ist der Amerikaner ein bisschen Kult. In den 80ern war er im TV als Michael Knight im Auftrag der „Foundation für Recht und Verfassung“ unterwegs – jetzt redete er tatsächlich über Freiheit und Privatsphäre im Internet. Das ist erstaunlich, als Netzaktivist ist „The Hoff“ bisher nicht aufgefallen. Gegen die Überwachung helfen soll ein Manifest zur digitalen Freiheit, das Hasselhoff gemeinsam mit Mikko Hypponen von der finnischen Sicherheitsfirma F-Secure vorstellte. Schreiben sollen es die Netznutzer, das Ergebnis wird dann Weltführern wie Angela Merkel, Barack Obama oder Wladimir Putin überreicht. Ob die das groß interessieren wird? Hasselhoff jedenfalls war sich sicher: „Ihr könnt was ändern!“

Das Publikum schien vor allem an einem interessiert: „Could you please sing your song?“, fragte einer mit viel Hoffnung in der Stimme. Eigentlich solle er nicht, zögerte Hasselhoff, schließlich ginge es um ein ernstes Thema. Aber na gut, dann sang er halt doch: „That’s digital freedom we are looking for! Digital freedom and privacy.“

Zur Lage der Nation

Nicht so euphorisch zeigte sich Sascha Lobo, der mit seiner Keynote zur re:publica gehört wie die rote Irokesenfrisur zu Sascha Lobo. In diesem Jahr gab sich das „Internet-Maskottchen“ in seiner Rede zur Lage der Nation „im Jahr eins nach Snowden“ kämpferisch, aber auch enttäuscht. Lobo kritisierte mit harten Worten die Netzgemeinde und deren Umgang mit dem NSA-Skandal: „Ihr habt versagt!“ Reblogs, Retweets und Likes allein reichen nicht. Da müsse viel mehr passieren, forderte Lobo und redete der Netzgemeinde ins Gewissen. Sie lasse sich viel zu leicht ablenken: „Wenn in einem Raum ein Tyrannosaurus Rex auf Speed ist, hat der kleine bunte Pudel vielleicht nicht Priorität.“

Der Überwachungsskandal ist längst nicht beendet und das Ausmaß kaum vorstellbar, wie Lobo anhand der Einträge auf der Heise-Timeline demonstrierte – und schließlich abbrach, wegen der schieren Masse an neuen Vorfällen. Die Politik versuche, die NSA-Affäre derweil auszusitzen. Praktisch habe sich nichts verändert, mahnte Lobo, zudem sei es „eine Unverschämtheit und eine Katastrophe, was derzeit mit der Nichtaufklärung des NSA-Spähskandals passiert“.

Offenbar ist den Deutschen die Bekassine, „die ein bisschen aussieht wie eine Ente aus Tschernobyl“, wichtiger als das Internet, verglich Lobo die Situation. Beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern setzten sich 120 Mitarbeiter für den Vogel des Jahres ein. Den Kampf für die Festschreibung der Netzneutralität im EU-Parlament führten gerade einmal zwei Festangestellte. Für mehr fehlt es den Vereinen wie der Digitalen Gesellschaft schlicht an Geld. Da nütze es auch nicht, Links zu Petitionen über soziale Netzwerke zu verbreiten. Das Internet sei seinen Nutzern nicht genug wert, kritisierte Lobo. Die große Masse tue zwar so, als sei Netzpolitik total wichtig, doch kaum jemand tue etwas, kaum jemand spende Geld – im Unterschied zu den Eltern der Digital Natives, die aber lieber die Naturschützer unterstützten.

Die Netzgemeinde müsse sich endlich als ernste Lobby begreifen, die die Politik beeinflusst – und nicht als Hobby-Lobby, wie Lobo die Netzgemeinde bereits auf der vergangenen re:publica charakterisiert hatte. Wenn sich keiner organisieren will, dann müsse er das eben selbst übernehmen, drohte Lobo dem Publikum. Die Domain netzgemeinde.de habe er sich jedenfalls schon gesichert; dort will er in deren Namen sprechen, wenn sie sich nicht von ihrer Lethargie befreit. Dass es nicht einfach ist, beschrieb Felix Schwenzel in seinem Vortrag: „Wir kennen unseren Gegner nicht, kennen keine Lösung und wissen nicht, wie wir diese erreichen können.“

Abgelenkt

Dass die Netizens öfter mal nicht ganz aufmerksam bei der Sache sind, liegt sicherlich auch an den Smartphones, die nicht nur Fingerabdrücke anziehen, sondern auch die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer. Weniger aufs Smartphone zu glotzen, das hat sich auch re:publica-Initiator Johnny Haeusler vorgenommen: „Geht’s euch nicht selber auf den Wecker?“, fragte er das Publikum bei seinem interaktiven Vortrag.

