Sehen und gesehen werden

@ctmagazin | Editorial

Ach, wie niedlich: Ein junger Fuchs schaut neugierig in die Kamera. Den Schnappschuss hat eine Wildkamera gemacht. Sie hängt im Wald am Baum und löst per Bewegungssensor aus. Damit das Tierchen scharf zu sehen ist, schießt sie kurze Bildserien, andere zeichnen Videos auf. Nachts leuchten Infrarot-LEDs. Luxusmodelle schicken dem Jäger Schnappschüsse per MMS: Er fährt erst dann zum Hochsitz, wenn der Hirsch(braten) röhrt.

Seit es Fotofallen ab 100 Euro gibt, hängen nicht mehr bloß Wildbiologen und Förster welche ins Gebüsch, sondern auch Waidmänner und sonstige Tierfreunde. Der rheinland-pfälzische Datenschutzbeauftragte wittert in Deutschland rund 100 000 "Stealth Cams" in freier Wildbahn.

Der Wald steht schwarz und schweiget, aber die Fotofalle wacht - ihre Batterien halten monatelang durch. So knipst sie außer Fuchs und Hase auch menschliche Turteltäubchen, Wanderer, Pilzsammler und Geo-Cacher. Dafür interessieren sich die meisten Tierfreunde wohl nicht. Trotzdem wird sicherlich das eine oder andere Foto ins Netz gespült, aus Versehen per Cloud-Backup oder absichtlich, weil es so lustig ist: Schaut euch mal den Deppen an, der da an den Baum pinkelt.

Dabei sind Wildkameras bloß die Spitze des Eisbergs: Wer hierzulande einen Fuß vor seine Haustür setzt, steht schon im Fokus. Überwachungskameras auf öffentlichen Plätzen und Straßen, Kameras privater Wachschützer auf Flughäfen und in der U-Bahn, Webcams von Geschäftsleuten - mein Bäcker hat eine über der Kasse. Manchmal fliegen die Bilder unverschlüsselt per WLAN durch die Luft. Und wie gut sind eigentlich die Aufzeichnungen davor geschützt, in falsche Hände zu geraten, etwa auf gebrauchten Festplatten oder verlorenen SD-Karten?

Privatleute rüsten ebenfalls ihre Video-Überwachung auf, mit Webcams an der Haustür, im Schrebergarten, mit einer Dashcam im Auto oder eben einer Wildkamera. Auch Urlaubs-Schnappschüsse mit unbeteiligten Passanten landen bei Flickr oder Facebook, gleich mit Datum, Uhrzeit und Geo-Referenz. Eifrig tüfteln Google und Facebook an Systemen zur Gesichtserkennung, aber genügend Nutzer taggen ihre Bekannten gleich selbst.

So mancher, dem es vor NSA-Stielaugen graust und der sein Haus bei Google Streetview verpixeln lässt, sammelt privat die Daten Fremder. Android-Nutzer laden Kontaktdaten und E-Mails auf Google-Server, die Sprechstundenhilfe beim Arzt gewährt Blicke auf ihren PC-Bildschirm. Von dort aus ist die Cloud nur ein Smartphone-Foto weit entfernt. Deshalb bleiben Handys auch in der Schule aus, erst recht im Umkleideraum von Turnhalle und Schwimmbad.

Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu: Datenschutz ist eine mühselige Sache, weil alle mitmachen müssen. Ich jedenfalls wünsche mir Wälder ohne Fotofallen - bloß mit Bäumen, Tieren, Himbeeren, Steinpilzen. Naja, und mit einem Ausflugscafé, das gute Sachertorte backt.

Christof Windeck Christof Windeck

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