Bolivien träumt vom Lithium-Boom

Wie das ärmste Land Südamerikas eine Akku-Industrie aufbauen will

Wissen | Reportage

In einem bolivianischen Salzsee lagern die größten Lithium-Vorräte der Welt. Die Regierung will das wertvolle Metall selbst fördern und zu Akkus verarbeiten – damit der Profit im Land bleibt. Doch noch beherrschen die Ingenieure die Technik nicht.

Die erste Akkufabrik Boliviens steht in einem Tal vor den Toren von Potosi. Im weißen Laboranzug führt Fabrikleiterin Juana Olivares durch die Produktion. Brandneue Maschinen backen Metallpulver, streichen es auf Folien und wickeln diese zu Akkuzellen. Techniker injizieren das Lithium. „Akkus sind unsere Zukunft“, sagt Olivares.

Bislang war Potosi das Symbol für Boliviens Vergangenheit, für die Ausbeutung durch Kolonialmächte und Konzerne. Die Spanier trieben hier Millionen Zwangsarbeiter in den „Cerro Rico“, den reichen Berg, und schafften zehntausende Tonnen Silber nach Hause. Im 20. Jahrhundert wiederholte sich das Trauma mit Zinn. Ein paar Oligarchen und US-Firmen wurden reich, Bolivien blieb das ärmste Land Südamerikas.

Mit Lithium will Bolivien seine Vergangenheit hinter sich lassen. Eine Staatsfirma fördert das Metall auf eigene Rechnung, damit dieses Mal die Gewinne im Land bleiben. „Wir wollen kein zweites Potosi“, sagt Präsident Evo Morales. Doch seine Pläne sind noch ehrgeiziger: Er will eine Akkuindustrie aufbauen und so mehr Arbeitsplätze schaffen und mehr Gewinn erzielen als mit dem Verkauf des Rohstoffs. Noch ist Kokain das bekannteste Exportprodukt – in Zukunft sollen es Akkus sein.

Der Schatz im Salzsee

Der Grund für den Traum vom Lithium-Boom ist der Salar de Uyuni, der größte Salzsee der Welt. Er liegt drei Stunden westlich von Potosi. Täglich werden hunderte Rucksacktouristen auf die schneeweiße Kruste gefahren. Ungläubig bestaunen sie die 10 000 Quadratkilometer Salz, in 3700 Metern Höhe, umgeben von Vulkanen.

Boliviens Hoffnung steckt unsichtbar unter der Oberfläche. Das Salz ist porös und mit Flüssigkeit getränkt. Ein Liter der Sole wiegt bis zu 1,2 Kilogramm und enthält unter anderem Kalium, Magnesium – und Lithium. Das Metall ist für ausdauernde, leichte Akkus unersetzlich.

Der Geologe Robert Sieland von der Bergbau-Universität Freiberg hat als erster die Porosität des Salzes umfassend untersucht. Deshalb kann er am besten abschätzen, wie viel Lithium im gesamten See steckt. In der obersten, zehn Meter dicken Schicht sei es etwas weniger als bislang erhofft. „Aber auf jeden Fall mehr als in jedem anderen Vorkommen der Welt“, sagt er. Weiter unten gebe es aufgrund des Gewichts der oberen Schichten weniger Hohlräume und somit auch weniger Sole. Aber auch in tieferen Salzschichten könne sich die Förderung vielleicht lohnen. ...

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Bolivien träumt vom Lithium-Boom

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c't 15/2014, Seite 72 (ca. 4 redaktionelle Seiten)
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  1. Der Schatz im Salzsee
  2. Das 900-Millionen-Projekt
  3. Drei Jahre Verzögerung – mindestens
  4. Eine Fabrik, schlüsselfertig aus China
  5. „Evo hält seine Versprechen“
  6. „Das wichtigste Unterfangen unserer Geschichte“

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  • Die Anden von oben: Im Vordergrund liegt die chilenische Küste, dahinter der riesige bolivianische Salzsee „Salar de Uyuni“.
  • Unter seiner Salzkruste steckt das größte Lithiumvorkommen der Welt.
  • In einer Fabrik am Ufer tüftelt die bolivianische Staatsfirma Comibol an einem Prozess zur Lithium-Gewinnung.
  • „Sonne und Wind lassen einen Teil des Wassers verdunsten“ erklärt Pressesprecher Raul Martinez, einer der 230 Angestellten der Fabrik.
  • Während des monatelangen Prozesses kristallisieren nacheinander verschiedene Salze aus der Lösung heraus. Übrig bleibt eine Brühe mit hohem Lithium- und Magnesiumgehalt.
  • In einer Anlage am Ufer trennen Chemiker das Lithium vom Magnesium – den komplizierten Prozess zeigt Comibol nicht.
  • Dabei heraus kommt Lithiumcarbonat, ein unersetzlicher Rohstoff für Akkus. „Wir industrialisieren das Land mit Würde und Souveränität“, schreibt Comibol auf die Verpackung.
  • Im Moment habe das Lithiumcarbonat eine Reinheit von 92 Prozent, sagt der verantwortliche Ingenieur Javier Urbina. Auf seinem Helm steht sein Spitzname: „König des bolivianischen Lithiums“.
  • In Potosi, drei Stunden vom Salzsee entfernt, hat Comibol eine zweite Fabrik gebaut: Hier werden Lithium-Ionen-Akkus produziert.
  • Bei der Einweihung im Februar präsentierte Comibol die ersten Produkte: Akkus für Handys und E-Bikes.
  • Boliviens Staatspräsident Evo Morales drehte eine Runde auf einem E-Bike.
  • Zehn chinesische Experten hatten die Bolivianer zwei Monate lang in der Akkuherstellung ausgebildet.
  • Nicht nur das Know-how, auch die Maschinen stammen aus China.
  • Der sozialistische Präsident Evo Morales will eine eigene Industrie aufbauen statt nur die Rohstoffe seines Landes zu verkaufen.
  • „Alle Komponenten, die auf Lithium basieren, wollen wir selbst herstellen“, sagt Juana Olivares, die Leiterin der Akkufabrik. Doch bislang kann sie das Lithiumcarbonat aus dem Salar de Uyuni noch nicht einsetzen. Comibol muss eine weitere Fabrik zur Aufbereitung bauen.

Infos zum Artikel

Kapitel
  1. Der Schatz im Salzsee
  2. Das 900-Millionen-Projekt
  3. Drei Jahre Verzögerung – mindestens
  4. Eine Fabrik, schlüsselfertig aus China
  5. „Evo hält seine Versprechen“
  6. „Das wichtigste Unterfangen unserer Geschichte“
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