Während der vielen Vorträge waren immer wieder blass beleuchtete Gesichter im Publikum zu sehen; in der Dunkelheit wurde auf Displays geguckt und gewischt, während vorne jemand sprach. Andere hörten aufmerksam zu, vielleicht war der Akku leer oder die Verbindung schlecht. Dieses vielleicht merkwürdige Verhalten moderner Digital Natives griff Kate Miltner in ihrem Talk „Put Down That Phone And Talk To Me“ auf und betrachtete soziale Normen und die Auswirkungen der Gadgets auf unser Leben. Ruinieren die kleinen Geräte wirklich unsere Liebesbeziehungen, wie einige Studien und vor allem die Medien immer mal wieder behaupten? Nicht wirklich, alles halb so wild, beruhigte Miltner das Publikum. Neue Medien und neue Techniken hätten immer Panik und Skepsis verursacht: Zeitungen, Telefone, Fernsehen – und nun eben Internet und Smartphones.

Der Veranstaltungsort bot begrenzten Platz und mehrere Veranstaltungen liefen parallel. Folge war eine Geräuschkulisse, die das Zuhören erschwerte: Applaus von der Nebenbühne, Gelächter von drüben – war es da etwa witziger? Gegen den Lärm halfen Funkkopfhörer, die Ohren wärmten und platt drückten. Wem es zu langweilig wurde, konnte einfach auf einen anderen Kanal umschalten und lauschen, ob es auf den Nebenbühnen unterhaltsamer zuging. Blöd nur, wenn das Interesse an einer Veranstaltung größer war als die Anzahl verfügbarer Kopfhörer.

Totale Sicherheit

Dass totale Überwachung im Alltag ganz praktisch sein kann, zeigten Gloria Spindle und Paul von Ribbeck. Sie stellten auf der re:publica eine angebliche Google-Produktreihe namens Google Nest vor. Darunter befand sich auch die Google Bee, eine persönliche Alltagsdrohne. Sie bewacht als „kleiner Freund in der Luft“ Haus und Familie, wenn der Nutzer nicht zu Hause ist. Solarbetrieben surrt die Drohnenbiene unbemerkt über den Köpfen der Kinder und achtet darauf, dass sie keinen Unsinn anstellen. „Die Möglichkeiten sind endlos“, versprach unter google-nest.org eine bunte Website, die weitere Dienstleistungen beschrieb. Die nehmen es mit Privatsphäre nicht so genau. Google Hug etwa erkennt, wann der Nutzer eine Umarmung braucht. Google hilft und findet umarmungswillige Partner, die sich in der Nähe befinden und sich auch nach etwas Körperwärme sehnen. Bei der Demonstration auf der Bühne war das Tatort-Kommissar Jan-Josef Liefers, der im Publikum saß. Was für ein Zufall!

Auch über den Tod hinaus würde sich Google Nest um seine Schützlinge kümmern: Aus den Interaktionen mit Google-Produkten generiert Google Bye ein Profil aus Bildern, Videos und Text. Die schönen Momente des Lebens wären schick aufbereitet und für immer im Netz verewigt. Das ist durchaus beängstigend – und alles nur ein Fake, ein „Open-Source-Hoax“. Hinter der Aktion steckte das „Peng! Collective“, eine Künstlertruppe, die mit „einem Funken Humor zärtlich polarisiert“. Die angeblichen Google-Leute Spindle und Ribbeck heißen eigentlich Faith Bosworth und Jean Peters. Via Twitter stellte Googles Pressestelle sicherheitshalber klar, dass es sich bei der Aktion um eine Satire handelte und die dazugehörige Website nichts mit Google zu tun hat. Später forderte Google die Übertragung der Domain an das Unternehmen.

Zutrauen würde man so eine Google Bee dem Internetriesen schon, zumindest ein bisschen. Doch traut sich die Netzgemeinde selbst zu, erfolgreich für ihre Freiheit im Netz zu kämpfen? Leichte Lösungen gibt es im Jahr eins nach Snowden vorerst keine. (dbe)

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